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Ein Gebet für DHB-Auswahl? Zumindest drückt Trainer Kai Wandschneider bei der EM die Daumen.

»Das Spiel in Wetzlar macht Mut«

Gießen. Die Whatsapp ist eigentlich scherzhaft gemeint: Ob Kai Wandschneider Zeit für ein Interview hat -- lieber telefonisch oder persönlich, lautet die wahrlich nicht ernst gemeinte Frage an den Mann, der ja schließlich in Köln wohnt. Die Antwort folgt prompt: »Klar, ich komme vorbei.« Und so setzt sich der Ex-Trainer der HSG Wetzlar einfach mal in seinen Wagen und fährt die 300 Kilometer aus dem Rheinland nach Mittelhessen und zurück.

Für ein Interview über die anstehende Handball-EM, die Bundesliga und den Vorruhestand.

Herr Wandschneider, wann haben Sie zuletzt eine Handballhalle betreten?

Das letzte Mal beim letzten Heimspiel mit Wetzlar. Mein letztes Spiel in Wetzlar war auch das letzte Mal, dass ich eine Handballhalle betreten habe.

Juckt es Sie nicht in den Fingern, wieder in eine Halle zu gehen?

Ich muss ehrlich sagen, überhaupt nicht, denn ich brauche Abstand. Ich bin jetzt ein halbes Jahr raus und gerade die letzten zwei Jahre in Wetzlar, speziell das Corona-Jahr ohne Zuschauer mit einschneidenden Gehaltseinbußen, mit drei PCR-Tests pro Woche, mit einer unendlichen langen nie enden wollenden Saison bis Ende Juli, hat mich enorm viel Kraft gekostet und ich merke, dass ich richtig erschöpft bin und unbedingt mindestens ein Jahr Pause brauche. Ob ich noch mal in den Handball einsteige, weiß ich gar nicht.

Gab es Angebote von Vereinen an Sie?

Ja, viele. Aber es war nichts dabei, was mich gereizt hätte oder interessant wäre.

Was müsste es für ein Angebot sein, damit Sie in Versuchung gerieten, noch mal zurückzukehren?

Im Moment ist Handball weit entfernt von der Professionalität vom Fußball und führt ein Schattendasein. Das macht sich bemerkbar in der Arbeit der Trainer. Ich lese im Moment ein sehr interessantes buch von Christoph Biermann über ein Jahr, das er bei Union Berlin verbracht hat. Und selbst diese Mannschaft, die den zweitniedrigsten Etat in der Fußball-Bundesliga zu der Zeit hatte, verfügt über einen Stab von neun Trainern. Und im Handball machen zwei Trainer plus ein Athletik-Trainer, der nicht fest angestellt ist, alles. Rund um die Uhr. Jedes Jahr wird die Saison länger, es gibt keine Pausen. Das ist der absolute Wahnsinn. Wenn man etwas Abstand gewinnt, wird einem klar, wie man sich selbst ausgebeutet hat. Von daher kann ich mir im Moment nicht vorstellen, nochmal einen Club zu trainieren. Ich bin schließlich schon 62 Jahre alt. Was ich mir vorstellen könnte, wäre eine Nationalmannschaft zu übernehmen.

Was ist das, was Sie am Trainerdasein wirklich vermissen?

Es gibt Momente, die man nur als Trainer oder Spieler erleben kann. Diese Erlebnisse, wenn man eigentlich nicht zu schlagende Gegner schlägt, diese großen Siege. Wenn man dann das Leuchten in den Augen des Publikums und den Spielern sieht, dann macht das was mit einem. Und diese Gemeinschaft mit den Spielern, die wie eine Bruderschaft ist, in die kein anderer auch nur annähernd eindringen kann, mit all den Strapazen, das schweißt unglaublich zusammen. Das war ganz besonders intensiv im letzten Jahr mit Wetzlar, wo wir nochmal über uns hinausgewachsen sind und trotz totaler Erschöpfung und stark dezimierter Rumpftruppe um nur einen Punkt an Platz sechs vorbei geschrammt sind. Das haben die Spieler für mich getan. Denn eigentlich war die wirtschaftliche Perspektive seit Jahren absolut trostlos bei der HSG Wetzlar.

Sie haben eine Wohnung in Köln. Wie ich Sie kenne, sind die Zimmer voller Bücher und CDs. Genießen Sie es, endlich die Zeit dafür zu haben oder womit verbringen Sie Ihre Tage?

Ich lese sehr viel, Bücher aus allen Bereichen. Dann treffe ich mich viel mit Menschen, die ich zum Teil länger nicht gesehen habe. So habe ich das erste Mal seit 20 Jahren Weihnachten mit unserer Großfamilie verbringen können. Als ich am ersten und zweiten Weihnachtstag bei tollem Wetter durch die Lüneburger Heide marschiert bin, war ich heilfroh, nicht in Dutenhofen in der Halle stehen und trainieren zu müssen, und dann noch am 27. 12. mit dem Bus zum Spiel nach Nettelstedt fahren zu müssen.

