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Der »feinere Klopper«

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Auf seinem Balkon in der Dillenburger Innenstadt: Ex-Nationalspieler Dieter Mietz. Foto: Fischer © Fischer

Dillenburg. Wenn er von früher erzählt, dann funkeln seine Augen, dann lodert das Feuer in ihm, das seine Gegenspieler einst so fürchteten. »HSV-Idol Uwe Seeler hat mich mal angespuckt, weil er mit meiner Art, ihn zu bearbeiten, nicht zurecht kam. Und Willi Lippens, damals für Rot-Weiß Essen am Ball, ist vor lauter Angst vor mir erst gar nicht aufgelaufen.

«

Beharkt, beackert und bekämpft hat Dieter Mietz fast alle damals Großen des deutschen Fußballs. Auch Gerd Müller, Klaus Fischer, Reiner Geye, Manfred Burgsmüller und Hans Walitza. Zwischen seinem ersten Amateur-Länderspiel gegen Österreich (0:0) am 20. September 1967 in Regensburg, »als ich zwei von den Alpen-Stürmern so abgegrätscht habe, dass sie über die Holztribüne geflogen sind«, bis zu seinem 43. und letzten am 31. August 1972 in München beim Olympischen 7:0 gegen die USA, als er nach 67 Minuten für den Düsseldorfer Heiner Baltes eingewechselt wurde, lagen fünf Jahre, die der eisenharte Defensivstratege nicht missen möchte. Auch wegen der Reisen nach Nigeria, Togo, Ghana, der Elfenbeinküste, Liberia, Sierra Leone und den Senegal.

»So einer wie Berti Vogts oder Dieter Höttges war ich nicht, ich war der viel feinere Klopper«, lacht der heute 78-Jährige herzhaft, wenn er an jene Zeit zurückdenkt, in der er bundesweit mit eisernem Willen, einer extremen Leidenschaft und der täglich vorgelebten Einstellung, immer bis an die Leistungsgrenze (und auch darüber hinaus) zu gehen, auf sich aufmerksam machte.

Seine Besessenheit hat den dreifachen Opa und bald vierfachen Uropa, der im polnischen Olsztyn (deutsch: Allenstein) aufwuchs, im Ruhrpott groß und des Fußballs zuliebe im nördlichen Lahn-Dill-Kreis sesshaft wurde, stets begleitet: In seinem beruflichen Leben im Außendienst eines Abfallentsorgers, aber auch bei seinen Stationen als Trainer, unter anderem beim SSV Dillenburg und Eintracht Haiger. »Wenn ich etwas angegangen bin, dann immer mit 150 Prozent.«

Was auch für Olympia 1972 galt, wo Trainer Jupp Derwall in der Defensive jedoch bei den Vorrundensiegen gegen Malaysia (3:0) und Marokko (3:0) dem Offenbacher Egon Schmitt, Heiner Baltes von Fortuna Düsseldorf, Reiner Hollmann von Rot-Weiß Oberhausen oder dem Gladbacher Hartwig Bleidick den Vorzug gab. Gegen die USA durfte Dieter Mietz ran, das 1:1 gegen Mexiko erlebte er dann wieder von der Bank aus.

Ehe die sportliche Welt stillstand, die palästinensische Terrorgruppe »Schwarzer September« elf israelische Olympia-Teilnehmer und einen deutschen Polizisten tötete und das Fest der fröhlichen und ausgelassen feiernden jungen Menschen vor dem Abbruch stand.

