Digitaler Moralhüter

  • schließen

HOCHTAUNUS/BÜDINGEN - HOCHTAUNUS/Büdingen. Angefangen hat alles 2008 bei einem der größten deutschen Fußballklubs. Der zu diesem Zeitpunkt in der Telekommunikationsbranche tätige Mario Leo entwickelte eine SIM-Karte für Fans von Borussia Dortmund. "Es handelte sich um eine Prepaid-Karte mit Wiedererkennungswert. Borussia-Fans konnten untereinander frei telefonieren."

Danach ging es ganz schnell. Der dreifache Familienvater machte seine Leidenschaft für den Sport zum Beruf, gründete eine Firma und entwickelte eine Software, die Daten aus den sozialen Netzwerken aufsaugt. Seine Eintrittskarte in die digitale Welt des Profisports. Heute ist der früher unter anderem für die SG Aulendiebach/Wolf Fußball spielende und aus Michelau stammende Inhaber von RESULT Sports ein gefragter Experte für Vereine und Sportler. Der in Büdingen lebende Leo - der viele seiner Kunden aus Datenschutzgründen nicht nennen darf - im Interview mit dieser Zeitung über die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Sportwelt, die verstärkte Digitalisierung und warum man keine Angst im Umgang mit Facebook und Co. haben sollte, Vorsicht aber immer ein guter Ratgeber ist.

Sie beschäftigen 14 Mitarbeiter, verteilt auf Standorte in Büdingen, der Türkei und Südafrika. Mussten Sie aufgrund der Corona-Krise Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken?

Wir haben am 10. März die Mitarbeiter an allen Standorten ins Homeoffice platziert. Dies gilt, mit wenigen Tagen Ausnahme, bis heute noch. Unsere Auslastung liegt bei 100 Prozent, weil wir unseren Kundenstamm in den vergangenen Monaten sogar vergrößern und unter anderem den AC Florenz oder den Eishockey-Zweitligisten EC Bad Nauheim als Partner gewinnen konnten. Andere Klubs wie Manchester City oder die Uefa als Verband haben ihr Auftragsvolumen zum Teil deutlich vergrößert. Also keine Kurzarbeit - wir verzichten aktuell aber auf Neueinstellungen, obwohl das vor Corona geplant war. Wir wissen nicht, wie lange das Virus die Welt in Atem hält und versuchen deshalb auch Rücklagen zu schaffen. Zudem passen wir uns den wirtschaftlichen Bedürfnissen unserer Partner an.

Was hat sich für Sie und die Arbeit der Vereine verändert?

Inhalte haben sich verschoben. Wertegemeinschaft und Verantwortung stehen ganz oben auf der Liste. Für mich ist die Arbeit trotz Homeoffice irgendwie stressiger geworden. Vor Corona war ich zwar weltweit unterwegs, jetzt hänge ich aber ununterbrochen zuhause vor meinem Computer.

Und sind gefragter Gastkommentator in deutschen Sportsendungen.

Ja, unter anderem wurde ich der ZDF-Sportreportage zugeschaltet, als es um erlaubte Zuschauerzahlen in Stadien ging. Es kommt zu Problemen in der Gesellschaft, wenn, wie vor dem 'Lockdown light' geschehen, in Köln nur 150 Fans erlaubt sind und zeitgleich 5 000 auf der Dortmunder Tribüne sitzen. Als äußerst fahrlässig empfand ich die Bilder vom DFB-Pokalspiel in Rostock, als die Fans zusammengepfercht im Block hinter dem Tor standen. Solche Bilder bestätigen für viele wieder die Sonderstellung des Fußballs während der Pandemie. Zur Prozentregel im Stadion habe ich auch meine eigene Meinung. Die wirtschaftliche Schere im Profifußball geht immer weiter auseinander, wenn beispielsweise Borussia Dortmund 30 Prozent der normalerweise zugelassenen Zuschauer in sein riesiges Stadion lassen darf und der SC Paderborn in seinem kleinen Stadion ebenfalls nur 30 Prozent der vorhandenen Kapazität nutzen darf. 30 000 Borussia-Fans bringen mit Getränke-, Wurst- und Fanartikelkauf viel mehr Geld in die Kassen als 4 000 Paderborner. Deshalb sollten wir das kleinste Stadion als Bemessungsgrundlage heranziehen und dann beispielsweise überall nur 4 000 Fans zulassen.

