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»Das wird ein absolut geiler Kick«

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Sebastian Rode © Red

Frankfurt (pep). Natürlich haben sie alle am Sonntagabend Fernsehen geschaut, die Trainer der Frankfurter Eintracht und die Spieler. FC Barcelona gegen FC Sevilla, das war Anschauungsunterricht vor dem Europapokal-Viertelfinal-Hinspiel am Donnerstagabend gegen die berühmten Katalanen. »Barca« hat hochverdient 1:0 gewonnen und ist damit auf Platz zwei in Spanien vorgerückt.

Für die Eintracht-Profis könnte das kostenlose Videostudium durchaus abschreckende Wirkung gehabt haben. Aber auch eine herausfordernde. Barcelona ist einerseits aktuell in einer solch guten Verfassung, dass die Chancen verschwindend gering erscheinen, auch nur halbwegs Paroli bieten zu können. Andererseits kann es für einen Fußballprofi kein größeres Geschenk geben, als sich mit den Besten zu messen. Und auch wenn der hoch verschuldete FC Barcelona wie die Eintracht »nur« in der Europa-League spielt, gehört er in diesen Tagen und Wochen sicher zu den besten Teams auf dem Kontinent, besser als Tabellenführer Real Madrid, sicher auch besser als Bayern München, angesiedelt in der Kategorie von Manchester City und dem FC Liverpool.

Die Partie hält aber auch für Barcelona ein paar Unwägbarkeiten bereit. In Frankfurt hat es die Bedeutung eines »Jahrhundertspiels« (Aufsichtsratschef Philip Holzer), gilt als größtes Spiel seit 1960, damals war das das Landesmeister-Finale gegen Real Madrid. Das Spiel an sich ist unabhängig vom Resultat für die Eintracht der Höhepunkt des letzten Fußball-Jahrzehnts. Für Barcelona ist es nur ein weiterer Schritt zurück zu alter Blüte. Barcelona erhöhte bei allen Fußballfans in Frankfurt den Puls. Die Eintracht ihrerseits regt in Barcelona niemanden auf. Zwei Spieler der Blau-Roten freilich könnten ahnen, was sie am Donnerstag erwartet. Marc-André Ter Stegen, einst in Mönchengladbach, und Pierre-Emerick Aubameyang, einst beim BVB, kennen die Atmosphäre in der Frankfurter Arena. Mit 48 500 Fans wird das Stadion picke-packe voll sein, das Publikum wird wie eine Wand hinter seiner Mannschaft stehen. Kein Opernpublikum wie in Barcelona, verwöhnt von einem Jahrzehnt Lionel Messi, sondern eine Stimmung wie bei einem Rockkonzert. Das könnte sogar den einen oder anderen Barca-Star ein wenig beeindrucken.

Nur zwei Frankfurter haben schon Erfahrungen mit Barcelona gesammelt: Kevin Trapp hat mit Paris St. Germain mal seine schwärzeste Stunde gegen Barca erlebt, 1:6 im Rückspiel nach 4:0 im Hinspiel, und Sebastian Rode hat mit dem FC Bayern gegen Messi und Co. gespielt. Der Kapitän der Eintracht erwartet schlicht eine magische Nacht. »Das wird ein absolut geiler Kick«, sagte er in einem Interview mit dem Kicker, »wir haben es uns erspielt und verdient, ein solches Spiel zu bestreiten.« Die Mannschaft wolle es genießen »und trotzdem mit dem Ziel reingehen, weiterzukommen«.

Für die einen ist es also der absolute Höhepunkt der Saison, vielleicht sogar der Karriere, für die anderen ein Alltagsspiel. Diese Konstellation kann der Eintracht helfen, wenn es den Spielern gelingt, über ihre eigentlichen Grenzen hinauszukommen. Die Frankfurter müssen viel besser spielen als zuletzt, Barcelona darf lange nicht so gut spielen wie zuletzt. Das ist Voraussetzung für ein Duell auf sportlicher Augenhöhe. Ausgeschlossen ist das nicht, denn es gilt in dieser Saison bei den Frankfurtern eine Regel: Je besser der Gegner, desto besser die Eintracht. Gegen die nationalen Schwergewichte wie Bayern (2:1 und 0:1) oder Leipzig (zweimal 0:0), haben die Frankfurter immer gut mitgehalten. Und in Europa ist die Eintracht in dieser Saison noch ungeschlagen. Zudem hat Barcelona in der letzten Runde gegen Galatasaray Istanbul (1:1 und 2:1) einige Mühe gehabt, um weiterzukommen. In allen Spielen der letzten Wochen waren sie hochüberlegen, angeführt vom 19-jährigen Pedri, der auf den Spuren Messis wandelt, haben den Gegnern aber immer auch etwas angeboten. Die Altstars Piquet und Busquets sind nicht mehr die schnellsten. Eintracht-Trainer Oliver Glasner hat seine Spieler nach der frustrierenden Nullnummer gegen Fürth erstmal zwei Tage nach Hause geschickt. »Köpfe freikriegen und Kräfte sammeln«, lautete die Begründung. Dass mit den Kräften könnte auf der Coach gelingen. Dass mit dem freien Köpfen eher nicht. Dafür ist die Bedeutung des Spiels in der Stadt und der ganzen Region einfach zu groß. Es gibt kein anderes Thema mehr. Dass die Eintracht mit heißem Herzen ins Spiel gehen wird, ist klar. Ob die Spieler auch einen kühlen Kopf bewahren können, ist die Frage.

Da mutet es schon kurios an, dass der erfahrenste Profi, so ganz nebenbei noch der beste Feldspieler aus dem schlechten Spiel gegen Fürth, Makoto Hasebe, wohl wieder raus muss. Martin Hinteregger kehrt in die Abwehrmitte zurück. »Wir brauchen Martin und Makoto«, sagt Trainer Glasner. Doch Frankfurter Trainer, egal ob Glasner oder sein Vorgänger Adi Hütter, haben in fast zwei Jahren keine Möglichkeit gefunden, beide unter einen Hut zu bringen.

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