1. Startseite
  2. Sport
  3. Lokalsport

Der Elder Statesman

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Andreas Fischer

gispor_2602_roeder_26022_4c_1
Ein Gesicht des Gießener Basketballs: Bernd Röder begeht am Montag seinen 80. Geburtstag. © Schepp

Gießen . Er ist quasi der Elder Statesman des Gießener Basketballs. Aushängeschild, Nationalspieler, Coach, Bundestrainer. Früher qua Amtes eher lautstark an der Seitenlinie, heute kritisch, aber still im Hintergrund. Aber noch immer respektiert, angesehen, geachtet. Und vor allem meinungsstark. Wer Männer wie Dirk Nowitzki oder Detlef Schrempf unter seinen Fittichen hatte, der darf sich ein offenes Wort erlauben.

»Ich habe Angst um meine Gießen 46ers«, hält Bernd Röder bei der Beurteilung der Lage jenes Clubs, der noch MTV 1846 Gießen hieß, als er sich einst dessen Trikot überstreifte, nicht lange hinterm Berg. »Hoffentlich steigen wir nicht ab. Denn aus der ProA nach oben zu kommen, ist verdammt hart. Das wollen auch noch zehn andere.« Er sagt »wir«. Unbewusst. Aber natürlich in alter Verbundenheit.

Am Montag wird Bernd Röder 80 Jahre alt. »Coronabedingt ohne große Feier«, betont der für heutige Verhältnisse mit 1,90 Metern eher kleine ehemalige Center. Aber seine alten Weggefährten, mit denen er sich austauscht, mit denen er bei Heimspielen oft in Reihe 1 des H-Blocks der Osthalle sitzt, um zu fachsimpeln, werden anrufen. Oder vorbeischauen. Mit Männern wie Hans Heß, Günther Lindenstruth, »Dschang« Jungnickel, Wolfgang Dort oder Karl Ampt verbindet ihn noch immer eine enge Freundschaft.

»Damals sind wir nicht einfach auseinandergegangen, sondern wir haben auch nach dem Training oder nach den Spielen alles gemeinsam gemacht.« Das schweißt zusammen, das verbindet. Selbst mit ehemaligen Stars aus Übersee wie Toni Koski, Dennis Curran oder Ted Hundley steht er weiter telefonisch in Verbindung. Und Ernie Butler, der erste US-Boy, der jemals in der Doppelturnhalle der Liebigschule für den MTV auflief, sieht er regelmäßig. Der heute 88-Jährige lebt in München. »Wir waren wie eine Familie. So etwas vergeht nie.«

Die Karriere des gebürtigen Hamburgers, der mit einem Jahr nach Gießen kam und in der Ebelstraße aufwuchs, war eher einem Zufall geschuldet. »Ich spielte Handball, war beim Kinderturnen und habe Leichtathletik gemacht«, erinnert sich Bernd Röder, der sich oft in der Sporthalle der Pestalozzischule aufhielt, wo abends auch die MTV-Basketballer trainierten. »Die Jungs kamen sowieso meistens zu spät, also haben wir uns oft ein paar Bälle geschnappt und schon mal geworfen.« Sein Talent fiel Coach Pit Nennstiel auf, der den damals 16-Jährigen ins Training beorderte. Der Anfang war gemacht, wenngleich Röder zunächst bei den Spielen der »Großen« als Anschreiber, der mit Kreide auf einer Schiefertafel jeden Korb festhielt, begann.

Ein US-Student namens Rex Beach entfachte beim MTV 1846, aber auch bei Röder selbst, eine enorme Begeisterung für den Basketballsport. Mit ihm gewannen die Männerturner die Aufstiegsrunde zur Oberliga Südwest, den Sprung in die Bundesliga realisierten sie allerdings erst die Saison danach, weil sich die Teamkameraden bei einer Abstimmung ein Jahr zuvor zunächst gegen den Aufstieg ausgesprochen hatten.

