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Die Faszination der Stadien

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gispor_0110_stadion_3009_4c_1 © Red

Architektur, so heißt es im schlauen Lexikon, bezeichnet im weitesten Sinne die (handwerkliche) Beschäftigung und ästhetische Auseinandersetzung des Menschen mit dem gebauten Raum. Das ist zunächst einmal wertungsfrei, denn mancher mag vor Schreck entfliehen, wenn er sich mit 50er- und 60er-Jahre-Baukunst des vergangenen Jahrhunderts auseinandersetzt.

Mancher verzückt mit der Zunge schnalzen, weil er selbst im zweckdienlichen Wessi-Hochhaus oder einer betonierten DDR-Platte ein Schmankerl entdeckt, das für ihn den Denkmalschutz rechtfertigt, wo andere schon die Abrissbirne schwingen.

Gießens Überführung am Selterstor ist auch so ein Ding, an dem sich die Geister scheiden. Und auf dem, wie der Name Elefantenklo schon sagt, sehr große Tiere angeblich was ausscheiden. Lange Rede, kurzer Sinn: Architektur und deren Schönheit liegt oft im Auge des Betrachters. Und so ist es auch beim Fußballstadion, das ein Tempel der Neuzeit, die Kirche der Balllologen, die Pilgerstätte für all jene ist, die anstatt der Jakobsmuschel die Vereinsfahne am langen Stab vor sich hertragen. Die Faszination der Fußballstadien, die heute verkommerzialisiert Arenen heißen, mit Sponsoren- anstelle heiliger Vereinsikonen-Namen geschmückt, ist legendär.

Und nicht nur, wenn man drin ist (und nicht gerade von Holligans verprügelt wird) oder davor steht, empfindet man, zumindest als eingefleischter Fan des Fußballs, große Ehrfurcht vor der schöpferischen Kraft, die sich in Beton, Stahl, Glas und ja, auch Plastik, entfalten kann.

So lässt das Buch »Stadion. Die besten Fußball-Arenen der Welt« unsere Fußballherzen höher schlagen. Selten wurde so umfang- und abwechslungsreich der mehr oder weniger be- und ge- und umbaute Platz dargeboten, auf dem 22 Männer (und auch Frauen) in kurzen Hosen einem Ball hinterherlaufen, um ihn links und rechts in einem netzbewährten Gestänge unterzubringen.

365 Fußballstadien, für jeden Tag des Jahres eines also, haben die Fachleute vom Werkstatt-Verlag in diesem quadratisch-praktisch-guten Band untergebracht. Foto folgt auf Foto - und all die Bilder sprechen für sich. nur eine kurze Einleitung, ein schmales Vorwort führt uns hinein in die bald 500 Seiten starke Stadionbibel. Nur ausgewählten Fußball-Tempeln wie dem Westfalenstadion der Dortmunder Borussen oder dem Estadio Santiago Bernabeu von Real Madrid widmen die Macher kurze, mit größter Kenntnis geschriebene Texte, ansonsten sind wir ganz Auge - und ganz Ohr - fast hört man die Fangesänge aus dem Buch erklingen. Der besondere Charme des prachtvollen Bandes liegt aber gerade darin, dass er eben nicht an der Anfield Road anfängt, im Estadio de la Luz weitermacht und im Volksparkstadion aufhört.

Nein, die schönsten Schnappschüsse, die eindrücklichsten Bilder, die faszinierendsten Momentaufnahmen sind von Plätzen und Stadien, die kaum einer kennt. An seltsamen Orten gelegen, in außergewöhnliche Landschaft gebettet oder mit morbidem Charme ausgestattet, von einstiger Größe erzählend. Da wird die Arena zum Acker, doch ihre Wirkung verfehlen die Bilder nie. Großes Kino!

Stadion. Die besten Fußball-Arenen der Welt. 478 Seiten, Werkstattverlag, 49,90 Euro.

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