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»Die Frustration ist bei uns allen groß«

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Wie geht es mit den Gießen 46ers weiter? Darauf geben die Aufsichtsräte Lars Witteck (links) und Wolfgang Greilich Antwort. Fotos (3): Schepp © Angelika Schepp

Gießen. Zum zweiten Mal nach 2013 sind die Gießen 46ers, einst der dienstälteste Basketball-Bundesligist, in Liga zwei abgestiegen. Sang- und klanglos. Und nach einer Saison, die an Fehleinschätzungen, mangelnder Qualität und nicht vorhandenem Teamgeist kaum zu toppen war. Das verlangt nach einer Aufarbeitung! Der sich Aufsichtsratssprecher und Rechtsanwalt Wolfgang Greilich (68), einst zwischen 2014 und 2019 als FDP-Politiker Vizepräsident des Hessischen Landtags, und sein Mitstreiter im Kontrollgremium, Volksbank-Vorstand Lars Witteck (48), stellen.

Warum sind die 46ers zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres aus der Basketball-Bundesliga abgestiegen?

Wolfgang Greilich: Da kamen viele Faktoren zusammen. Angefangen von unserer fehlenden Infrastruktur bis hin zu unserem nicht ausreichenden Etat, also zu geringen Einnahmen. Erst hatten wir kein Glück, am Ende kam auch noch Pech dazu.

Lars Witteck: Wir waren nicht in der Lage, ein Team zusammenzubekommen, das konkurrenzfähig gewesen wäre. Außerdem haben die Nachverpflichtungen nicht eingeschlagen. Nun gilt es, alles und jeden zu hinterfragen, vor allem aber, alle nur erdenklichen wirtschaftlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, um zumindest mittelfristig wieder aufsteigen zu können. Dabei ist nicht nur die Privatwirtschaft, sondern auch der öffentlich verantwortete Bereich gefragt.

Sie führen sehr oft fehlendes Geld für qualitativ hochwertige Spieler an. Warum haben Sie sich im Sommer 2021 dann um die Wildcard beworben, wenn Ihnen offenbar sowieso klar war, dass es nicht reichen würde?

Greilich: Dass wir bei unserem schmalen Geldbeutel natürlich auch ein wenig Glück benötigt hätten, um die Liga zu halten, war allen von vornherein klar. Dass wir dazu in der Lage sind, haben wir in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt.

Witteck: Was hätten wir denn tun sollen? Die Bundesliga herschenken und von einem romantischen Neuaufbau in Liga zwei träumen? Tradition alleine reicht nicht für eine obere Klasse. Im Fußball versuchen seit Jahren, ja Jahrzehnten Teams wie Kickers Offenbach, Rot-Weiß Oberhausen oder Alemannia Aachen irgendwo unten einen Neuaufbau. Das wollten wir so nicht. Wir waren es unseren enthusiastischen Fans schlicht schuldig, alles dafür zu tun, um im Oberhaus bleiben zu können. Ein Versuch war es jedenfalls wert.

Das größte Manko: Alle vier Nachverpflichtungen haben dem Team nicht weitergeholfen. Wer hat sie gescoutet, wer hat sie ausgesucht, wer trägt die Verantwortung?

Greilich: Um das mal klarzustellen: Nicht Aufsichtsrat oder Gesellschafter, sondern entsprechend ihrer Zuständigkeit unser Geschäftsführer Sebastian Schmidt und Trainer Pete Strobl gemeinsam aufgrund von deren Expertise. Dass die Leistung der Neuen nicht gepasst hat, wissen wir inzwischen alle. Aber nachher ist man immer schlauer ...

Witteck: Sie dürfen die Rolle eines Aufsichtsrats nicht überschätzen. Wir sind keine Basketball-Experten, wir sind Fans, wir sitzen mit Herzblut auf der Tribüne. Und wir müssen uns darauf verlassen, was uns Trainer und Sportdirektor vorschlagen oder berichten.

Sie haben, obwohl schon zum Jahreswechsel absehbar war, wo die Reise hinführt, am Sportdirektor und am Trainer festgehalten. War dies einzig der Tatsache geschuldet, dass Sie es sich angesichts deren langfristiger Verträge wirtschaftlich nicht leisten konnten, sie zu entlassen?

