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Die lange Reise des Michael Fink

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Von Stuttgart über Bielefeld, Frankfurt und Istanbul nach Gießen: Der Vorzeige-Profi wird 40 Jahre

Gießen . Wer die (fußballerische) Vita von Michael Fink nachliest, der kann nur den Hut ziehen. 2001 hat er mit der A-Jugend des VfB Stuttgart neben einem gewissen Kevin Kuranyi den Pokalsieg errungen, 2004 hat er für Arminia Bielefeld schon in der Bundesliga getroffen, ein Volleykracher im legendären Stadtderby für Besiktas Istanbul gegen Fenerbahce ist heute zudem noch auf You-Tube als Tor des Jahres der Türkei zu bewundern. Viel Erfahrung, viele fußballerische Meriten, aber auch eine ausgeprägte Bodenständigkeit und Freundlichkeit im Umgang, dafür steht der in Waiblingen geborene Michael Fink. Ihn in Gießen spielen sehen zu dürfen, ist das reinste Vergnügen. Nicht nur wegen der Außenristpässe. Heute feiert der FC-Stratege seinen 40. Geburtstag. Und hatte am Montag bereitwillig 40 Antworten auf 40 Stichwörter zu seiner außergewöhnlichen Karriere.

Mit 40 Jahren noch höherklassig am Ball, was hätten Sie vor 20 Jahren dazu gesagt?

Ich hätte gesagt, dass es wahrscheinlich gesundheitlich nicht möglich sein wird. Mit 20 habe ich noch 3. Liga beim VfB Stuttgart gespielt und habe es schwer einschätzen können, wohin die Reise geht.

Was ist der Antrieb und die Motivation, solange durchzuhalten?

Ich besitze sportlichen Ehrgeiz, eine Siegermentalität, bei der es für mich auch darum geht, mich selbst beweisen zu wollen.

Und sonst?

Auch das Gefühl nach einem Sieg ist großartig, oder dass ich die jüngeren Spieler führen kann. Aber vor allem natürlich: Ich habe immer noch viel Spaß auf dem Platz und am Fußball.

Wieviel Verzicht ist notwendig…

Man muss schon auf seinen Köper achten. Der Körper ist die Ware, die es gut zu behandeln gilt.

Ein besonderer Lebensstil?

Ja, die Ernährung ist ganz wichtig. Besonders weil im Lauf der Jahre die Regeneration länger dauert, muss man da schon drauf achten. Ich trinke wenig Alkohol, höchstens mal am Wochenende, keine Cola oder Fanta, esse viel Gemüse und fülle den Kohlehydratspeicher auf. Um solange im Fußball aktiv zu sein, bedarf es Talent, Glück und Willen, aber auch eines gewissen Lebensstils.

Ihre Stärken?

Meine Stärken waren immer schon die, die ich jetzt auch noch habe. Ich habe ein gutes Auge für das Spiel und die Situation und kann ganz gut eine Mannschaft führen. Dazu kommt eine gute Passtechnik im Aufbauspiel. Und natürlich mittlerweile die Routine. Die Ruhe am Ball zu bewahren, war schon immer eine Stärke von mir. Ab einem gewissem Alter geht aber die Torgefahr ein wenig flöten. Weil die Wege sehr weit werden nach vorne.

Gibt’s eine Schwäche...

Die Geschwindigkeit, die Dynamik, da hätte ich sicher noch mehr rausholen können. Ab einem gewissen Punkt ist das Talent ausgeschöpft. Aber ich habe viel mit Willen gemacht: Ich war immer der Erste und Letzte auf dem Trainingsplatz.

Was sagt Ihre Frau dazu?

Gefühlt ist es so, dass sie jedes Jahr fragt: Willst du immer noch spielen? Tatsächlich braucht man eine Partnerin, die voll und ganz dahinter steht, sonst schafft man das nicht. Wir sind seit 2006 zusammen, ich war gerade von Bielefeld nach Frankfurt gewechselt und sie ist sofort mitgekommen. Alle Stationen hat sie mitgemacht. Das ist nicht selbstverständlich.

Ein Wort zum VfB Stuttgart, Pokalsieg mit Kuranyi in der A-Jugend...

Eine sehr schöne und gute Zeit, die mich dahingebracht hat, wo ich jetzt bin.

Bielefeld…

Bei Stuttgart hatte ich unter Ralf Rangnick, Winnie Schäfer und Rainer Adrion trainiert, aber nie so richtig die Chance bei den Profis bekommen. Dann kam Uwe Rappolders Angebot von Bielefeld. Arminia war zu dem Zeitpunkt in der 2. Liga, hat dann aber den Aufstieg geschafft. Auch für mich ein Glücksfall.

Eintracht Frankfurt…

Die Station, die mich am meisten geprägt hat. Ich habe mich dort sehr, sehr wohlgefühlt. Und es war eine erfolgreiche Zeit: Wir waren im DFB-Pokalhalbfinale und im Europacup.

Sie leben auch in Hessen...

Ja, Hessen ist meine zweite Heimat geworden. Und in der Eintracht-Traditionself spiele ich auch immer noch.

Besiktas Istanbul…

Ich wollte damals sportlich den nächsten Step gehen, wollte auch mal Champions League spielen. Zu der Zeit gab es ein Angebot von Hannover 96, von Red Bull Salzburg, die Eintracht wollte mich halten, und dann kam Besiktas. Die spielten Champions League. Es war eine Zeit, die mich unglaublich geprägt hat. Eine großartige Erfahrung.

