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Die Geduld zahlt sich aus

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Stets engagiert an der Seitenlinie: Handball-Trainer Ergün Sahin. © Pomoja

Gießen. Den Jahreswechsel hat Ergün Sahin genutzt. Auf einen Trainingsplan folgte der nächste. Dazu kamen Videoanalysen. Endlich könnte man meinen. Endlich darf Ergün Sahin wieder das machen, was er so sehr liebt: Als Handball-Trainer arbeiten. Dies blieb ihm zu lange verwehrt.

Rückblick: Im November 2018 trennt sich die TSG Oberursel von dem Übungsleiter. Nach acht Spielen und 0:16 Punkten stehen die Taunusstädter auf dem letzten Platz in der Landesliga Mitte der Männer. Für den Trainer ist es die zweite Entlassung seiner Laufbahn. »Es hat natürlich geschmerzt. Wir hatten eine junge Truppe und haben eine tolle Vorbereitung gespielt. Leider haben die Ergebnisse nicht gepasst. Für einen Trainer gibt es keine Garantien. Eine Entlassung gehört zum Geschäft dazu«, erzählt Ergün Sahin.

Doch was er in diesem Spätherbst 2018 nicht ahnen kann: Es dauert fast drei Jahre, ehe er wieder eine Anstellung erhält. Für den ehemaligen Oberligaspieler des TV Holzheim und der HSG Pohlheim eine harte Zeit. Das Telefon steht still. Niemand scheint Interesse an einer Verpflichtung von ihm zu haben. An einem A-Lizenz-Inhaber wohlgemerkt. An einem Coach, der dafür steht, Talente besser zu machen und bei der HSG Lumdatal bewiesen hat, dass er auch Aufstiege kann. »Ich habe mich hinterfragt«, gesteht Ergün Sahin. »Was habe ich falsch gemacht? Liegt es an meiner Person? Bin ich manchmal zu ehrlich?«

Fragen, die den gebürtigen Pohlheimer mit türkischen Wurzeln lange beschäftigen. Doch für ihn ist klar: Er möchte sich nicht verstellen, nur um anderen zu gefallen. »Irgendwann«, berichtet er, »habe ich damit angefangen, nur auf mich zu schauen.«

Gesagt, getan. Durch eine Ernährungsumstellung nimmt er bis zu 25 Kilogramm ab, geht - bis heute - Fahrrad fahren und ins Fitnessstudio. Dazu bildet sich Ergün Sahin fort und schaut anderen Trainern über die Schultern. Dazu baut er sich ein Netzwerk beim türkischen Verband auf. Dort möchten die Funktionäre mehr über den Handball in Deutschland wissen.

Als der SC Magdeburg bei Besiktas Aygaz antritt, bekommt er einen Anruf von Bennet Wiegert. Beide haben gemeinsam die A-Lizenz erworben. Der SCM-Coach möchte von Ergün Sahin Informationen beziehungsweise Videomaterial über den Gegner erhalten. Während der eine mittlerweile das Team aus Sachsen-Anhalt in die Spitzengruppe der Bundesliga geführt hat, scheint der andere in Mittelhessen in Vergessenheit geraten zu sein.

Zudem sorgt Corona dafür, dass ein Spielbetrieb kaum stattfindet und dadurch nur wenige Trainerstellen frei werden. Immerhin steigt Ergün Sahin beim Handball-Bezirk Gießen als Auswahltrainer ein. Einen Job, den er bereits früher gemacht hat. »Für mich war es schön und wichtig, wieder bei den Wurzeln anzufangen«, sagt Ergün Sahin. Als er sich schon mit dem Gedanken anfreundet, wohl nicht mehr als Vereinstrainer tätig zu sein, erhält er im September eine Nachricht aus dem Rhein-Main-Gebiet. Die Drittliga-Frauen der HSG Rodgau Nieder-Roden zeigen Interesse an einer Verpflichtung Sahins. Die Gespräche laufen gut. So gut, dass es zu einer Zusammenarbeit kommt. Die Verantwortlichen und der Übungsleiter einigen sich zunächst auf eine Zusammenarbeit bis Saisonende.

