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»Das schüttelst du nicht aus den Kleidern«

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In London von Fans angegriffen: Der aus Lich stammende HR-Reporter Tim Brockmeier. © Brockmeier

Frankfurt/Wetzlar. Seinen Humor hat sich Tim Brockmeier bewahrt. Das hört man schon zu Beginn des Interviews heraus. Aber Lachen, das kann der erfahrene Reporter des Hessischen Rundfunks über die Ereignisse vom vergangenen Donnerstag sicher nie. Der gebürtige Licher und sein Kollege Philipp Hofmeister wurden während des Halbfinal-Hinspiels der Fußball-Europa League zwischen West Ham United und Eintracht Frankfurt bei der Erfüllung ihres Jobs auf der Tribüne des Londoner Olympiastadions hinterrücks und mit Nackenschlägen attackiert.

Brockmeier wurde sogar das Headset vom Kopf geschlagen.

Die Geschichte ging durch die Medien. »Und sie hat uns als Leidtragende besonders erschüttert. Vor allem emotional«, blickt der 48-Jährige zurück auf den feigen Angriff einiger wildgewordener West-Ham-Anhänger.

Tim, mit ein paar Tagen mehr Abstand: Können Sie das, was da am vergangenen Donnerstag in London auf der Pressetribüne passiert ist, inzwischen fassen?

Nein, es flammt immer mal wieder auf. Natürlich liest man, welche persönlichen Angriffe es in den vergangenen zwei Jahren auf Journalisten gerade bei Corona-Demos gegeben hat und denkt sich: Das gibt’s doch nicht. Es dann am eigenen Leib zu erfahren und als Reporter, der ein Fußball-Spiel kommentiert, von hinten ehrenlos und ohne sich wehren zu können eine überbekommt: Das stimmt einen sehr nachdenklich. Schon während des Spiels. Es macht es aber fast noch schlimmer bei dem Gedanken an die Dimension, wenn die Vereine West Ham und Eintracht Frankfurt nicht so schnell reagiert, uns da weggeholt und wir dann nicht beim 2:1 der Eintracht oder beim Schlusspfiff weiter dort gesessen hätten.

Sie saßen bei den tätlichen Übergriffen im Pressebereich. War der nicht getrennt von den normalen Zuschauertribünen?

Wir saßen auf einer nicht von den Fans abgetrennten und zusätzlich aufgebaut wirkenden, seitlich versetzten Pressetribüne mit nur sechs, sieben Plätzen. Die eigentliche Pressetribüne war im Verhältnis zum Beispiel zu Frankfurt klein. Vor uns saßen nur die RTL-Kollegen Marco Hagemann und Steffen Freund. Die hätten es genauso abbekommen können.

Wie erklären Sie sich die Handgreiflichkeiten gegen Kollege Philipp Hofmeister und Sie?

Ich dachte im ersten Moment, da ich so emotional beim frühen 1:0 der Eintracht dabei war, dass sich jemand provoziert gefühlt hätte. Was noch keine Berechtigung dafür ist, mich zu schlagen. Aber diese Leute sind schon die ganze Zeit da hin- und hergeschlichen und haben mit nach oben nickendem Kinn provozierend auf uns geschaut. Die hatten uns sowieso auf dem Kieker und hätten ihren Frust ohnehin an uns ausgelassen.

Sie waren als Reporter schon bei zig Sport-Großveranstaltungen wie Fußball-WM, Olympischen Spielen oder Tennis-Grand-Slam-Turnieren. So etwas wie am Donnerstag in London haben Sie noch nicht erlebt, oder?

Als wir nach langem Warten im Stadion schließlich mit einem Shuttle der Eintracht ins Hotel gefahren wurden, habe ich erzählt, dass ich zum Beispiel bei der Fußball-WM 2010 in Südafrika ein Sicherheitstraining für Presseleute mitgemacht habe. Gerade wegen Johannesburg, weil es damals die Stadt mit der höchsten Mordrate war. Ich war in den Favelas in Rio, in den New Yorker Bronx. Ich habe mich trotz aller Unkenrufe nirgendwo bedroht oder unwohl gefühlt. Bei West Ham und im Londoner Olympiastadion musste es dann so weit kommen. Das kann nicht sein.

Sie sind während des Spiels umgesetzt worden. Haben Sie sich dort dann sicherer gefühlt?

Ja, schon, weil um uns nur noch Pressereihen waren. Aber wir haben nicht mehr frei kommentiert, das schüttelst du nicht einfach so aus den Kleidern. Die Performance war professionell, aber es war nicht unsere Fünf-Sterne-Reportage.

Kommen wir zum Rückspiel. Sind Philipp Hofmeister und Sie am Donnerstag wieder vor Ort?

Ich war für den SWR am Samstag bei Mainz gegen Bayern, das war schon Konfrontationstherapie. Und ja, Philipp und ich werden beide wieder die Voll-Reportage von Eintracht gegen West Ham machen. Das ist gut, so können wir uns das Karriere-Highlight eines Europa-League-Halbfinals, das uns vor einer Woche quasi geklaut wurde und wir eine Halbzeit Angst haben mussten, wieder zurückholen. Endet es dann noch positiv für die Eintracht, umso schöner. So wie in Barcelona, da war ich auch mit.

Schafft es die Eintracht ins Finale nach Sevilla?

Ich glaube, das 2:1 ist noch nicht die halbe Miete. West Ham hat eine starke Mannschaft und in Lyon 3:0 gewonnen. Aber die Eintracht schafft es in dieser Europa League, in der Symbiose mit ihren Fans etwas freizusetzen, das fast unschlagbar ist. Emotional und auch von der Leistung her. Außerdem habe ich das Gefühl, dass das alles was mit 1980, UEFA-Cup und mit »Grabi« (die kürzlich verstorbene Eintracht-Legende Jürgen Grabowski, Anm. d. Red.) zu tun hat. Dass die Sterne so stehen, dass es sein soll, wieder ein großes internationales Finale zu erreichen.

Und wenn Endspiel in Sevilla, gegen wen geht es dann?

Bei allem Respekt für RB Leipzig wäre mir als Reporter ein internationales Duell lieber. Alleine von der Tradition her bei Glasgow Rangers.

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