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»Das Finale hat zwei Sieger«

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EM-Analyse von Kai Wandschneider © Red

Gießen. Nach einem packenden Finale ist Schweden der neue Handball-Europameister. Die Skandinavier mit dem Wetzlarer Außenspieler Emil Mellegard setzten sich dank eines Siebenmetertreffers am Ende der regulären Spielzeit mit 27:26 gegen Spanien durch. Der frühere Wetzlarer Trainer Kai Wandschneider analysiert für unsere Zeitung das Turnier.

»Was war das für ein Kopf-an-Kopf-Rennen! Ein Herzschlagfinale über 60 Minuten! Die Schweden waren anfangs immer eine Nasenlänge voraus. Aber bis zur Pause haben die Spanier das drehen können und lagen danach immer einen Tick vorne.

Die Spanier haben eine überragende Abwehr gespielt und verhindert, dass der dänische Spielmacher Jim Gottfridsson das Spiel so breit aufziehen konnte, wie der Flensburger das ansonsten macht. Corrales hat im spanischen Tor eine gute Leistung geboten. Der eingewechselte Perez de Vargas konnte in der Schlussphase wiederum nichts bewirken. Bei den Schweden war natürlich Torwart Andreas Palicka wie im Halbfnale extrem wichtig. Er hat sogar einen Kempa gehalten, was eigentlich unmöglich ist. Was den Schweden meiner Meinung nach sehr gut getan hat, war, dass Hampus Wanne und Niklas Ekberg nach ihrer Corona-Pause in die Mannschaft zurückgekommen sind. Wanne hat zwar die ersten beiden Siebenmeter verworfen, aber später dann zwei wichtige Tore geworfen und in Überzahl auch noch einen Ball der Spanier abgefangen. Das waren entscheidende Aktionen von Wanne.

Und trotzdem: Die Schweden hatten sehr, sehr große Probleme im Angriff in der zweiten Halbzeit. Sie haben keine spielerischen Lösungen gefunden, konnten sich eigentlich gar keine Chancen herausspielen. Warum die Mannschaft da nicht mal den siebten Feldspieler probiert hat, weiß ich nicht. Über lange Strecken war ich mir fast sicher, dass Spanien gewinnt.

Am Ende wurde es dann hochdramatisch. Spaniens Trainer nimmt in der letztenMinute die Auszeit. Und dann wird ausgerechnet der im Turnierverlauf so überragende Joan Canellas zur tragischen Figur. Erst geben die beiden deutschen Schiedsrichter ihm einen Freiwurf nicht, den man hätte geben können. Dann verursacht Canellas den Siebenmeter, den man pfeifen muss. Dann ist die Spielzeit abgelaufen. Und dann steht Ekberg da und muss den Strafwurf verwerten. Puh. Da muss man sehr nervenstark sein und das war er schließlich ja auch. Für die Schweden freut mich das. Schließlich ist es ihr erster Titel seit 20 Jahren. Das haben sie vor allem dem überragenden Spielmacher Jim Gottfridsson und natürlich auch Torwart Palicka zu verdanken. Bei Schweden hat man sowieso den Eindruck, dass Gottfridsson alle wichtigen Entscheidungen trifft, auch in den Auszeiten.

Aber insgesamt gesehen, hat dieses Finale für mich zwei Sieger. Schließlich war es das neunte Spiel für beide Mannschaften binnen 17 Tagen. Das ist eine wahnsinnige Belastung. Ich denke, Spanien wäre ein genauso verdienter Europameister gewesen. Die Mannschaft befindet sich ja eigentlich im Umbruch. Da hat vor dem Turnier wohl kaum einer erwartet, dass sie das Finale erreichen.

Ihr Trainer Jordi Ribera hat sich aus ganz kleinen Verhältnissen bis ganz nach oben gearbeitet. Der Mann ist richtig gut. Insgesamt war das ein sehr schönes Spiel zum Abschluss.

Der eigentliche Turnierfavorit Dänemark hat die Goldmedaille selbst verzockt mit seinem Personalpoker im letzten Hauptrundenspiel gegen Frankreich, das sie nicht hätten verlieren müssen und dann eben im Halbfinale auch nicht auf Spanien getroffen wären. Das macht mental etwas mit einer Mannschaft. Ich denke, das wird den Dänen auch eine Lehre sein, nicht im falschen Moment Spieler zu schonen. Im Halbfinale haben sie dann nur noch Standhandball gespielt. Vielleicht aber war ihr Starspieler Mikkel Hansen auch nicht im Vollbesitz seiner Kräfte.

Im anderen Halbfinale haben Palicka und Gottfridsson Schweden zum Sieg gegen Frankreich geführt. Auch das war von den Beiden eine fast schon überirdische Leistung.

Insgesamt ist es im Handball wie im Fußball: Die wichtigen taktischen und spielerischen Entwicklungen gehen immer von den großen Vereinen aus, wo eben auch täglich mit den Spielern trainiert wird. Nationalmannschaften können solche Entwicklungen gar nicht leisten.

Bei Turnieren sieht man deshalb auch im taktischen Bereich wenig Neues. EM oder WM sind letztlich nur eine Art Überlebenskampf. Wer bis zum Ende kräftemäßig am Besten durchhält, gewinnt.«

Aufgezeichnet von Karsten Zipp

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Überragende Vorstellung: Torwart Andreas Palicka führt Schweden zum EM-Gold. © dpa

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