Ist die Außendarstellung der Vereine aktuell wichtiger denn je?

Ich denke schon. Wir haben unsere Vereine vor dem ersten Lockdown darauf hingewiesen, nicht mit Toilettenpapier zu jonglieren. Wenn sich Menschen im Einzelhandel um solch ein Produkt streiten, beweist man mit Toilettenpapier-Jonglierwettbewerben kein Feingefühl. Und siehe da: Jetzt fehlen schon wieder die Klopapierrollen in den Regalen. Deshalb sollte jeder Verein empathischer sein, eventuell Stiftungsprojekte anleiern. Zwei meiner Kunden, die TSG Hoffenheim und Greuther Fürth, unterstützen kleinere Vereine in der jeweiligen Region. Allgemein gilt: Meine Partner sollten sich solidarisch zeigen und dem Gemeinwohl unterstellen. Dabei unterstützen wir sie mit Wissen, Kompetenz und Sentiment-Analysen. Wir werten Beiträge nach Reichweite und vielen anderen Dingen aus. So können wir vorgeben, welche Tonalität bei diversen Themen angeschlagen werden sollte.

Sagen Sie Ihren Partnern dann genau, was Sie veröffentlichen dürfen?

Um Fehlverhalten möglichst auszuschließen, legen wir eine Art Redaktionsplan an. Wäre ich Berater von Schalke 04, wären solche Dinge wie im Frühjahr nicht passiert. Die Nachricht über den Abbau der 450-Euro-Jobs gehört nicht in soziale Netzwerke. Genauso wenig die Dauerkarten-Story. Der Verein erbringt die Leistung nicht - und ich als Dauerkartenbesitzer soll erklären, warum ich mein Geld zurück möchte. Das ist taktlos. Als Schalke 04 schreibe ich die Dauerkarten-Besitzer, von denen Adressen vorliegen, persönlich an und erkläre die finanzielle Notlage des Vereins. Diese Art der Kommunikation war fahrlässig, eine Steilvorlage für die Medien und kostete viel Image. Ein zweites Beispiel lieferte der ERC Ingolstadt, der über die sozialen Netzwerke mitteilte, dass nur Keeper Timo Pielmeier einem Gehaltsverzicht nicht zustimmte. Pielmeier wird in Deutschland keinen neuen Job bekommen.

Erklären Sie kurz, wie ihre Kunden Facebook, Instagram, Twitter und Co. verwenden sollten.

Twitter wird immer mehr zum Mediennetzwerk. Facebook ist der Kanal für Höhepunkte, den ich dosiert mit Inhalten bespiele. Maximal zwei bis drei pro Tag, an Spieltagen vier bis fünf. Ich darf meine Zielgruppe nicht überfrachten, weil der Internetschub durch Corona groß ist. Es ist auch der erste Kanal, um Frust abzulassen. Ein Verein muss in solchen Situationen wiederum am Ball bleiben, bei mehreren negativen Kommentaren gegensteuern und alles moderieren.

Muss die Sportwelt durch Corona gezwungenermaßen digitaler denken?

Ja, weil die Menschen so in ihren jeweiligen Rahmenumgebungen erreicht werden können. Du musst sie aber auch richtig ansprechen. Warum ist durch Corona nicht der sprunghafte TV-Anstieg gekommen? Weil ich die Fans mitnehmen und ein Bewusstsein bei ihnen schaffen muss. Ich hätte von Retterspielen, nicht von Geisterspielen gesprochen. Durch die räumliche Distanz entfallen häufig die kurzfristigen Reaktionen, das 'Ahhh' oder 'Pfui' im Stadion - zuhause am TV ist das emotionsloser, das heißt die Fans werden entemotionalisiert. Zudem hätte ich den Gehaltsverzicht der Spieler nicht als Zwang, sondern als Bereitschaft kommuniziert.

Ist die digitale Welt auch eine Chance für Vereine, um dort neue Einnahmenquellen zu erschließen?

Natürlich. Vereine starten Hilferufe. Beim Eishockey-Zweitligisten EC Bad Nauheim kann der Fan die digitale Bratwurst erwerben oder Spiele über SpradeTV schauen. Ein Teil der Kosten für SpradeTV geht direkt an die Klubs.

Und wie hilft Ihre Firma?

