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»Die Hoffnung stirbt zuletzt«

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Gibt nun in Oldenburg die Spielrichtung vor: Der ehemalige 46ers-Coach Ingo Freyer kehrt am Samstag nach Gießen zurück. © Schepp

Gießen. Exakt 411 Tage nach seiner Entlassung bei den Gießen 46ers ist Ingo Freyer wieder auf die Bühne Basketball-Bundesliga zurückgekehrt. Am 31. Januar stellten ihn die EWE Baskets Oldenburg als neuen Übungsleiter vor und sorgten damit für eine Seltenheit im Trainergeschäft.

Denn innerhalb von nur elf Tagen war der heute 51-Jährige der dritte Verantwortliche auf der Bank der Niedersachsen. Nach dem langjährigen Coach Mladen Drijencic, seit März 2015 im Amt, versuchte sich dessen Assistent Alen Abaz, doch nach Niederlagen gegen Crailsheim (86:97), Braunschweig (78:94) und Bonn (65:89) und dem Absturz ans Tabellenende zogen die Verantwortlichen um Baskets-Chef Hermann Schüller abermals die Reißleine und installierten Ingo Freyer.

Am Samstag (20.30 Uhr) kehrt der Ex-Nationalspieler, der in Wedel im südlichen Schleswig-Holstein aufgewachsen ist, im Abstiegskampf des Oberhauses in die Sporthalle Ost zurück. Grund genug, im Vorfeld des brisanten Duells einige Worte mit ihm zu wechseln.

Ingo, Sie waren nach Ihrer Entlassung in Gießen im Dezember 2020 ein wenig von der Bildfläche verschwunden. Gab es keine Angebote oder haben Sie nur auf das richtige gewartet?

Es gab Angebote, ich hatte mir aber vorgenommen, nicht wieder direkt irgendwo einzusteigen. Ich wollte das Geschehene durchdenken, es reflektieren. Deshalb hatte ich mich dazu entschieden, mich weiterzubilden und mein Studium in Sportmanagement, das ich während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 begonnen hatte, abzuschließen.

In welchen Zustand haben sich die EWE Baskets Ihnen Ende Januar, als Sie das Team übernahmen, präsentiert?

Ich habe sie in einem sehr guten Zustand vorgefunden. Gleich die ersten drei, vier Einheiten vor dem Heidelberg-Spiel habe ich die Jungs voll rangenommen - und sie haben voll mitgezogen. Natürlich mussten sie sich an taktische Komponenten, die ich bevorzuge, erst noch gewöhnen. Aber athletisch waren sie in einem Klassezustand. Es ist sowieso ein Märchen zu glauben, ein Trainer würde irgendwo, egal ob im Basketball, im Fußball oder im Handball, ein Team vorfinden, dass nicht fit wäre. So etwas gibt es heuzutange nicht mehr, denn die Athletik ist im Profisport sehr weit fortgeschritten. Ein Trainer kann meist nur mental an kleinen Stellschrauben drehen.

Sie sind seit knapp zwei Monaten in Oldenburg im Amt und haben den Club in dieser Zeit mit sechs Siegen aus neun Partien weg vom Tabellenende geführt. Was haben Sie verändert?

Das kann ich gar nicht so genau sagen, denn ich weiß nicht, in welchem Zustand die Jungs waren, bevor ich gekommen bin. Was ich sagen kann ist, dass ich die Spieler kannte. Ich habe dann das gemacht, was ich für richtig gehalten habe. Nämlich ihnen verdeutlicht, dass alle an einem Strang ziehen müssen. Und ich habe ein System installiert, bei dem wir stets versuchen müssen, den jeweiligen Gegner in Situationen zu bringen, die er nicht gewohnt ist. Dazu bedarf es bestimmter Mechanismen, die das Team schnell verinnerlicht hat.

Ist es korrekt, dass jeder in der Liga immer gesagt hat, Ihr Team sei trotz einiger namhafter Abgänge im Sommer deutlich besser, als es der Tabellenstand verraten habe?