Aber Sie verfolgen die Spiele der Bundesliga schon noch im Fernsehen?

Nicht so wahnsinnig intensiv, aber ich halte mich auf dem Laufendem. Von der HSG Wetzlar habe ich ungefähr die Hälfe der Spiele gesehen und muss der Mannschaft ein Riesenkompliment machen. Man hat es geschafft, nahtlos anzuknüpfen an die überragenden Leistungen der letzten Saison und das freut mich sehr für die Trainer und für die Spieler. Aber besonders freut es mich, dass Trainer und Spieler endlich mal für ihre Anstrengung belohnt werden, indem durch den neuen und größten Hauptsponsor, in der Geschichte der HSG, also Buderus, das unfassbare Engagement der Sportler belohnt wird.

Als Sie nach Ihrem Weggang das erste Mal ein Spiel der HSG Wetzlar im Fernsehen gesehen haben, was ging in Ihnen vor? War es ein merkwürdiges Gefühl?

Das war es auf jeden Fall. Weil man da natürlich mitfiebert und die Daumen drückt. Das erste Spiel, das ich gesehen habe, war, glaube ich, in Berlin. In Berlin muss man nicht gewinnen und die Mannschaft hat sich da gut verkauft. Aber natürlich muss man irgendwann loslassen und es braucht eine gewisse Zeit, um die nötige Distanz hinzubekommen. Ich denke, ich werde dafür noch Zeit brauchen, bevor ich die Wetzlarer Mannschaft als so etwas wie eine Bundesligamannschaft von vielen sehe. Aber es bleibt auf jeden Fall immer eine Verbundenheit bestehen, vor allem mit den Menschen der Region und natürlich auch mit den Spielern und den Trainern, mit denen ich so viele Jahre auf Tour war. Das schweißt ein Leben lang zusammen.

Was glauben Sie, ist für die HSG noch möglich in dieser Saison?

Ich denke, dadurch dass sich die Rhein-Neckar Löwen in einer großen sportlichen Krise befinden, und diese stets so zementierten ersten fünf Plätze dadurch aufgebrochen sind, wird es einen Dreikampf um den Europapokalplatz geben: Zwischen Wetzlar, Melsungen und Göppingen. Und da hat Wetzlar sehr gute Karten. Ich traue der Mannschaft, die hochkarätig verstärkt worden ist und mich durch eine bärenstarke 6:0-Abwehr mit diesen drei »Monster-Kreisläufern« begeistert, den fünften Platz zu.

Haben Sie noch direkten Kontakt zu Trainern und Spielern der HSG?

Ja, punktuell. Ich gratuliere natürlich den Spielern, die mir ans Herz gewachsen sind und mich viele, viele Jahre unterstützt haben, zum Geburtstag. Aber ich halte mich generell zurück, ich schaue zu, drücke die Daumen und freue mich. Aber ich nehme keinen Einfluss auf irgendetwas, weil ich finde, dass die Spieler und auch die Trainer jetzt ganz in Ruhe weiterarbeiten sollen. Und das machen sie ja großartig.

Glauben Sie, dass der SC Magdeburg den großen Coup im Titelkampf landen kann?

Ja, definitiv. Man hat schon jetzt fünf Punkte Vorsprung auf Flensburg und sechs auf Kiel. Magdeburg hat einen sehr tiefen Kader, die können auch mal eine Verletzung wegstecken. Sie haben es auch verdient. Kiel überzeugt mich dieses Jahr nicht so sehr. Bei Flensburg wird es davon abhängen, wie die Spieler von der Europameisterschaft zurückkommen. Ich muss ehrlich sagen, ich bin sonst nicht parteiisch, aber ich drücke Magdeburg wirklich alle Daumen, wenn es eine Mannschaft in dieser Saison verdient hat, Meister zu werden, dann ist es der SC Magdeburg.

Am Donnerstag beginnt die Handball-EM. Ist das zu verantworten, dass ein Verband ein derartiges Turnier in vollbesetzten Hallen in einem Land wie Ungarn austragen lässt?

Verantwortbar ist es in jedem Fall. Denn die WM in Ägypten und die Olympischen Spiele in Tokio haben gezeigt, dass die Corona-Konzepte greifen. Ich bin Handballer durch und durch, ich habe dem Handball sehr viel zu verdanken und es ist einfach immer ein gewisses Risiko in diesen Zeiten da.

Aber wenn der professionelle Handball weiter existieren will, dann ist es wichtig, dass man mit den Großturnieren sichtbar bleibt. Von daher bin ich auch dafür, dass gespielt wird, allerdings bin ich auch dafür, dass die EAF ganz genau hinguckt, wie die Veranstalterländer mit diesen Risiken umgehen. Und darauf aufpassen, dass die Slowakei und Ungarn sich absolut verantwortungsvoll verhalten.

Warum wird Deutschland nicht Europameister?