Greilich: Wir haben oft zusammengesessen und die Lage besprochen, und wir kamen immer wieder zu dem Ergebnis, keine Entlassungen vorzunehmen.

Witteck: Dies war keine Portemonnaie-Entscheidung. Sebastian Schmidt hat uns stets vermittelt, dass in der Mannschaft alles stimmt. Wir haben ihm vertraut und tun dies noch immer.

Der Coach musste gehen, der Sportdirektor aber darf bleiben. Der Schuldige am Abstieg ist also ausgemacht ...

Witteck: Sebastian Schmidt ist ein Mann, der sich ständig hinterfragt. Sie können mir glauben, dass er tagtäglich mit sich gerungen hat, den Trainer zu wechseln oder auch nicht. Die Frustration bei uns allen ist groß.

Greilich: Ständig nur zu verlieren, hat auch uns keinen Spaß gemacht. Wir haben im Aufsichtsrat alles nur Erdenkliche versucht, um eine Wende herbeizuführen. Doch alle Gespräche haben nichts gebracht.

Witteck: Ich habe sogar einmal vor dem Auswärtsspiel in Bayreuth und im Angesicht der leblosen Vorstellung wenige Tage vorher gegen Ludwigsburg die Mannschaft zusammengeholt und sie in den Senkel gestellt. Da sind viele Worte gefallen, die ich nicht wiederholen möchte. Sehr lange vorgehalten hat es aber leider nicht.

Ein Aufsichtsrat ist normalerweise ein Kontrollgremium. Sie aber nehmen bisweilen operative Aufgaben wahr. Ist es nicht an der Zeit, dieses Gremium deutlich zu verkleinern?

Greilich: Wie schon erwähnt ist die Zeit gekommen, um alles zu hinterfragen. Über die Frage einer Verkleinerung des Gremiums wird die Gesellschafterversammlung entscheiden. Ob ihrer beruflichen Belastung und aus Altersgründen werden einige Mitglieder des Aufsichtsrats bei der turnusmäßigen Neuwahl im Herbst nicht mehr kandidieren.

Witteck: Unser Aufsichtsrat mischt sich nicht ins operative Geschäft ein. Mal mit einem Spieler zu reden oder mit dem Coach essen zu gehen, halte ich für kein Problem. Aber wenn Sie es schon ansprechen: Ich habe bei dem letzten Gesellschaftertreffen bekanntgegeben, ab Herbst für den Aufsichtsrat nicht mehr zur Verfügung zu stehen.

Viele Spieler haben berichtet, dass es im Team nicht stimme. Hatten Sie den Eindruck, dass die Mannschaft gegen den Trainer gespielt hat?

Greilich: Die nur spekulativ zu beantwortende Kernfrage ist natürlich, ob irgendetwas besser gelaufen wäre, wenn wir nicht an Pete Strobl festgehalten hätten. Sie können versichert sein, dass wir dieses Thema intensiv aufgearbeitet haben und uns jetzt auf die Zukunft konzentrieren. Dass Sebastian Schmidt mit Branislav Ignjatovic schnell einen Nachfolger präsentieren konnte, beantwortet diese Diskussionen selbstredend.

Witteck: Auch wenn viele es immer glaubten: Zwischen Sportdirektor Sebastian Schmidt und Trainer Pete Strobl bestand nie ein so enges freundschaftliches Verhältnis, das es den Blick für das Wesentliche hätte beeinträchtigen können, nur weil sie zusammen in Braunschweig gearbeitet haben.

Ein ProB-Team kostet pro Saison rund 350 000 Euro. Dafür hätten Sie mindestens zwei herausragende Bundesliga-Akteure bekommen können. War es rückblickend betrachtet also ein Fehler, die zweite Mannschaft am Leben zu halten?

Greilich: Das ProB-Team hat uns Doppellizenz-Spieler geliefert, die wir in der Bundesliga dringend gebraucht haben. Insofern ist die Summe, die Sie genannt haben, nicht richtig. Wir haben im Sommer 2021 zusammen mit allen Gesellschaftern beschlossen, die zweite Mannschaft ins Rennen zu schicken. Diese Entscheidung war richtig. Nun stehen wir an dem Punkt, nicht ein ProA- und ein ProB-Team aufbieten zu können. Wir stehen allerdings in intensiven Gesprächen mit den Verantwortlichen der Gießen Pointers, die den Sprung in die ProB geschafft haben. Wir glauben, dass wir hier im Interesse aller Beteiligten Synergien schaffen können.