Gladbach…

Nach der guten Zeit in Istanbul kam Bernd Schuster als Trainer, der nicht so auf mich gesetzt hat. Zudem gab es eine Ausländerregelung in der Türkei, sodass nur sechs nicht-türkische Spieler im Verein spielen durften. Dann kam das Angebot von Gladbach. Damals ging es in der Relegation um den Klassenerhalt gegen Bochum. Mit dem jungen Reus. Es hat dann schließlich geklappt.

Ist man als (Ex-)Profi auch Fan?

Ich habe schon Sympathien für die Eintracht und Stuttgart. Aber auch ein Stück weit für Bielefeld, weil da die Familie meiner Frau lebt. Ich freue mich, wenn die Vereine gewinnen, sehe Fußball aber ansonsten eher differenziert, distanziert und analytisch.

Schönstes Erlebnis...

Da gibt es zwei: Im Spiel gegen Fenerbahce habe ich einen Volleytreffer für Besiktas erzielt. Da war was los. Und in Old Trafford haben wir mit Besiktas Manchester United geschlagen, die dort lange nicht verloren hatten.

Bitterste Erfahrung...

Als wir mit Erzgebirge Aue aufgrund eines weniger erzielten Tores abgestiegen sind. Da habe ich lange gebraucht, um das zu verdauen.

Alte Freundschaften zu Profis?

Es gibt im Profi-Bereich schon Freundschaften, die entstehen können. Wie zum Beispiel zu Daniyel (Cimen, die Red.) aus der Frankfurter Zeit. Auch aus der Aue-Zeit habe ich noch ein, zwei Leute. Ansonsten sind es eher sporadische Kontakte, wo man sich freut, sich mal wiederzusehen, wie mit Marco Reus im Sommer beim BVB-Spiel.

Thema Gladbach, der Rücktritt Max Eberls ist derzeit das Thema in den Medien.

Ja, und ich kann es gut nachvollziehen. Auch ich hatte bei der Eintracht eine Phase, wo der Druck sehr groß war, weil ich auf der Bank saß und kritisiert wurde. Ich kann das aber ganz gut nicht an mich ranlassen. Ich empfinde heute auch nicht die Presse als Hauptproblem, sondern was von Außen über Social Media auf einen einprasselt. Da kann man schon Unterstützung im privaten Umfeld brauchen oder muss sich professionelle Hilfe suchen. Es trauen sich aber viele immer noch nicht, sich einzugestehen, dass sie Hilfe brauchen. Fußball gilt immer noch als starker Männersport. Da auch mal Schwächen einzugestehen, fällt vielen immer noch schwer.

Wie hat sich der Fußball in 20 Jahren verändert - auf dem Platz?

Das Tempo ist extrem angezogen in den vergangenen Jahrzehnten. Außerdem sind Wille und Kampf nicht mehr so maßgeblich, es wird mehr Fußball gespielt, weil alle Akteure besser ausgebildet sind. Das ist zwar gut, hat aber auch Schattenseiten, denn es gehen Führungsfiguren und echte Typen verloren. Es wird mehr in Schemata und taktischen Abläufen gedacht, dadurch mangelt es oft auch an Unbekümmertheit und individuellen Fähigkeiten.

In der Wahrnehmung und Außendarstellung?

Durch Social Media ist der Druck gewachsen. Und Fußball ist noch viel mehr ein Geschäft. Wenn man sich ansieht, dass während des ersten Lockdowns fast alles geschlossen war, der Fußball aber relativ schnell wieder geöffnet wurde, ahnt man wieviel Wirtschaftskraft und -einfluss dahinter steckt. Auch die Summen bei Transfers zeigen das: Für mich gibt es keinen Spieler der 100 Millionen wert ist.

Was lernt man im Fußball?

Man lernt ganz viel fürs Leben. Dass man sich aufeinander verlassen kann. Man lernt etwas über Mannschaftsgeist. Fußball wirkt auch in den privaten Bereich hinein. Religion oder Hautfarbe spielen in einer Mannschaft keine Rolle, man lernt, die Menschen als Individuen zu sehen und tolerant zu sein.

Der beeindruckendste Gegenspieler…

Roberto Carlos, der war einfach ganz besonders. Ich habe auch oft gegen Bayern München gespielt, da habe ich die Klasse von Arjen Robben, Franck Ribery oder Roy Makaay kennengelernt. Oder auch Oliver Kahn. Solche Typen wie ihn gibt es leider heute nicht mehr.

Welche Sportart wäre es für Sie, wenn nicht Fußball?

Ich habe sehr gerne Tischtennis gespielt, aber ansonsten gab es für mich nur Fußball. Jetzt im Alter spiele ich auch mal Tennis, aber eigentlich war es immer nur der Fußball.

Hobbies außerhalb des Sports?

Da gab und gibt es nicht soviel Zeit dafür, aber ich treffe mich gerne mit der Familie und Freunden. Und gucke sehr gerne Serien.

Lieblingsserie?

Game of Thrones

Lieblingsessen?

Das sind zwei aus der Heimat. Ich mag zwar auch Grüne Soße, aber beim Essen bin ich heimatverbunden: Käsepätzle und Maultaschen.

Liebstes Reiseziel?

Am liebsten Griechenland. Die Tante meiner Frau lebt dort seit 30 Jahren auf einer kleinen Insel, das ist familiär, ganz simpel gehalten, schöne Strände, wenig Tourismus.

Schönstes Stadion?

Old Trafford hat mir gefallen. Aber eigentlich ist die Allianz-Arena für mich eines der schönsten Stadien.

Was ist reizvoll an der Regionalliga…

Man muss dafür nur die Vereine durchgehen, da sind viele Traditionsvereine mit großen Namen drin. Und da gibt’s auch Spieler, die es schaffen können. Das macht die Regionalliga schon ganz gut.

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