Mit Ernie Butler ging es schließlich steil nach oben. Schon mit 20 wurde Röder 1962 Nationalspieler, drei Jahre später sicherte sich Gießen die erste Deutsche Meisterschaft. Und der Center stand im Aufgebot von Bundestrainer Yakovos Bilek für die EM 1965 in der damaligen Sowjetunion, die die deutsche Auswahl auf Platz 14 beendete, die aber für Bernd Röder ein Erlebnis war. »Moskau war trist und grau, Tiflis bunt und fast so wie Südfrankreich«, erzählt Röder, der heute noch Gänsehaut bekommt wenn er daran denkt, wie beim Sieg über Ungarn die deutsche Nationalhymne gespielt wurde. »Unsere Hymne 20 Jahre nach Kriegsende in Moskau zu hören, war schon etwas ganz Besonderes.«

Als 30-Jähriger hängte Bernd Röder seine Converse Allstars an den Nagel und wechselte ganz auf die Trainerbank. Er wurde mit Bayer Leverkusen 1975 Deutscher Meister und Pokalsieger. Und das quasi halbtags. »Damals habe ich noch den ganzen Tag im Konzern gearbeitet und jeden Abend mit der Mannschaft trainiert.« Es war ein Team voller Ausnahmekönner: Mit John Ecker, Mann von Weitsprung Olympiasiegerin Heide Ecker-Rosendahl, Achim Kuczmann, Norbert Thimm, Otto Reintjes, später Geschäftsführer der Basketball-Bundesliga, und Dieter Kuprella.

Seine Erfolge am Rhein blieben auch den Oberen des Deutschen Basketball-Bundes (DBB) nicht verborgen, zumal Bernd Röder zu diesem Zeitpunkt bereits auf Honorarbasis die Junioren-Nationalmannschaft unter seinen Fittichen hatte. Als irgendwann DBB-Boss Anton Kartak anrief, übernahm der damals 34-Jährige im Jahre 1976 die Männer-Nationalmannschaft. Erst als sich knapp vier Jahre später einige Spieler gegen Röder auflehnten und nach der Universiade in Mexiko seine Art, Defense spielen zu lassen, als zu anstrengend empfanden, zog er sich 1980 als Bundestrainer zurück, blieb aber der Jugend noch viele erfolgreiche Jahre erhalten.

Einschneidend waren Bernd Röders Monate in den USA. Die University of Kentucky wollte einst Leverkusens baumlangen Center Gunther Behnke verpflichten und bat Bernd Röder um Hilfe. Behnke packte jedoch das Heimweh, Röder aber blieb und wurde einer von vielleicht sechs Assistenten von Cheftrainer JB Hall, bei dem er die sogenannte Redlands-Defense lernte und verinnerlichte. »Das tollste Erlebnis hatte ich an meinem ersten Abend, als mich der damalige Coach der Wildcats um 23.30 Uhr Uhr in meinem Hotelzimmer abholte und mit mir in die Arena fuhr«, erinnert sich Bernd Röder. Dort war zu seinem Erstaunen kein Parkplatz mehr frei. Um Mitternacht ging plötzlich das Licht an und 20000 Menschen saßen auf den Tribünen. »Sie wollten ihr Team beim ersten Training sehen.« Hintergrund: Es gab eine Sperrfrist, erst ab 24 Uhr durfte die Vorbereitung auf die neue Saison starten. Und JB Hall wollte keine Sekunde verlieren.

Unvergessen ist Bernd Röder auch, dass er 1972 bei den Olympischen Spielen als stellvertretender Sportstättendirektor der Rudi-Sedlmayer-Halle arbeiten durfte. »Da sie in München auch eine Sekretärin gesucht haben, konnte ich meine Frau gleich mitnehmen.« Er sah das legendäre Basketball-Finale zwischen den USA und der UdSSR live. Und Röder saß als Assistent von Svetislav Pesic auf der Bank, als Deutschland 1993 mit Mike Koch und Henning Harnisch Europameister wurde.

Es sind Erlebnisse, die Bernd Röder, der noch heute als Delegationsleiter des DBB-Nachwuchses bei Welt- und Europameisterschaften fungiert, mit seinen vielen Basketball-Weggefährten rund um seinen 80. Geburtstag erneut Revue passieren lassen wird.

gispor_2602_roeder_26022_4c
Ein grandioses Foto, als die Basketballer laufen lernten. Gruppenbild mit Ministerpräsident (7. von links). Hinten von links: Trainer Bernd Röder, Roland Peters, Henner Weigand, Eike Decken, Siggi Zielinski, Dieter Strack, Volker Bouffier, Michael Stock, Bernhard Annies. Vorne von links: Theo Nauheimer, Jochen Decker, Günther Lindenstruth, Peter Menne. © Archiv/red

Auch interessant