»Nachts hat es plötzlich furchtbar geknallt«, erinnert sich Mietz an jenen schrecklichen 5. September des Jahres 1972. »Wir wussten aber nicht, was passiert war. Erst als wir morgens rüber in die Mensa sind, konnten wir einen der Terroristen auf einem gegenüberliegenden Balkon sehen«, erinnert sich der 78-Jährige an die Geiselnahme. »Wir haben dann nicht trainiert und sind den ganzen Tag in unseren Zimmern geblieben, um die Geschehnisse am Fernseher zu verfolgen.«

Auch den Tag danach mit der legendären Forderung von IOC-Präsident Avery Brundage, »The games must go on«, erlebten die Fußballer weitestgehend isoliert. Ehe sie am Abend wieder raus durften und Ungarn mit 1:4 unterlagen. »DFB-Präsident Hermann Neuberger kam zu uns und hat gefragt, ob wir in der Lage wären, das Turnier fortzusetzen. Keiner wollte schon nach Hause. Wir alle haben ihm gesagt, dass wir sofort wieder auf den Platz wollten.«

Das abschließende 2:3 gegen die DDR bedeutete für Dieter Mietz und seine Mitstreiter wie Uli Hoeneß, Ottmar Hitzfeld, Bernd Nickel, Ronald Worm, Klaus Wunder, Jürgen Kalb oder Torwart Günter Wienhold nicht nur das Turnier-Aus, sondern auch die vorzeitige Heimreise. »Die Schlussfeier habe ich zu Hause bei meiner Frau Hanne auf dem Sofa verfolgt«, blickt der ehemalige Verteidiger zurück. Auch bei der Eröffnungsfeier war er nicht im Stadion. »Manfred Kaltz trug die Fahne, wir anderen mussten auf den Zimmern bleiben. Ich weiß bis heute nicht, warum.«

Was Dieter Mietz jedoch noch weiß ist, dass Derwalls Kicker in der Mensa mit vielen Niederländern zusammen saßen. Grund genug für den damals 28-Jährigen, seinen legendären Besentrick vorzuführen. Ausschließlich mit dem Zeige- und dem Mittelfinger der rechten Hand, ohne den Daumen zu Hilfe zu nehmen, konnte er einen Besen in der Waagrechten halten. »Da habe ich mir den Größten und auf den ersten Blick Stärksten der Holländer herausgepickt und ihn aufgefordert, den Trick nachzumachen.« Willem Ruska, Doppel-Olympiasieger im Judo, ein 1,90-Meter-Schrank mit 115 Kilogramm, erhob sich von seinem Stuhl, ergriff einen Besen - und scheiterte. Zum Gelächter seiner Teamkameraden. Und zur Freude von Dieter Mietz, dem alten Haudegen, der später sogar eine Einladung zu einem Länderspiel ablehnte und zwei Karten für den Olympiaball wieder an den DFB zurückschickte. »Ich war als Trainer gefordert, das ging immer vor.«

Einmal jedoch kehrte Dieter Mietz nach München zurück, nämlich als Uli Hoeneß das Team elf Jahre nach den Spielen ins Olympiastadion einlud. Es war der 14. Mai 1983, die Bayern empfingen den 1. FC Kaiserslautern. »Wenn wir heute verlieren, werfe ich unseren Trainer Pal Csernai raus«, soll Hoeneß posaunt haben. Die »Roten Teufel« siegten 1:0. Der Münchner Konditor Bodo Müller überreichte dem Ungarn in der Pressekonferenz einen Kuchen in Sarg-Form. Csernai saß noch am Abend auf der Straße. Und Dieter Mietz bierselig zusammen mit seinen Mitstreitern von einst.

Auch seine Frau Hanne hat Kuchen besorgt, als sich Dieter Mietz mit seinem langjährigen Freund Peter Sichmann über die alten Zeiten austauscht. Serviert wird der Kaffee in Tassen von Villeroy & Boch. Die legendäre Marke »Wildrose« hat heute noch ihren Platz im Schrank der kleinen Wohnung in der Dillenburger Altstadt. »Weißt du noch, wo wir das Service herhaben?«, fragt Hanne ihren Dieter. Er schüttelt mit dem Kopf. »Du hast es für deine Olympia-Teilnahme bei einer Weihnachtsfeier geschenkt bekommen.« Das hat er längst verdrängt.

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