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Der Nachruf der Turner des TV Holzheim

Erstellt:

Von: Albert Mehl

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Der Nachruf im Gießener Anzeiger aus dem Jahr 1920. Foto: Archiv © Archiv

Holzheim. Eine Todesanzeige ist nichts Besonderes. Ein stilles und öffentliches Gedenken der Familie oder von Angehörigen an eine oder einen Verstorbenen. Doch die Nachruf-Anzeige, die im Namen des Turnverein Holzheim vor fast 102 Jahren, am 16. Dezember 1920 im Gießener Anzeiger veröffentlicht wurde, ist außergewöhnlich. Denn sie galt Albert Weinberg, einem jüdischen Turnkameraden aus Holzheim.

An der Außenmauer des Kirchhofs der Evangelischen Kirche in Holzheim sind, deutlich sichtbar, 42 steinerne Namenstafeln angebracht, die an die Gefallenen des 1. Weltkriegs aus Holzheim erinnern. Ganz rechts auf der Tafel steht der Name Albert Weinberg, ein jüdischer Mitbürger.

Dass er den Abschluss der Gedenktafeln-Reihe bildet, hat einen ganz profanen Grund. Albert Weinberg war der letzte Gefallene des 1. Weltkriegs aus dem Ort. In doppelter Hinsicht. Zum einen starb er am 30. Juli 1919 als Unteroffizier in einem Kriegsgefangenenlager in Sibirien, zum anderen dauerte es anderthalb Jahre (!), bis die Nachricht seines Todes den Weg nach Holzheim gefunden hatte.

Vom (kurzen) Leben Albert Weinbergs liegen nur wenige Informationen vor. Dr. Sabine Sander, eine aus Holzheim stammende und in Bad Soden/Taunus lebende Historikerin, hat sie gesammelt. In ihrem Beitrag für die aktuelle Ausgabe der Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins (OHG) hat sie diese aufgearbeitet.

In einem Beitrag über die Familie Weinberg (»Jüdisches Leben in Oberhessen, Die Familie Weinberg/Herz in Holzheim, Kreis Gießen«) gibt sie Einblicke in das Leben jüdischer Mitbürger in Holzheim vom 19. Jahrhundert bis zum Ende des Nationalsozialismus.

Albert Weinberg lebte in einer Zeit in Holzheim, als auch hier der Antisemitismus zum, sagen wir mal, guten Umgangston gehörte. Schon seit 1890 zeigen die Wahlergebnisse, dass die Antisemitische Volkspartei unter Führung Otto Böckels auf großen Widerhall stieß. (71,5 Prozent der Stimmen gingen 1890 in Holzheim an besagte Partei, im Deutschen Reich 0,7 Prozent.) Ähnliche Rückschlüsse lassen sich aus den Wahlergebnissen bis in die 30er Jahre ziehen.

Ansehen

Dass Weinberg ein besonderer junger Mann gewesen sein muss und trotz der politischen Wetterlage besonderes Ansehen im Ort genossen haben muss, davon zeugt besagte Nachruf-Anzeige. Denn seine ehemaligen Turnkameraden vom TV Holzheim setzten, als sie vom Tod ihres früheren Freundes erfuhren, eine Nachruf-Anzeige in die Ausgabe des 16. Dezember 1920 des Gießener Anzeigers. Was mehr als eine noble Geste für den am 1. August 1908 von 55 jungen Männern gegründeten Turnverein Holzheim darstellt. Oder auch eine irritierende Information ist aus einer Zeit, als Antisemitismus das Alltagsleben mitprägte in einem typischen Örtchen des ländlichen Raums in Mittelhessen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Albert Weinberg wurde am 19. September 1897 in Holzheim als Sohn der Eheleute Moses und Katinka Weinberg geboren. Auch wenn ihm noch drei Wochen zum Mindestalter von 17 Jahren fehlten, meldete er sich 1914 freiwillig zur Armee und begann am 1. September seine Dienstzeit. Lesen wir dazu bei Sabine Sander: »Seine Einheit war das Infanterie-Regiment Kaiser Wilhelm Nr. 116, 6. Kompanie; Garnison war die Neue Kaserne in Gießen. Am 7. September war das Regiment mit über 3400 Mann an die Westfront gerückt, er rückte später nach.«

Am 16. September 1916 geriet Albert Weinberg in der Westukraine in russische Kriegsgefangenschaft. »Drei Tage vor seinem 19. Geburtstag«, wie Sabine Sander anmerkt. Von dort kehrte er nicht mehr lebend nach Hause zurück.

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