Wir identifizieren wiederkehrende Formate wie Aufstellungen, Statistiken, Auswechslungen. Das werten wir nach Plattformen, Reichweite sowie Interaktion aus und heften den Produkten dann ein Preisschild für potenzielle Sponsoren an. Dadurch verknüpfen wir unser Monitoring mit Vermarktung. Vereine sollten den Sponsoren nicht nur im Stadion ein Präsentationsfeld bieten, sondern auch im Netz, das zu oft nur für Informationsverbreitung genutzt wird. Borussia Dortmund lässt beispielsweise alle Facebook-Posts von 1&1 sponsoren.

Wie viel Geld kann ein Verein damit zusätzlich einnehmen?

Für einen Fußball-Drittligisten wie den 1. FC Kaiserslautern sind pro Jahr Einnahmen bis 150 000 Euro möglich, Eishockey-Zweitligist EC Bad Nauheim kann bestimmt mehr als 50 000 Euro verdienen.

Warum kommen viele Klubs nicht ohne Ihre Hilfe auf solche Ideen?

Wir bringen einen anderen Ansatz, einen anderen Blickwinkel mit. Dazu drängen wir Vereine nicht in lange Verträge, sondern starten mit wichtigen Impulsen und wollen Reichweiten und Interaktionen um 20 bis 30 Prozent steigern. Unser Blick ist immer auf die Fans gerichtet. Gelingt das, gehen wir mit unserem Kunden gemeinsam den nächsten Schritt. Eines ist auch klar: Weil wir unser Wissen weitergeben, graben wir uns die Kunden weg. Aber: Wenn sie sich gut versorgt gefühlt haben, kommen sie irgendwann wieder zurück.

Gibt es eine immer wieder zu verwendende Schablone für einzelne Sportarten oder Vereine?

Ressourcen, Zielstellung und Rahmenbedingungen sind nie gleich. Wir müssen immer individuell agieren. Ein Beispiel: Wer im Vorfeld mit irgendwelchen Beiträgen eine hohe - nicht zur sportlichen Leistungsfähigkeit passende - Erwartungshaltung schürt, hat eine enorme Fallhöhe. Deshalb erstellt meine Firma ein passendes Stimmungsbild und konkrete Handlungsempfehlungen. Zudem sollten Vereine trotz ihrer Investoren authentisch bleiben und bestenfalls ein Alleinstellungsmerkmal herausarbeiten. Ein gutes Beispiel liefert die Frankfurter Eintracht. Die setzen voll auf die Fans als zwölften Mann und haben ihr Image in den vergangenen Jahren richtig aufpoliert. Zusammengefasst: Unser Team will Probleme verstehen und Lösungen finden. Auch, wenn sich unser Kunde durch irgendwelche Kommentare in den sozialen Medien unbeliebt macht. Wir müssen dann trotz unterschiedlicher Meinungen eine Gemeinschaft bilden. Unsere Kommunikationsstrategie lautet: für Fans, nicht für den Verein. Deshalb ist Monitoring so wichtig.

Wie sollten die Vereine nach Corona am Ball bleiben, um Fans bei Laune zu halten und somit interessant für Sponsoren zu sein?

Es reicht nicht, ein Interview auf Instagram zu führen. Das ist ein in sich abgeschlossenes Konstrukt. Die Inhalte sollten vielfältiger sein. Bayern München wirbt beispielsweise mit den Stärken der Spieler und stellt kleine Filmchen ins Netz, wenn ein Akteur den hinter der Eckfahne liegenden Ball ins Tor dreht. Schalke muss in der aktuellen sportlichen Lage solche Formate natürlich leicht reduzieren, sonst heißt es schnell 'die sollen lieber ordentlich trainieren'. Man muss das Gespür eines Seismografen haben. Wenn die Zündschnur der Fans kürzer ist, sollte man vorsichtig agieren. Sonst explodiert alles. Auch kleinere Vereine wie Fußball-Kreisligisten sollten sich von ihren normalen Spieltagsnachrichten lösen, sich mehr als Kümmerer der Gemeinschaft sehen. Aktuell auf Hygieneregeln hinweisen oder den nächsten Brotback-Termin der Landfrauen im Ort veröffentlichen.

Welche Erkenntnisse ziehen Sie aus der Krise?