»Ein Glücksgriff für mich«, wie Ergün Sahin heute sagt. Der Auftakt könnte nicht besser laufen. Sowohl bei der HSG Gedern/Nidda als auch bei der HSG Kleenheim-Langgöns behält die Truppe, die wegen Corona und dem damit verbundenen ersten Saisonabbruch immer noch als Aufsteiger gilt, die Oberhand. Pikant: Bei beiden Vereinen arbeitete Ergün Sahin bereits als Trainer. Genugtuung, betont er, habe er trotz der Siege aber nicht verspürt. Im Gegenteil: »In Kleenheim hat mir ein wenig die Geduld gefehlt. Meinen Rücktritt dort bereue ich.« Doch so kometenhaft der Start war, so schnell folgt auch der harte Ligaalltag.

Auf einem Abstiegsplatz beendet die HSG das alte Jahr, gerade die wichtigen Duelle gegen Königsdorf und Köln gehen verloren. Dennoch sind sie im Rodgau von der Arbeit des Mittelhessen überzeugt. Im Dezember verständigen sich alle Beteiligten darauf, dass Engagement des 48-Jährigen bis über das Saisonende hinaus zu verlängern. Ergün Sahin macht sich selbst sein schönstes Weihnachtsgeschenk.

»Wir haben noch viel Arbeit vor uns«, berichtet er. Eine Verbesserung der Abwehr und das Tempospiel stehen ganz oben auf seiner Agenda. Er selbst ist von seinem neuen Verein überzeugt. »Ich bin sehr herzlich aufgenommen worden. Es geht hier sehr familiär zu. Ich habe ein sehr junges Team. Die Jüngste ist 17, die Älteste 26. Natürlich wollen wir die Klasse halten, aber mir ist wichtiger, dass eine Entwicklung zu sehen ist.« Eine noch bessere Verzahnung zwischen den Jugendteams und den aktiven Mannschaften ist ein weiterer zentraler Aspekt seiner Tätigkeit. Kein Zweifel: Ergün Sahin hat bei der HSG noch lange nicht fertig. Die fast dreijährige Pause, sie gehört endgültig der Vergangenheit an. Seine Geduld hat sich ausgezahlt. Der nächste Trainingsplan kann geschrieben werden.

Und heute kehrt Sahin mit seinem Team zur HSG Lumdtal zurück. Nur für ein Spiel. Um 17.30 Uhr in der Londorfer Halle.

Ergün Sahin (48) stammt aus Pohlheim. Beim TV Holzheim fing er mit dem Handball an und schaffte es als Spieler bis in die Oberliga. Seine Trainerlaufbahn startete er bei der HSG Pohlheim. Mit der C-Jugend holte er mit Spielern wie Timm Schneider und Kevin Schmidt die Südwestdeutsche Meisterschaft.

Weitere Stationen waren der TV Hüttenberg und die HSG Dutenhofen/Münchholzhausen, bei beiden Clubs engagierte er sich in der Jugendarbeit. Bei den Aktiven stand er für die HSG Pohlheim II, der HSG Gedern/Nidda, dem TSV Griedel, der HSG Lumdatal, der TSG Oberursel (alle Männer), der HSG Kleenheim/Langgöns II und der HSG Eibelshausen/Ewersbach (beide Frauen) an der Seitenlinie. »Alle meine ehemaligen Spielerinnen und Spieler grüßen mich, wenn sie mich sehen. Ich habe in allen Vereinen viele Freunde gefunden. Ich bin mit mir im Reinen«, sagt der Angestellte der Stadt Gießen.

Seit Sommer 2021 trainiert Ergün Sahin die Drittliga-Frauen der HSG Rodgau Nieder-Roden. Er ist im Besitz der Trainer-A-Lizenz. (tis)

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