Witteck: Unser Ziel muss es sein, unsere Leistungspyramide weiterzuentwickeln. Unsere Akademie, für die sich Christiane Roth sehr engagiert, bleibt bestehen und wird auch in Zukunft Akteure liefern, die oben Fuß fassen können.

Bekommen Sie für die ProA überhaupt eine Lizenz? Dem Vernehmen nach hat Ihr Geschäftsführer einen deutlich zu optimistischen Etatansatz gewählt, ohne hinreichende Garantien von Sponsoren zu haben. Das könnten die Verantwortlichen der ProA leicht als Lizenzierungs-Vergehen werten ...

Greilich: Sebastian Schmidt hat uns einen Budget-Entwurf vorgelegt, den wir leicht modifiziert verabschiedet haben. Er ist ambitioniert, ich bin mir aber sicher, dass wir das hinbekommen. Wenn nicht, dürften wir auch nicht länger über die ProA nachdenken.

Witteck: Unser Anspruch ist es, uns mit gutem, attraktivem Basketball in der ProA zu etablieren und die Playoffs anzustreben. Dazu müssen aber alle an einem Strang ziehen, sonst wird es schwierig, neue Sponsoren für die 46ers zu begeistern.

Es gibt Gesellschafter, die nur noch selten in der Halle waren und die ihre Anteile gekündigt haben ...

Greilich: Davon habe ich nichts gehört, das haben Sie exklusiv.

Wie bewerten Sie die Zuschauerzahlen in der Osthalle? Auch angesichts der Tatsache, dass selbst Gesellschafter und andere Dauerkartenbesitzer zuletzt überhaupt nicht mehr zu den Spielen gekommen sind ...

Witteck: Die Leute wollen eine Mannschaft sehen, die kämpft, die mit Leidenschaft agiert, die sich zerreißt, die guten und ehrlichen Sport anbietet. Ich denke, in der ProA wird der Zuspruch wieder besser, denn in Liga zwei zu gewinnen ist allemal besser, als in Liga eins dauernd auf die Ohren zu bekommen.

Greilich: Corona hat vielen Clubs geschadet. Überall sind die Hallen nicht so gefüllt, wie es sich die Vereine wünschen und wie sie es vor allem wirtschaftlich benötigen. Die Situation wird sich aber wieder verbessern.

Um den Aus-, Um- und Neubau der Osthalle ist es ruhig geworden. Ist es richtig, dass die Pläne angesichts des Abstiegs auf Eis liegen?

Greilich: Ich stehe in Kontakt zur Regierungskoalition. Wir hatten im Januar intensive Gespräche mit dem Magistrat, bei denen alle Modelle auf dem Tisch lagen. Nämlich das im Herbst von uns vorgestellte sowie die Idee der Stadt einer eigenen Ballsporthalle. Bis zum Jahresende wird eine Entscheidung gefallen sein. Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher jedenfalls hat ja auch öffentlich bestätigt, dass unser Abstieg nichts an den Plänen verändert hat.

Ebenso ruhig ist es in den zwei Jahren nach Heiko Schelberg und Sebastian Jung ums Thema Marketing und Social media geworden. Keine Kampagnen, keine Mitnahme der Fans. Sind Sie damit zufrieden?

Witteck: Nein, das sind wir nicht. Ich gebe jedoch zu bedenken, dass es in den beiden Corona-Jahren sehr schwer war, Veranstaltungen auf die Beine zu stellen, bei denen sich viele Menschen begegnen. Wir starten einen Neuanfang, viele Aktionen laufen wieder an.

Abschließend: Ist Bundesliga-Basketball in Gießen vorbei oder glauben Sie, dass die 46ers wieder aufsteigen können? Wenn ja, worin begründet sich Ihre Hoffnung?

Greilich: Wir leben in einer Stadt, in der Basketball ein zentrales Thema ist. Wenn wir die Menschen durch gute Leistungen unserer 46ers wieder für den Besuch in der Osthalle begeistern können, dann ist alles möglich.

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