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Der Favorit zittert, ehe er tanzt

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Der Mann des Spitzenspiels: Der ukrainische Nationaltorwart Gennadi Komok von der HSG Wetzlar kann diesen Treffer des Magdeburgers Marko Bezjak jedoch nicht verhindern. Die Hesssen unterliegen mit 26:29. © Röczey

Wetzlar. Nach fünf Minuten und 40 Sekunden steht die Buderus-Arena Kopf. Die Heimfans unter den 4116 Zuschauern jubeln, schreien und klatschen, was das grün-weiße Zeug hält. Ein Moment, als hätte die HSG Wetzlar die Deutsche Meisterschaft gewonnen. Dabei ist im Heimspiel gegen den designierten Meister vom SC Magdeburg nur der Torwart gewechselt worden.

Bei einm Siebenmeter gibt Gennadi Komok sein Debüt für die Domstädter in der Handball-Bundesliga. Der kurzfristig verpflichtet Nationalschlussmann der Ukraine ersetzt für den Strafwurf Till Klimpke.

HSG Wetzlar - SC Magdeburg 26:29

Und wie das in einem kleinen Sportmärchen so ist, pariert Komok prompt mit dem Fuß den Wurf von Omar Magnusson, einer der besten Siebenmeterschützen der Liga, Die Halle tobt. Es hätte kaum lauter sein können, wenn Wladimir Putin in dieser Sekunde persönlich an einem Ukrainer gescheitert wäre.

Dabei ist es sowieso schon lauter in diesem Spitzenspiel als bei so manchem Hardrock-Konzert. Denn die HSG hält allen Widrigkeiten zum Trotz glänzend mit gegen den Spitzenreiter, Widrigkeiten, die vor dem Anpfiff eigentlich eine klare Niederlage des Außenseiters so gut wie sicher zu machen schienen. Widrigkeiten, die die Grün-Weißen aber bis fast in die Schlussminute wettmachen und den Titelanwärter beim 26:29 (15:12) unglaublich lange um den Sieg zittern lassen.

Als die Zuschauer noch in Scharen in die Buderus-Arena strömen, breitet sich die schlechte Nachricht wie ein Funke in einem Hochofen aus. Mit Lenny Rubin fällt ausgerechnet für das Spitzenspiel der beste Feldtorschütze der Handball-Bundesliga auf Seiten der HSG Wetzlar erkrankt aus. Zudem muss Außen Lars Weissgerber passen. Was für eine Schwächung! Was für eine ärgerliche Personalie! Damit sinken die sowieso nicht gerade riesigen Chancen der Mittelhessen auf eine Überraschung gegen den designierten Meister auf ein Niveau ähnlich dem Gewinn der Kanzlerschaft der einst so köstlichen Partei der »Fliegenden Yogis«.

Doch die Wetzlarer werden an diesem Tag zu den »Fliegenden Domstädtern«. Eine Halbzeit lang übertrumpfen die Gastgeber so ziemlich alles, was die Ostdeutschen an Weltklasse aufbieten. »Wetzlar«, lobt später Gästecoach Bennet Wiegert, »hat das fantastisch gemacht.»

Nach Komoks Siebenmeter-Parade setzt sich die HSG unter dem ohrenbetäubenden Jubel der Kulisse durch den am Kreis ein ums andere Mal eiskalt verwandelnden Adam Nyfjäll auf 6:2 ab (12:00). Die Gästeabwehr erscheint in diesen Momenten so bedingt abwehrbereit wie derzeit die Bundeswehr. Und SC-Coach Bennet Wiegert muss geradezu seine erste Auszeit nehmen und gönnt selbige dem seltsam fahrigen Ex-Wetzlarer Philipp Weber.

Zwar glänzt nun Gisli Kristjansson im Rückraum der Gäste. Doch diese Personalie wird sich erst im zweiten Abschnitt entscheidend auswirken. Noch haben die letzten verbliebenen Mohikaner im Grün-Weiß-Rückraum genug Kraft und ausreichend Fantasie mit vielen, vielen feinen Ideen, um den Favoriten eins ums andere Mal zu düpieren.

Domen Novak beispielsweise hüpft wie ein Irrwisch einem fast zu weiten Abwurf von Torwart Klimpke in den Kreis hinterher und trifft zum 8:4 (15:40). Dann pariert Komok phänomenal seinen zweiten Siebenmeter von Magnusson (17:40). Und immer, wenn Magdeburg glaubt, die Partie in den Griff zu kriegen, folgt prompt ein HSG-Geniestreich wie der von Filip Mirkulovski zum 14:11 (29:20). Beim 15:12 zur Pause nach einem Kempa von Mirkulovski zu Novak tobt die Halle genauso wie später beim 17:13 durch den bärenstarken Olle Forsell Schefvert (32:00). »

Und die Halle tobt auch noch, als Adam Nyfjäll einen Abpraller zum 22:21 ins Netz knallt (47:00). Doch die Kräfte der letzten grün-weißen Aufrechten schwinden. Schwinden sichtbar von Sekunde zu Sekunde. Tausendsassa Fredriksen findet keine Lücken mehr, Schefvert hat sich völlig ausgepowert und Stefan Cavor fehlt die Kraft zum platzierten Werfen. »Wir hatten dann zu viele technische Fehler«, bilanziert nach der Partie Fredriksen. Magdeburg hingegen wechselt einen Star für einen anderen ein. Immer öfter deckt nun auch Kristjansson die Schwachstelle am grün-weißen Kreis auf. Magdeburg führt durch Magnusson beim 25:23 (53:00) mit zwei Toren und hat beim 28:25 (57:00) nach Mertens Tempogegenstoß die Partie entschieden. »Nur Nuancen«, seufzt schließlich HSG-Coach Ben Matschke nach der Partie, »haben den Unterschied ausgemacht. Beide Mannschaften haben einfach alles gegeben.«

Am Ende tanzen und jubeln die Titelanwärter über die Platte. Tanzen und jubeln derart laut, dass diese hörbare Erleichterung des Starensembles das größte Kompliment ist, dass die bis in die Schlussphase fliegenden Domstädter überhaupt bekommen können.

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