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»Deshalb Obacht, Argentinien«

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Von: Thomas Suer

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Niko Semlitsch WM-Experte © Red

Wenn man vor der WM darauf gesetzt hätte, dass Marokko ins Halbfinale der WM kommt, hätte man ordentlich Geld verdienen können. Aber sowas macht man ja nicht, weil nicht damit zu rechnen ist. Das ist das Schöne am Fußball, er ist und bleibt unberechenbar, ist einfach nicht auszurechnen. Da kann man noch so viele Laptops nebeneinanderstellen und noch so viele kalibrierte Linien ziehen.

Kroatien ist jetzt nicht die große Überraschung, denn sie waren ja schon vor vier Jahren im Endspiel. Entsprechend sind sie schon mit Selbstbewusstsein angereist, das nach dem Spiel gegen Brasilien noch kräftig gestiegen sein wird. Deshalb Obacht, Argentinien. Wer von denen denkt, sie seien schon im Finale, der täuscht sich. Die Kroaten sind die Kroaten, die geben nicht auf und stehen stabil, haben einen klasse Torwart und sind eine gewachsene Mannschaft. Brasilien hat das bitter erfahren müssen. Sie waren im Kopf nach dem 1:0 schon durch. Genauso wie Argentinien gegen die Niederlande nach dem 2:0. Aber Brasilien hat es nicht nur deshalb nicht geschafft, weil sie das zweite Tor nicht gemacht haben oder Elfmeterschießen Glückssache ist, sondern weil sie zwar ganz viel Talent haben, es aber auch damit übertreiben. Die waren ja schon vor dem Viertelfinale Weltmeister. Man ist nicht konzentriert genug, wenn man jedes Tor betanzt und auf der Tribüne alle Fans schon einen Pokal in der Hand haben.

Ich gebe allerdings auch zu, dass ich nach dem späten Ausgleich von Holland keinen Pfifferling mehr auf Argentinien gesetzt hätte. Ich habe erwartet, dass die Holländer den Flow mitnehmen, aber Argentinien war dann wieder besser und hat es verdient. Der gute alte Louis van Gaal hat dabei übrigens aus meiner Sicht einen Fehler gemacht, indem er vor dem Spiel über Messi gesagt hat, er laufe nicht viel, bewege sich nicht zurück. Da hat Messi es ihm gezeigt, das hat ihn angestachelt. Er führt die Mannschaft, das ist klar zu sehen. Und die Äußerung war unklug von van Gaal. Man sieht aber auch, dass ein Trainer, wenn ein Spiel ins Kippen gerät, von Außen wenig Einfluss nehmen kann. Das ist diese komische Eigendynamik, die jeder, der mal gespielt hat oder als Trainer - egal wo - arbeitet, kennt. Mit der Aufstellung und der Einstellung vor dem Spiel kann ich was bewegen, während des Spiels ist es schwer, komplett umzuschalten.

So war es auch für Portugal, das natürlich besser war als Marokko, aber das 0:1 hatten sie nicht auf der Rechnung. Dann spielst du, rennst an, machst und tust, die Zeit läuft weg, du wirst nervös. Und das war’s. Trotzdem denke ich, dass für Marokko jetzt Endstation ist. Frankreich gegen England war das vorweggenommene Finale, England hätte es genauso verdient gehabt wie die Franzosen, aber man sieht schon, wie fokussiert die sind. Die Franzosen wollen unbedingt den Titel verteidigen, das hat man vom ersten Spiel an gesehen. Auch wenn es 2004 Otto Rehhagel mit Griechenland gab, sowas passiert in einem Menschenleben nur einmal. Gegen Spanien und Portugal hat Marokko überrascht, gegen Frankreich wäre es keine Überraschung, sondern eine Sensation. Und an die glaube ich nicht. Frankreich setzt eben auch auf einen Neuner. Mbappe ist das Beste, was derzeit auf dem Markt ist, aber Giroud war gegen England der entscheidende Faktor. Der französische Trainer weiß, was ein echter Mittelstürmer wert ist. Das haben wir leider nicht gewusst. Trotzdem bin ich froh, dass Hansi Flick bleibt. Er wird wissen, dass auch er Fehler gemacht hat, aber eine Chance hat er auf alle Fälle verdient. Denn Fußball ist, wie gesagt, nicht berechenbar. Sieht man auch bei diesem Turnier immer wieder. Aber: ganz am Ende setzt sich doch so gut wie immer die beste Mannschaft durch. Und da darf man gespannt sein, ob das Argentinien oder Frankreich ist. Oder sogar Kroatien?

Niko Semlitsch muss man den fußballaffinen Lesern nicht vorstellen. Der 76-jährige Ex-Bundesligaprofi war über Jahrzehnte als Trainer bis in die 2. Liga aktiv und kennt den Fußball aus allen Blickwinkeln aus dem Eff-Eff. Und weil er kein Blatt vor den Mund nimmt und weder den Fußball noch sich zu ernst nimmt, ist der Steinbacher erneut unser WM-Experte.

Aufgezeichnet

von Rüdiger Dittrich

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