1. Startseite
  2. Sport
  3. Lokalsport

Die jungen Wilden lassen Fans singen

Erstellt:

Minden. Keiner möchte Lars Weissgerber sein. Wirklich kein mittelhessischer Handball-Fan möchte nach 56 Spielminuten und 35 Sekunden mit Lars Weissgerber tauschen. Im Abstiegskrimi der HSG Wetzlar bei GWD Minden gibt es den ersten Siebenmeter für die Gäste. Den allerersten. Und Weissgerber, der Experte, aber der Experte, der zuletzt einen Strafwurf nach dem anderen verworfen hat, schreitet mit ernstem Blick an die Linie.

25:23 führt Wetzlar in dieser immens wichtigen Partie. Trifft der Außenspieler, ist das die Entscheidung. Verwirft er, droht die fünfte Niederlage in Folge. Weissgerber täuscht erst an, zieht den Wurf dann hoch durch. Tor! Tor für die Grün-Weißen zum 26:23. Jubel auf der Bank. Jubel auf dem Feld. Jubel bei den mitgreisten Fans. »Auswärtssieg, Auswärtssieg«, schallt es durch die Halle. Lautstarke Rufe, die weiter tönen, bis der 29:26-Erfolg schließlich feststeht.

GWD Minden - HSG Wetzlar 26:29

Die Domstädter dürfen durchatmen. Der Negativlauf in der Handball-Bundesliga ist durchbrochen. Das Abstiegsgespenst droht aus etwas weiterrer Ferne. »Ich«, sagt dann auch Trainer Ben Matschke nach dem Kellerduell, »bin sehr erleichtert für die Mannschaft, für die Fans und für den Verein.« Dass es in dieser stets spannenden, aber wenig überraschend nicht besonders hochklassigen Begegnung aber überhaupt zu einer offenen Crunchtime kommen konnte, hatten sich die Wetzlarer jedoch selbst zuzuschreiben. Denn als Matschke nach 26 Spielminuten seine erste Auszeit nimmt, ist die Erleichterung noch so weit entfernt wie ein russischer Oligarch von einem bescheidenen und tugendhaften Lebensstil. Am Ende der ersten Halbzeit nämlich beschwört der Trainer seine Spieler regelrecht. »Männer«, sagt er eindringlich, »seid schlau. Nicht so schnell, schnell, schnell. Und ihr müsst die Chancen nutzen.« 13:11 führen die Mittelhessen zu diesem Zeitpunkt. Doch 19:11 oder 20:11 müssten sie eigentlich führen.

Doch im Tabellenkeller spielen die Nerven eine gemeine Rolle. Im Tabellenkeller spielt an diesem Tag das Abstiegsgespenst auf den zum Zerreißen gespannten Nervensträngen ein fieses E-Gitarren-Solo. Death-Metal im Handball-Oberhaus. Dabei beginnen im Duell Vorletzter gegen Drittletzter beide Mannschaften, als gäbe es kein Morgen. Jeder Angriff ein Treffer. Jede Abwehraktion eine große Lücke. 7:7 steht es nach 12 Minuten. Doch nach der 10:8-Führung der HSG durch Emil Mellegard (16:30) geht bei den zuvor gut mitspielenden Gastgebern nichts, aber auch gar nichts mehr. Im Angriff wechseln sich Abstiegsgespenst, Fehlerteufel und Handballkobold ab und sorgen für fast slapstickartige Würfe und Pässe. Die guten Aktionen des GWD wiederum macht der überragende Till Klimpke im grün-weißen Tor mit Glanztat auf Glanztat zunichte. Binnen zehn Minuten gelingt Minden nur ein Treffer. Doch anstatt vorentscheidend wegzuziehen, verdaddeln die Gäste reihenweise beste Möglichkeiten. Wenn HSG-Betreuer Micke Rühl noch Haare hätte, würde er sich diese nach Lenny Rubins schlecht verworfener Großchance halb und nach Emil Mellegards unfassbarem Aufsetzer aus neun Metern über das leere (!!!) Tor komplett ausgerauft haben.

So heißt es zur Pause nur 13:11. So heißt es nach dem Wiederanpfiff schnell 14:14 (35:30). Und so heißt es gar 21:19 (49:00). Doch dann treffen die jungen Wilden. Hendrik Wagners Doppelpack, Radojica Ceps und der emsige Lukas Becher sorgen mit vier Toren in Folge und dem 23:21 (52:30) für die Vorentscheidung, die Lars Weissgerbers Nervenstärke schließlich mit der alles entscheidenden Drei-Tore-Führung veredelt. »Es war so wichtig«, sagt schließlich Matschke, als die Freudentänze seiner Spieler beendet sind, »dass wir dieses Spiel gewinnen.«

GWD Minden: Semisch (1.-58), Shamir (58.-60.); Ahouansou 5, Darmoul 5, Urban 5, Korte 4/2, Richtzenhain 3, Staar 2, Sebetic 1, Stoyke 1

HSG Wetzlar: Klimpke (1.-52.), Suljakovic (52.-60.); Mellegard 6, Lipovina 5, Schelker 3, Weissgerber 3/1, Becher 2, Cepic 2, Nikolic 2, Nyfjäll 2, Rubin 2, Wagner 2, Cepic

Schiedsrichter: Christian vom Dorff (Kaarst)/Fabian vom Dorff (Kaarst) - Zuschauer: 1858 - Strafminuten: 8 / 4

Auch interessant