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Der Druck wächst

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Gießen. »Nächste Frage!« Pete Strobl, etwas übermüdet nach der Rückkehr aus Ludwigsburg gegen 2.15 Uhr in der Nacht und mit Augenringen deutlich gezeichnet ob der psychischen und physischen Belastungen der letzten Tage, wurde dünnhäutig.

Der 44-Jährige hatte keine große Lust mehr, die von seinem Verein in den Pressekonferenzen vor Heimspielen stets gewollten und online eingereichten Fragen der Fans zu beantworten. Warum wer spielt oder auch nicht. Warum wer gut spielt oder auch nicht. Warum wer wie lange spielt oder auch nicht. Warum wer außer Form ist oder auch nicht. »Gießen hat 90 000 Einwohner, davon sind mindestens die Hälfte Headcoaches«, war es Strobl leid, jede personelle Maßnahme, jede Ein- oder Auswechslung oder jedes Auf und Ab auseinanderzupflücken.

Tatsache ist: Die 46ers haben in der Basketball-Bundesliga sechs Partien in Folge, zuletzt drei Auswärtsspiele in nicht einmal einer Woche, verloren. Das unnötige 69:71 in Braunschweig war ernüchternd, das 82:104 in Hamburg weitgehend ein Debakel, beim 87:96 in Ludwigsburg indes verrieten die Männer von der Lahn am späten Mittwochabend einen deutlichen Aufwärtstrend. Die Fragen, die die Anhänger eingereicht hatten, erst Recht aber die Kommentare, in denen sie online am 2. Weihnachtsfeiertag dem Team die Bundesliga-Reife abgesprochen, eine Ablösung des Trainers und des Geschäftsführers gefordert und Ex-Coach Denis Wucherer als Heilsbringer ins Gespräch gebracht hatten, kamen aber schon vor der Reise ins Schwabenland ans Lichte der Öffentlichkeit.

»Ich lese online nichts, da ist mir die Zeit zu schade. Außerdem sind die Kommentare dort manchmal zu unqualifiziert«, wollte Geschäftsführer Sebastian Schmidt dem Shitstorm keine »großen Gedanken« widmen. Und auch Pete Strobl hatte wenig Muße, sich mit Forderungen nach seinem Rauswurf auseinanderzusetzen: »Oft sind die Erwartungen der Anhänger übertrieben. Wir bauen hier ein neues Team auf, das Zeit braucht. Wenn ich heute einen Baum pflanze, dann kann ich auch nicht erwarten, dass morgen Orangen dran hängen« bediente sich der Austro-Amerikaner eines biblischen Vergleichs, wohl wissend, dass seine Männer tabellarisch zwar unten drin hängen und am Sonntag (15 Uhr) im Hessenderby gegen die ebenfalls abstiegsbedrohten Frankfurt Skyliners vor nur 170 Osthallen-Zuschauern mächtig unter Druck stehen, dass sie aber bei den MHP Riesen Ludwigsburg, dem Hauptrunden-Meister der Vorsaison, vor einer Überraschung gestanden hatten.

»Wir werden noch Spiele gewinnen, das kann ich versprechen«, brachte Sebastian Schmidt deshalb auch Optimismus mit aus dem Schwabenland, wo seine Männer selbstbewusst aufgespielt, schnell mit 8:2 (3.) nach einem Dreier von Nuni Omot mitten ins Gesicht von Yorman Polas Bartolo, 27:19 (9.) und einem abermaligen Wurf von TJ Williams jenseits der 6,25-Meter-Linie, den Strobl mit donnerndem Applaus bedachte, 42:33 (14.) durch Kendale McCullum, 69:63 (36.) durch einen Dreier des wie ausgewechselt wirkenden Kyan Anderson sowie letztmals mit 73:70 vor der dritten Viertelpause in Führung gelegen hatten.

Erst im Schlussabschnitt, als die Riesen wie bei Sarrasani oder Krone zu zaubern begannen, fiel Gießen vom Trapez. Justin Simon mit einem »Zirkuswurf«, so Magenta-Kommentator Jan Lüdeke, zum 78:73 (32.), ein Dreier von Lukas Herzog (36.) zum 88:83, abermals Simon zum 90:83 (37.), als Nuni Omot zwei freie Würfe verpasste, sowie James Woodard (38.) zum 93:83 fegten die 46ers endgültig aus der Manege. Als TJ Williams schließlich mit zwei Freiwürfen Sekunden vor Schluss den 87:96-Endstand markierte, war der Vorhang schon gefallen.

Bei Sonntag-Gegner Frankfurt liegt die Last der Regie bei US-Routinier und Kapitän Quantez Robertson (37), der am Main abermals um zwei Jahre verlängert hat und vor den Spielzeiten 13 und 14 steht. Der Allrounder war zwar zwischenzeitlich verletzt, hat aber in seinen insgesamt neun Partien als Topscorer fast 14 Punkte erzielt. Die Nachverpflichtungen Jamel McLean, zuletzt in Spanien aktiv, und Will Cherry, der 2016 mit Alba Berlin Pokalsieger war, sind mittlerweile integriert, so dass den jungen Point Guards Len Schoormann und der Senegalese Brancou Badio Verantwortung genommen wurde. Letztgenannter zeigte sich beim 88:80-Coup in Ulm mit 25 Zählern von seiner besten Seite.

Groß ist der Krankenstand bei der Truppe des neuen spanisch Coaches Diego Ocampo, der für den nach Crailsheim abgewanderten Sebastian Gleim in der Verantwortung steht. Der niederländische 2,21-Meter-Hüne Matt Haarms steht ebenso wie Richard Freudenberg und Bruno Vrcic nicht zur Verfügung. So muss neben Veteran Jamel McLean und dem zupackenden Rasheed Moore der junge US-Amerikaner Brooks DeBisshop wichtige Minuten unten den Brettern leisten, um das mit fast 38 eingesammelten Würfen zweitstärkste Reboundteam der Liga in dieser Kategorie auf Kurs zu halten.

»Das Match wird sicher hart umkämpft«, kennt Pete Strobl die Bedeutung eines Derbys. »Meine Jungs werden wieder alles geben.« Vertrauen in die Arbeit seines Übungsleiters hat Sebastian Schmidt: »Ich bin von dem, was er macht, sehr überzeugt.« Nun liegt es am Team, auch die Anhänger wieder mit ins Boot zu holen.

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