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»Das tut sehr, sehr weh«

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Das war’s für den FC Gießen, von links: Michael Fink, Nikola Trkulja und Kevin Kling realisieren bedröppelt, dass der Abstieg nach der Niederlage in Koblenz unausweichlich ist. © Hübner

Koblenz/Gießen . Als am Samstagnachmittag um genau 15.52 Uhr die Pfeife von Schiedsrichter Vincent Schöller ein letztes Mal ertönte, stand fest, was sich über Wochen bereits abgezeichnet hatte: Der FC Gießen steigt nach drei Jahren Zugehörigkeit aus der Regionalliga Südwest ab.

Durch die 0:2-Niederlage beim FC Rot-Weiß Koblenz und den Sieg des FSV Frankfurt, der zeitgleich beim FC Homburg mit 2:1 gewann, ist das rettende Ufer zwei Spieltage vor Schluss nicht mehr zu erreichen. »Als ich vor drei Jahren nach Gießen gekommen bin, wollte ich mit dem Verein einiges erreichen«, holte der niedergeschlagene Frederic Löhe nach Spielende etwas weiter aus. Gewechselt war der Torhüter zum FCG in der Saison 2018/19, als das damalige Team mit Trainer Daniyel Cimen den Aufstieg in die 4. Liga schaffte. Mit tollem Offensivfußball hatte man die Zuschauer begeistert - knapp 1300 pilgerten pro Spiel ins Waldstadion. Der Club wollte sich an der Schnittstelle zum Profifußball etablieren und dann tabellerisch in höhere Spähren klettern.

RW Koblenz - FC Gießen 2:0

Die damaligen Zielen scheinen inzwischen kaum greifbar, wenngleich Rang 11 in der Endabrechnung als Happy End einer Aufholjagd im Abstiegskampf des Vorjahres Hoffnung machte. »Da haben wir Unfassbares geleistet«, dachte Löhe zurück, um schließlich im völligen Kontrast dazu einen Einblick in seine aktuelle Stimmungslage zu geben: »Das jetzt ist ein katastrophales Gefühl. Das tut sehr, sehr weh.« Sein Trainer Daniyel Cimen sagte eine Stunde nach Spielschluss: »Das Ganze ist noch nicht realisiert. Die Enttäuschung und Trauer sind riesengroß. Gerade auch in den vergangenen Wochen haben die Jungs, bis auf die erste Halbzeit gegen den FSV Frankfurt, sehr viel investiert. Und wenn du dann für diesen immensen Aufwand nicht belohnt wirst, ist das sehr schade.« Der Coach sprach gleichwohl angesichts von desaströsen 27 markierten Treffern und nur sieben Dreiern von »einem nicht unverdienten« Abstieg: »Wir haben definitiv viel zu wenig Tore erzielt. Wir reden hier auch über zahlreiche Eins-gegen-Eins-Situationen vor dem Tor, das ist auch eine Qualitätsfrage. Und hinten unterlaufen uns immer wieder individuelle Aussetzer, das sind auch keine Dinge, die du trainieren kannst. Die 90 Minuten heute waren ein kleines Spiegelbild der gesamten Runde. Wir machen zu wenig oder gar nichts aus unseren Möglichkeiten und defensiv laden wir den Gegner ein, der braucht sich gar nicht großartig anzustrengen.«

Ein Teil der Wahrheit ist ferner: In Koblenz war das Gießener Spiel im Vorwärtsgang streckenweise von falsche Entscheidungen, Ballverlusten bei unnötigen Dribblings, Stockfehlern, Fehlpässen und leicht zu verteidigenden, weiten Schlägen ins Nichts geprägt, was nicht nur dem holprigen Platz und mangelndem Selbstvertrauen geschuldet sein konnte. Bei allen erkennbaren Bemühungen hatten diese Unzulänglichkeiten unter dem Strich über die gesamte Spielzeit keinen Seltenheitswert.

