1. Startseite
  2. Sport
  3. Lokalsport

Die gute Seele des Frauenhandballs

Erstellt:

Von: Albert Mehl

gispor_0811_hedw_091122_4c
Hedwig Kühn © Red

Gießen. »Jetzt ist sie wieder bei ihrem Walter.« Wehmut und Melancholie schwingen mit in der Trauer von Doris Lederer, geborene Kühn, über ihre Mutter. Vor wenigen Tagen ist Hedwig Kühn im Alter von 96 Jahren gestorben.

Wenn die Verstorbene am 19. November in Grüningen beerdigt wird, dann heißt es nicht nur für die Familie Abschied zu nehmen. Und auch nicht nur für die ehemaligen Handballerinnen und Handballer des VfB 1900 Gießen. Dann muss sich der heimische Frauenhandball von einer seiner prägenden, wenn nicht »der« Pionierin verabschieden. Denn Hedwig Kühn verkörperte in Mittelhessen die weibliche Variante dieser Sportart wie keine andere.

Dass sie in Grüningen zu Grabe getragen wird, weist auf ihre Wurzeln hin. Denn hier wurde sie am 7. April 1926 als Doris Hofmann geboren. Beim TV Grüningen turnte sie und betrieb Leichtathletik und war Anfang der 40er Jahre Mitbegründerin der Frauenhandball-Abteilung; und (erst auf dem Großfeld) eine prägende Offensivkraft mit Wurfgewalt. Anno 1947 wechselte Hedwig Kühn zum VfB 08 Gießen, der wenige Jahre später im VfB 1900 aufging.

Ein folgenschwerer Entschluss. Denn hier lernte sie nicht nur ihren Mann Walter kennen und lieben. Hier wirkte sie als Spielerin und Betreuerin und später als Abteilungsleiterin und war maßgeblich daran beteiligt, dass die VfB-Handballerinnen Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre munter in der Bundesliga mitmischten.

In den 60er Jahren spielte sie sogar noch mit Tochter Doris, als wurfgewaltige Linkshänderin nur durch eine Verletzung vom Einsatz in der Nationalmannschaft gehindert, in einer Mannschaft zusammen. Auch der Rest der Familie, neben »ihrem« Walter Sohn Ulrich und Enkel Thorsten, hatte sich dem Handball verschrieben.

Für Karl Schieferstein, den langjährigen Vorsitzenden des VfB 1900, war sie über Jahrzehnte »die gute Seele unserer Handball-Abteilung«. Wobei er vergaß, die über den Verein hinausreichende Strahlkraft von Hedwig Kühn mit zu erwähnen.

Möglicherweise war diese es, die für die körperliche Fitness und geistige Frische der Verstorbenen bis ins hohe Lebensalter sorgte. So lebte sie auch nach dem Tod ihres Mannes 2009 weiter in ihrer Wohnung in Gießen, trotz schwindender Sehkraft in den letzten Lebensjahren.

Letztendlich waren es die Folgen eines Sturzes, die das Leben von Hedwig Kühn innerhalb weniger Tage beendeten. Und sie wieder zu ihrem Walter führten.

Auch interessant