Die Tabelle bildet meist den Marktwert einer Mannschaft ab. Sie steht nun mal auf einem Platz, den sie sich auch erspielt hat. Und daran gilt es zu arbeiten und an Stellschrauben zu drehen, damit sich die Situation verbessert. Auch Ulm oder Bonn hatten vor Jahren mal solche Phasen und haben daraus gelernt.

War es für Sie von Vorteil, dass die Doppelbelastung aus Bundesliga und Champions League durch das Aus Ihres Clubs nach der Gruppenphase des internationalen Wettbewerbs weggefallen ist?

Definitiv ja, auch weil wir Corona-bedingt einen echt engen Spielplan hatten. Wenn wir im Europapokal weiter dabeigewesen wären, hätten wir Wochen mit vier Spielen gehabt. Das wäre kaum durchzuhalten gewesen.

Ihr Vertrag läuft nur bis zum Saisonende. Wird Ihre Mission dann beendet sein?

Auch wenn es wirklich abgedroschen klingt und andere dafür schon fünf Euro ins Phrasenschwein gesteckt haben: Alles, an was ich denke, ist der Klassenerhalt. Und der gelingt nur, wenn wir von Spiel zu Spiel denken.

Ihre Entlassung bei den 46ers war nach sechs Niederlagen in Serie durchaus umstritten. Haben Sie lange gehadert?

Nein, denn die Entwicklung war absehbar. Als Mike Koch Geschäftsführer und Sportdirektor wurde, habe ich schnell gemerkt, dass dies nicht funktionieren wird. Ich hatte mir echt eingebildet, einen Fachmann an meiner Seite zu wissen, mit dem ich mich hätte besprechen können. Doch weit gefehlt. Ich hatte zu ihm überhaupt keine Beziehung, er hat mit mir null kommuniziert. Selbst sich mit mir mal zum Essen zu treffen, hat er abgelehnt. In Hagen saßen mein Assistent Steven Wriedt und ich mit unserem Manager Oliver Herkelmann oft stundenlang zusammen, haben bis tief in die Nacht Videos studiert, haben uns manchmal bis zu 50 Spieler angeschaut und haben dann gemeinsam entschieden, wen wir nehmen und wen nicht. Bei Mike Koch bekam ich Spieler wie Brandon Bowman vor die Nase gesetzt, die ich nicht wollte. Oder Akteure wie Brandon Thomas durften bleiben, die ich gerne aussortiert hätte. Das konnte nicht gutgehen. Mit Kochs Vorgänger Heiko Schelberg hatte ich ein super Verhältnis, er hat seinen Job gemacht und ich meinen, er hat sich in sportliche Belange nie reingehängt, er hat im Vertrieb, bei der Aquise und auf der Geschäftsstelle tolle Arbeit abgeliefert. Dieses Zusammenspiel führte am Ende einer Saison nie dazu, dass wir abgestiegen wären. Die Personalie Mike Koch hat den 46ers leider sehr geschadet.

Warum ist Ihr langjähriger Assistent Steven Wriedt in Gießen geblieben?

Wir sind ja nicht verheiratet, natürlich konnte er bleiben, er ist ja schließlich auch privat mit der Region sehr verbunden. Er ist ein perfekter Assistent, der sich sicher auch unter meinen Nachfolgern Rolf Scholz oder Pete Strobl loyal verhalten hat.

Mit welchen Gefühlen betreten Sie am Samstag die Osthalle?

Ich freue mich, denn ich hatte eine schöne Zeit in Gießen. Sportlich lief vieles super, ich denke, die Fans haben längst erkannt, was Denis Wucherer und ich nach dem Abstieg in die ProA alles für den Verein geleistet haben. Ich hatte die Zeit, ein Team zu entwickeln, das hat mir viel Freude bereitet. Außerdem hatte ich einen guten Draht zu den Fans, mit einigen bin ich heute noch in Verbindung. Ich habe Gießen nicht im Groll verlassen.

Sind die 46ers noch zu retten?

Natürlich, sie haben noch ausreichend Zeit, Siege einzufahren - nur bitte am Samstag nicht gegen uns. Die Hoffnung stirbt zuletzt, noch ist nicht aller Tage Abend.

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