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Ein amerikanischer Traum

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HSGWetzlar25Jahreerstklassi
HSGWetzlar25Jahreerstklassi © Red

Wetzlar. Nein, ein Jamie Oliver, der mit 16 die Schule schmiss, um in der Kneipe seines Vaters zu jobben, dem heute aber ein Gastro-Imperium mit 80 Restaurants und einem Umsatz von 190 Millionen Dollar gehört, war er nicht. Auch auf die Spuren von Jürgen Gosch, der als Krabbenpuhler anfing, inzwischen aber auf Sylt und auf Kreuzfahrtschiffen edel auftischt, begab er sich nie.

Und gemein mit Howard Schultz, der in einer New Yorker Absteige aufwuchs, nun als Chef der Kaffeehauskette Starbucks jährlich jedoch 15 Milliarden Euro umsetzt, hat er auch nichts.

Dennoch: Irgendwie erinnert seine Karriere an die des Tellerwäschers, der zum Millionär wurde. Denn Velimir Petkovic hat klein angefangen, ist aber groß rausgekommen. Natürlich: Als er 1998 zur damaligen HSG Dutenhofen/Münchholzhausen kam, war er mit Borac Banja Luca schon zweimal Europapokalsieger. Als Spieler. Und als Trainer. Doch mal ehrlich: In Deutschland kannten den Coach nur Insider.

Insider wie Jörn-Uwe Lommel. Der Rechtsaußen, immerhin 14 Mal im Nationaltrikot und später äußerst erfolgreich als Trainer in Niederwürzbach, Essen, Berlin, Nettelstedt, Ägypten oder China, war (und ist) mit »Petko« befreundet. Und bat HSG-Macher Rainer Dotzauer nach dem Bundesliga-Aufstieg, den Bosnier zu nehmen. Schließlich wollte Meistermacher Horst Spengler seinem Lehrerjob den Vorzug geben. »Rainer, gib Petkovic eine Chance«, soll Lommel gebettelt - und Dotzauer weichgeklopft haben. Es war die beste Entscheidung, die der Manager der Grün-Weißen (in seinem sportlichen Leben) je traf.

Wenngleich die Liaison ein wenig schräg begann. »Dotzauer schlug vor, dass ich ein Probetraining abhalte, erst dann wollte er sich entscheiden«, lacht Velimir Petkovic, wenn er ans Frühjahr 1998 denkt. »Ich? Der Europapokalsieger? Ein Probetraining?« Er habe sich dann doch breitschlagen lassen, habe in Zivil ein paar Bälle in- und herwerfen lassen, habe jedoch auch mitbekommen, dass Damir Radoncic und Blazo Lisicic, zwei der Zweitliga-Helden von damals, sehr für Petkovic plädierten. Noch am Abend nach der Einheit sei der Vertrag unterzeichnet worden. Es sollten sechs wunderbare Jahre werden. Für alle Seiten.

Für »Petko«, weil er zeigen konnte, was in ihm steckte. Kleines Geld, große Leistung. Die darin endete, dass die Truppe aus Dutenhofen und Münchholzhausen, zur Jahrtausendwende von den Etablierten der Branche noch belächelt und als »graue Maus« verspottet, nie in Abstiegsgefahr war. Bis heute gab es nur eine Runde, in der die HSG auch am letzten Spieltag noch zittern musste. Da war der Magier aus Banja Luca schon längst weg.

Velimir Petkovic hat heute noch viele Freunde in Mittelhessen. »Wenn es nach mir gegangen wäre, würde ich noch immer in Dutenhofen arbeiten.« Er besaß eine enge Bindung zur Mannschaft. Er machte aus Akteuren wie Thomas Michel, die wahrscheinlich bei allen anderen Erstligisten nur Bankangestellte gewesen wären, Verantwortungsträger. Er formte Markus Baur zu einer Stütze der Nationalmannschaft. Er entwickelte Spieler wie Björn Monnberg, »Wolle« Klimpke oder Nebojsa Golic zu Männern, nach denen sich andere die zehn Finger leckten. »Die Jungs hatten Respekt vor mir, ich aber hatte auch Respekt vor ihnen.« Denn das Team sorgte unter dem Strich dafür, dass »Petko« plötzlich eine der heißesten Nummern wurde, die der deutsche Markt zu bieten hatte.

Als Frisch Auf Göppingen nicht nur rief, sondern auch das Portemonnaie öffnete, war es um die Liaison zwischen der HSG und Velimir Petkovic geschehen. Auch wenn sich der Erfolgscoach gewünscht hätte, »dass sie mehr um mich kämpfen«. Also mehr auf den Tisch legten. Mit den Schwaben wurde der gebürtige Bosnier Europapokalsieger, beim Zweitligisten ThSV Eisenach empfahl er sich für den Top-Job bei den Füchsen Berlin, die Hauptstadt schließlich ließ er hinter sich, um als Nationaltrainer Russlands auf sich aufmerksam zu machen.

Dass er in Moskau blieb, obwohl Putin die Ukraine überfiel, sieht er sportlich. »Mein ganzes Leben lang habe ich gepredigt bekommen, dass Sport und Politik nicht zusammengehören. Meine Jungs sind mir ans Herz gewachsen, sie können nichts dafür, was geschehen ist. Ich lasse sie nicht im Stich, dafür haben sie mir zu viel gegeben.« Ob die Entscheidung »Petkos« die richtige war, wird die Geschichte weisen.

Wie sehr der erste Bundesliga-Coach der HSG weiterhin mit Wetzlar verbandelt ist, verriet sein 60. Geburtstag, den er wie selbstverständlich bei seinen kroatischen Freunden im Hotel Blankenfeld feierte. Dass er an jenem Abend neben Weggefährten aller seiner Stationen auch zwei Journalisten eingeladen hatte, ehrte ihn und zeigte, dass er ein Mann der Ehre war und ist.

Einer, nämlich Rainer Maier aus Göppingen, hatte ihn neun Jahre lang auf Schritt und Tritt begleitet und dabei seine großen Erfolge in ehrliche und aufrichtige Worte verpackt. Hundertfach! Der andere, nämlich der Autor dieser Zeilen, hatte, als »Petko« bei der HSG auf der Kippe stand, den Druck der »vierten Gewalt im Staate« erhöht. Wohl wissend, dass die Presse nach Exekutive, Legislative und Judikative zwar keinen Macht zur Änderung der Politik oder zur Ahndung von Missständen besitzt, aber durch Berichterstattung und öffentliche Diskussionen das Geschehen beeinflussen kann. »Das hat mir den Job gerettet«, hatte »Petko« einst Tränen in den Augen.

Aus dem relativ unbekannten Bosnier ist ein Mann von Welt geworden. Seine Frau Nada lebt in Berlin, Sohn Nino (37), ein Jurist, arbeitet beim Auswärtigen Amt, sein Zwillingsbruder ist Mediziner mit Station in Basel. Irgendwie klingt Velimir Petkovics Lebensgeschichte doch ein wenig nach amerikanischem Traum, nach der Sage des Tellerwäschers ... Sie wissen schon!

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Immer auch ein Vulkan am Spielfeldrand: Der frühere HSG-Trainer Velimir Petkovic. Foto: Imago © Imago

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