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Déjà-vu im Waldstadion?

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Fanprotest Weiß auf Schwarz: Kein Sieg, kein Wille. Stein des Anstoßes ! Oder doch nur ein weiterer Debattenbeitrag, der überflüssig ist.? © Ben

Der Abstieg des FC Gießen schließt an die Geschichte des VfB 1900 Gießen an. Ein historischer Abriss aus aktuellem Anlass.

Gießen . Es war schon eine eigentümliche Atmosphäre, die sich am vergangenen Samstag im Gießener Waldstadion unter den wenigen noch erschienenen Zuschauern beim letzten Heimspiel des FC Gießen in der Regionalliga Südwest verbreitete. Von wenigen kurzen Momenten abgesehen verfolgte man das Geschehen auf dem Rasen nämlich weitgehend teilnahmslos und hatte dementsprechend viel Zeit und Muße, die Gedanken schweifen zu lassen.

Dabei kam dem altgedienten Stadiongänger nicht nur das letzte Pflichtspiel in den Sinn, das der traditionsreiche VfB 1900 hier im Frühjahr 2018 in ähnlich trostlosem Rahmen bestritten hat (ein 1:1 in der Gruppenliga gegen die SG Waldsolms), sondern auch das letzte Spiel der Gießener in der Hessenliga im Mai 2001 gegen Croatia Frankfurt, das zwar mit 4:2 gewonnen wurde, nach dem man den Spielbetrieb der Seniorenmannschaft aber einstellen und nach einem Jahr Pause in der B-Klasse wieder ganz von vorne anfangen musste. Auch wenn solche Konsequenzen aktuell beim FC Gießen wohl nicht zu befürchten sind, obwohl keine Transparenz herrscht, gibt es doch eine ganze Reihe von Parallelen zur damaligen Entwicklung, die im Grunde damals wie heute um das gleiche Problem kreisen: die hochtrabenden sportlichen Ziele einerseits und die (fehlenden) wirtschaftlichen Möglichkeiten andererseits.

Unter der Regie des ehemaligen Bundesligaspielers und -trainers Horst Heese war dem VfB 1900 im Sommer 1995 nach 13 Jahren die Rückkehr in die höchste hessische Spielklasse gelungen. Auch damals kamen die Zuschauer zunächst in Scharen, zumal die Mannschaft erfolgreich spielte und am Ende einen für einen Aufsteiger mehr als respektablen 5. Platz belegte. Schnell zeigten sich jedoch die ersten Risse im Konstrukt einer eigens gegründeten Management GmbH, auch wenn Trainer Heese feststellte, er trainiere lieber den VfB als Real Madrid, weil er in Gießen noch etwas bewegen könne. Nun ja, eines Tages war der gute Mann einfach verschwunden. Ähnlich verlief das spätere Engagement des Weltmeisters Uwe Bein, den man am Ende seiner Laufbahn mit allerlei Versprechungen ins Mittelhessische gelockt hatte und der, wenn er gesund war, auch noch auf dem Rasen glänzte, im Rückblick jedoch bilanzierte: »Im Grunde hätte ich nach vier Wochen wieder gehen müssen.«

Lange Rede, kurzer Sinn: vieles rund um das Waldstadion war damals auf Sand gebaut und wurde im Grunde nur noch durch das unselige Wirken einer Frankfurter Sportmanagement GmbH getoppt, die eines Tages den Spielbetrieb übernahm und später auch Borussia Fulda ins Verderben führen sollte. Pikanterie am Rande. Die schon damals von den Verantwortlichen ins Auge gefasste Loslösung der Fußballabteilung aus dem VfB 1900 sollte den Namen FC Gießen (!) tragen.

Was seinerzeit das »Konzept 2000« war, das im Januar 1997 gemeinsam mit Uwe Bein im Rahmen einer Pressekonferenz im Kaufhaus Karstadt der Öffentlichkeit präsentiert wurde, war 2018 wahrscheinlich die Präsentation des neuen, gerade aus der Taufe gehobenen FC Gießen im Foyer der Volksbank, der von der zu den geladenen Gästen zählenden Gießener Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz auch prompt als »Zugewinn für die Sportstadt Gießen und die Attraktivität der ganzen Stadt« gewertet wurde.

Und es war ja auch nicht so, dass der FC Gießen nicht geliefert hätte - zumindest anfangs: die Hessenmeisterschaft und der damit verbundene Aufstieg in die Regionalliga, packende Pokalspiele unter eigens installierten Flutlichtmasten und mehr als 7000 Besucher beim Gastspiel der Frankfurter Eintracht. Für den heimischen Fußball außergewöhnliche Ereignisse, die kurzfristig der Hoffnung Nahrung gaben, auch in Gießen könnte sich höherklassiger Fußball nachhaltig etablieren.

Nun aber doch wieder »nur« Hessenliga unter der Regie eines Notvorstands, wobei für den Außenstehenden weitgehend unklar ist, wer oder was der FC Gießen heute überhaupt ist, sieht man einmal von den gerade aktiven Spielern der Senioren und Junioren ab. Verwunderlich auch, wie wenig sich die Verantwortlichen um das Bild scheren, das von dem Club mittlerweile in Teilen der Öffentlichkeit entstanden ist. Meldungen über verdreckte Kabinen, gerichtliche Auseinandersetzungen um Spenden oder Darlehen, verspätete Gehaltszahlungen oder dubiose Praktiken beim Einlösen bereits bezahlter Getränkemarken dürften in jedem Fall nicht dazu beitragen, dass wieder einmal beschädigte, um nicht zu sagen verlorene Vertrauen in die Seriosität des handelnden Personals zurückzugewinnen.

Als man sich nach dem Abpfiff der Partie gegen Hoffenheim auf den Heimweg macht, passierte man übrigens noch den Nebenplatz des Waldstadions, der jetzt zweckentfremdet als Parkplatz für die Besucher des VIP-Zeltes genutzt wird. Komisch, dass einem gerade dort ein Satz aus einem vor einiger Zeit mit einem Bediensteten der Universität geführten Gespräch in den Sinn kommt. Der Mann, mit den hiesigen Verhältnissen offensichtlich bestens vertraut, sagte, in Gießen gäbe es viele Dinge, über die sollte man am besten gar nicht erst nachdenken.

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