Die deutsche Nationalmannschaft befindet sich im totalen Umbruch. Im Moment beneide ich Bundestrainer Alfred Gislason nicht um seinen Job. Es hagelt Absagen der Spieler. Eben auch, weil der Handball die einzige Sportart auf der Welt ist, die keine Pause kennt. Wenn New York, die Stadt ist, die nie schläft, ist der Handball die Sportart, die nie ruht. Und das hat Auswirkungen.

Und warum kann Deutschland Europameister werden?

Die Mannschaft hat keinen Druck. Mut macht der Sieg im Testspiel gegen Frankreich in Wetzlar. Ich fand, dass das ein großartiges Handballspiel war. Aber diese EM ist in erster Linie für den DHB eine Übergangsstation. Ich denke, dass das erste große Ziel die Heim-EM 2024 ist, Alfred Gislason ist genau der richtige Trainer zum richtigen Zeitpunkt. Die Spieler, die jetzt mit der Nationalmannschaft ihre erste EM absolvieren, finde ich erfrischend. Und man hat aus den Aussagen des Bundestrainers verstehen können, dass ihm genau diese wenig etablierten Nationalspieler durch ihr erfrischendes Auftreten Kraft und auch Motivation geben. Auch weil solche Spieler es wirklich als etwas Besonderes begreifen, für die Nationalmannschaft aufzulaufen.

Von daher stehe ich zu 100 Prozent hinter dem Projekt und drücke Alfred Gislason und der Mannschaft die Daumen. Und wer weiß: Vielleicht überraschen sie uns ja jetzt schon bei der EM. Eine Überraschung wäre für mich bereits, wenn diese unerfahrene Mannschaft unter die ersten Acht kommt. Und eine faustdicke Überraschung wäre es, wenn sie es ins Halbfinale schafft.

Was trauen Sie dem Wetzlarer Torwart Till Klimpke zu? Kommt die EM für den jungen Mann zur richtigen Zeit?

Ja, definitiv. Till Klimpke hat sich richtig gut entwickelt. Der Vater seines sportlichen Erfolges ist wiederum HSG-Torwarttrainer Jasmin Camdzic. Ich glaube dass das deutsche Trio mit Joel Birlehm, der auch eine ganz tolle Entwicklung in Leipzig hingelegt hat, und Andy Wolff richtig stark ist und sehr gut zusammen passt. Wolff ist für mich die unumstrittene Nr. 1 und dahinter kämpfen Till und Joel sozusagen um den zweiten Platz. Till ist immer noch blutjung für einen Torwart. Gemeinsam mit Anadin Suljakovic spielt er auch bei der HSG eine starke Saison. Die beiden sind mit die Erfolgsgaraten für die großartige Hinrunde, die Wetzlar hingelegt hat.

Sehen Sie jenseits der üblichen Verdächtigen wie Dänemark, Spanien oder Frankreich eine Mannschaft, die bei der EM überraschend ganz nach vorne kommen kann?

Das ist eine Frage, die sich im Kreis dreht, weil ich als sogenannter Experte mich in den normalen Analysen bewege. Wer also hat die größten Chancen? Dänemark ist der absolute Topfavorit, Spanien befindet sich im Umbruch, Frankreich, das hat man beim Spiel in Wetzlar gesehen, setzt viele neue, junge Spieler ein. Da fehlen auch einige Stars aufgrund von Verletzungen und Corona. Portugal traue ich immer was zu. Und vielleicht auch dem Veranstalter Ungarn, die ja auch zuhause über sich hinaus wachsen können. Die Serben haben sehr gute Ergebnisse geliefert. Aber ja: Eigentlich sind es immer die üblichen Verdächtigen, die um den Titel spielen.

Christian Streich hat beim SC Freiburg sein zehnjähriges Dienstjubiläum begangen, was ganz Sportdeutschland gefeiert hat. Sie galten viele Jahre lang als der Christian Streich des Handballs. Kann es künftig in einem immer kommerzieller werdenden Sport überhaupt noch Trainer geben, die so meinungsstark und kritisch sind?

Ich hoffe das doch sehr. Ich glaube, dass wir in Deutschland viele Trainer haben, die wirklich etwas zu sagen haben. Sie müssen nur davon auch Gebrauch machen. Das hängt dann immer von der Haltung ab, von der Persönlichkeit meiner Kollegen. Ich denke, wir haben die Pflicht als Trainer, uns zu Wort zu melden und strukturelle Probleme auch anzusprechen. Ich bin für konstruktive Kritik, die unsere Sportart voranbringt. Aber wenn es so wäre, dass das am meisten getragene Kleidungsstück in der Bundesliga der Mantel des Schweigens ist, dann wird sich nichts ändern. Da hängt es davon ab, ob man selbst bereit ist, sich auf Spiel zu setzen, oder nur das Spiel mitspielt. Der Handball steht vor riesigen Herausforderungen und da ist die Intelligenz aller gefragt.

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