Soziale Medien sind wichtiger geworden. Deshalb bitte ich um einen bewussteren Umgang mit den sozialen Medien: Eintracht-Präsident Peter Fischer postet gegen die AfD, weil wir online Werte aufzeigen müssen. Jeder in der Gesellschaft hat eine Mitwirkungspflicht. Wirtschaftlich gesehen leidet der stationäre Handel, während Amazon 30 Prozent zulegt, den Händlern den Boden wegnimmt und die Händler anschließend zu seinen Regeln aufnimmt. So wird Amazon zum Monopolisten und verändert die Marktpreise. Vereine müssen deshalb wie Amazon denken, neue Produkte auf ihren eigenen Marktplatz bringen.

Was passiert, wenn alles wieder im Normalzustand ist?

Ich hoffe auf ein neues Solidaritätsgefühl. Dass lokale Anbieter unterstützt werden, nicht nur das Billigste gekauft wird. Außerhalb des Sports verschieben sich auf dem globalen Handels- und Marktplatz stetig Rahmenbedingungen. Um im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähig zu bleiben, nutzen deutsche Unternehmen bereits immer mehr Produzenten im nahen und fernen Ausland. Das verändert unsere Arbeitswelt. Hier glaube ich, dass wir uns zu einer Dienstleistungsgesellschaft entwickeln (müssen). Die Länder der Welt schätzen die deutsche Bildung die deutsche Qualität und unsere Tugenden wie Pünktlichkeit. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir uns als globale Projektmanager aufstellen, um Länder und Kulturen auf ihrem nächsten Schritt der Lebensqualität zu unterstützen und zu begleiten. Nur so lässt sich langfristig der im globalen Vergleich hohe Lebensstandard in Deutschland halten. Für den Sport sehe ich eSports als große Konkurrenz. Die 14- bis 20-Jährigen sitzen jetzt gemütlich im Wohnzimmer, wollen bei Spielen nicht mehr live dabei sein, weil Stadionbesuche unter bestimmten Hygieneauflagen für sie umständlicher sind. Wenn Corona noch länger andauert, werden Vereine viele Fans verlieren. Diese zurückzuholen, wird eine Herkulesaufgabe.

Sehen Sie sich als Wächter des Internets, Visionär und Hüter der Moral?

Wächter des Internets wäre viel zu vermessen, das sicher nicht. Aber die beiden anderen Sachen treffen zu. Werte wie Moral, Toleranz und Respekt sind in den sozialen Medien unheimlich wichtig, weil ich meinem Gesprächspartner nicht gegenübersitze. Seine Körpersprache nicht deuten kann. Gerade für junge Leute, die überwiegend in der digitalen Welt leben, müssen Leitplanken gesetzt werden. Digitalisierung kann zur Isolierung führen. Depressionen können die Folge sein. Darüber müssen wir reden. Zudem ist es mir ein Anliegen, dass Menschen viel bewusster mit Pop-ups umgehen, sich Zeit nehmen und nicht sofort auf 'alles akzeptieren' klicken. Wir werden gläsern und schränken uns mit unüberlegten Klicks deutlich ein. Irgendwann trifft die Suchmaschine eine Vorauswahl für uns und wir bekommen nur noch einen Teil der gegebenen Möglichkeiten angezeigt. Mir schwebt es vor, ein Handbuch oder Leitfaden mit dem Titel 'Wie funktioniert das Netz' zu schreiben. Es gibt sehr viele Fachbegriffe und Deutungen in den digitalen Medien. Meine Vision ist es, hier globale Standards zu ermöglichen. Ein erster Schritt ist mit meiner Vermarktungs-Formel getan, die die Uefa allen 55 Verbänden während des erstes Lockdowns weitergereicht hat. So konnte der Österreichische Fußball-Bund trotz seiner ausgefallenen Länderspiele 90 Prozent der verkauften Bandenwerbung ins Netz transportieren und somit hohe Verluste abwenden.

Apropos schreiben: Sie schrieben das Buch "Kaufen Sie Ronaldo". Wie kam es dazu?

Der Werkstattverlag kam auf mich zu, sonst wäre dieses Buch nie entstanden. Ich beschreibe die Höhen und Tiefen der letzten zehn Jahre. Höhen, wie mein mediales Mitwirken beim Ronaldo-Transfer von Madrid nach Turin. Oder Tiefen, als mich ein Mitarbeiter verließ und Mesut Özil sowie Ilkay Gündogan als Klienten mitnahm. Mal schauen, was die kommenden zehn Jahre bringen. Foto: sky

Das könnte Sie auch interessieren