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»Die Spieler opfern sich«

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EM-Analyse von Kai Wandschneider © Red

Gießen. Nach dem 21:25 gegen Schweden ist der Traum vom EM-Halbfinale für die deutsche Handball-Nationalmannschaft geplatzt. Kai Wandschneider analysiert das Auftreten der DHB-Auswahl. Der frühere Trainer der HSG Wetzlar nimmt heute auch noch einmal die Rahmenbedingungen des Turniers mit seinen zahlreichen Coronafällen ins Visier.

»Ich muss zunächst nochmal an die Begleitumstände der EM erinnern. Die Rahmenbedingungen werden derzeit von den vier großen I bestimmt: Inflation, Infektion, Isolation und Implosion. Der deutsche Kapitän Johannes Golla hat zurecht gesagt, dass vier große Turniere binnen zwölf Monaten einfach zu viel sind. Das ist die Inflation an Turnieren, die zu Lasten der Spieler geht. Durch Corona haben wir nun bei der EM Infektionen und die Isolation der Spieler in ihren Zimmern. All das müsste eigentlich zu einer Implosion des Turniers führen. Tut es aber nicht, weil diejenigen, die ihre Haut zu Markte tragen, also die Spieler, sich immer wieder opfern. Diese Situation ist grotesk.

Deshalb kann man das Sportliche eigentlich nicht werten. Aber gut, ich versuche es dennoch: Wenn man sich die ersten drei Hauptrundenspiele der deutschen Mannschaft anschaut, muss man sagen, dass ohne Training und mit einem ständig veränderten Spielerkader im Schnitt zehn Tore weniger geworfen wurden. Auch deshalb, weil unsere Mannschaft in der Hauptrunde auf Weltklassetorhüter und auf stärkere Abwehrreihen getroffen ist. Das hat bewirkt, dass man dann eben nur noch 23 statt 33 Tore im Schnitt geworfen hat. Zudem wurden unfassbar viele technische Fehler gemacht. Was die Mannschaft in der Vorrunde gezeigt hat, also geduldiges Angriffsspiel, das war weg. Man hat den Ball nicht mehr weiterlaufen lassen und es war natürlich auch keine Eingespieltheit mehr vorhanden. Konnte es ja auch gar nicht. Deshalb ist eine seriöse Beurteilung der spielerischen Leistung ja auch nicht möglich.

Gegen Schweden war der Kampfgeist gut. Die Spieler sind mit einer vorbildlichen Haltung in diesen immer absurder anmutenden Wettbewerb gegangen. Respekt für diese Einstellung.

Es wäre spanend gewesen, zu sehen, wie bei einem normalen Verlauf eine von Bundestrainer Alfred Gislason gut vorbereitete Mannschaft abgeschnitten hätte. So aber ist das ein Muster ohne Wert. Denn so kann man auch gar nichts zu einer Weiterentwicklung einer Mannschaft sagen. Dieses Turnier wird ja auch Folgen für die Vereine in der Bundesliga haben mit all den Erkrankten. Man kann den Spielen nur die Daumen drücken. Die ursprüngliche Idee, dass Spieler nach einer Genesung ins Turnier zurückkommen, musste ja ebenfalls verworfen werden. Wenn sich ein Hendrik Wagner gegen Schweden selbst auswechselt, weil er kene Luft kriegt, ist das kein gutes Zeichen.

Aber unabhängig von all den Corona-Belastungen trafen alleine durch die Turnierbelastung auch zwei müde Mannschaften aufeinander. Beiden fehlte die Frische. Beide kämpfen tapfer. Aber das Spiel war alles andere als ein Genuss für Handball-Enthusiasten.«

Aufgezeichnet von Karsten Zipp

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