Nichtsdestotrotz verbuchte der FCG bei zwei gelungenen Aktionen echte Hochkaräter für das 1:0 am Dreiländereck. So in der 17. Minute, als Ko Sawada Takero Ioi bediente, der die Kugel frei vor Keeper Baboucarr Gaye an den Pfosten beförderte. Und in der 22. Minute fand Louis Münn mit einem feinen Pass in die Tiefe Ryunosuke Takehara, nach dessen Flanke Sawada an Gaye scheiterte. Itoi bugsierte das Leder zwar in die Maschen, doch Schöller entschied auf eine Abseitsstellung, die von den Gästen im Nachgang angezweifelt wurde.

Chancen einmal mehr nicht genutzt

In der Anfangsphase des zweiten Durchgangs waren die Koblenzer dem 1:0 näher. Löhe parierte gegen die durchgebrochenen Alexis Weidenbach (47.) und Henry Crosthwaite (54.), ehe er in der 57. Minute machtlos war. Zum Ausgangspunkt wurde ein Einwurf der Hausherren auf Höhe des eigenen Sechzehners und eine darauf folgende Bogenlampe. Zwei-Meter-Mann Kevin Kling versäumte es, vehement das Kopfballduell mit dem in Gießen geborenen und bei der TSG Wieseck ausgebildeten Crosthwaite zu suchen, der sich als deutlich kleinerer und wendiger Spieler am Boden durchsetzte. In der Mitte stand einsam und verlassen Kristian Gaudermann gegen zwei Koblenzer, weil Michael Fink nach außen hatte rausrücken müssen. Marko Stojanovic war per Direktabnahme erfolgreich. Zwei Zeigerumdrehungen darauf verhinderten Ben-Luca Fisher auf der Linie und Löhe beim Nachschuss das 0:2. Eine hundertprozentige Gelegenheit zum 1:1 besaß in der 62. Minute Takehara, der in einen verunglückten Koblenzer Kopfball sprintete und Gaye schon umkurvt hatte, doch Weidenbach rettete wie Fisher auf der anderen Seite in höchster Not.

Cimen setzte alles auf eine Karte und beorderte mangels offensiver Alternativen auf der Bank Innenverteidiger Kling als »Brecher« in die Spitze und Leonidas Tiliudis stattdessen ins Abwehrzentrum. Bei seiner ersten Aktion in neuer Rolle verlor Tiliudis den Ball und konnte Crosthwaite nur mit einem Foul stoppen. Danny Breitfelder erhöhte vom Kreidepunkt aus auf 2:0 (74.) und sorgte für die Entscheidung.

Als alles vorbei war, zog es Michael Fink und Frederic Löhe auf direktem Weg in die Kabine. Auch von ihren Mannschaftskollegen hielt es niemanden länger als nötig auf dem Rasen des Stadions am Oberwerth.

Nun stellt sich die Frage: Vor welcher Zukunft steht der FC Gießen? Auch, weil der Verein immer noch von (finanziellen) Altlasten geplagt wird. Unter anderem aber auch, weil kein Spieler einen Vertrag für die Hessenliga hat. Einen solchen besitzt derweil Daniyel Cimen, der sich zu dieser Frage bedeckt hielt. Er müsse den Abstieg erstmal verdauen und sacken lassen, antwortete er und ergänzte: »Es werden viele Gespräche notwendig sein.« Klar scheint zu sein, dass es tatsächlich in der Hessenliga weiter geht. In welcher Form, mit welchen Ambitionen und finanziellen Mitteln, mit welchem Personal und Konzept - das werden die kommenden Wochen weisen.

Rot-Weiß Koblenz: Gaye - Ekalle, Weidenbach, Constantine, Regäsel - Bender (82. Kovacevic), Spang, Maroudis - Crosthwaite (76. Lemmer), Breitfelder, Stojanovic (86. Koljic).

FC Gießen: Löhe - Gaudermann, Kling, Fink, Fisher - Münn (71. Sevim), Trkulja - Owusu, Sawada, Takehara (63. Tiliudis) - Itoi.

Tore: 1:0 Stojanovic (57.), 2:0 Breitfelder (74./Foulelfmeter). - Schiedsrichter: Schöller (Calw). - Gelbe Karten: Weidenbach / Sawada, Itoi, Münn, Tiliudis, Sevim. - Zuschauer: 480.

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