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»Ein anderes Wertefundament muss her«

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Theo Strippel Gießener Powerlifter © Red

Gießen . Die Olympischen Winterspiele in Peking sind in vollem Gange, aber nicht nur die Bilder von coronabedingt leeren Rängen sorgen dafür, dass von einem Fest der Freude und Begegnung nicht viel rüberkommt. Selten waren Großereignisse so rundweg umstritten wie in diesem Jahr: Die Spiele in Peking ebenso wie die Fußball-WM im Dezember in Katar. Sind diese Events noch zeitgemäß?

Sind sie noch zu retten? Wir haben nachgefragt bei Andreas Joneck, seit Jahrzehnten erfolgreicher und weitgereister Manager des Rollstuhlbasketball-Bundesligisten RSV Lahn-Dill, selbst bei den Spielen 2012 in London dabei. Bei »Mr. VfB 1900 Gießen«, Karl-Heinz Wagner, Fußball-Hessenmeister, Fußball-Manager, Fußball-Funktionär, stets ein Mann klarer Worte. Bei Theo Strippel, der als bärenstarker Powerlifter in Atlanta und Sydney bei den Paralympics am Start war. Und bei Prof. Dr. Heinz Zielinski, Vorsitzender des Sportkreises Gießen und Vize-Präsident des Landessportbundes. Das Fazit: So macht es nur noch wenig Spaß, es muss sich etwas ändern.

Andreas Joneck (Manager RSV Lahn-Dill): »Ich denke, man darf nicht alles in einen Topf werfen. Unbestritten ist die desolate Lage, was Menschenrechte und auch Doping in totalitären Staaten angeht. Aber kurz vor der Eröffnung mit der massiven Kritik zu beginnen, ist nicht in Ordnung. Vielmehr sollte man schon ein paar Jahre zuvor bei der Vergabe ansetzen und die zu verhindern versuchen. Denn genau an dem Punkt macht das IOC keine gute Figur. Andererseits wird man aus unserer westlichen Sicht den Gastgebern auch oft nicht gerecht. Ich will die Probleme nicht unter den Tisch kehren, aber den Sportlern dann die Freude zu nehmen, wenn es losgeht, halte ich auch nicht für zielführend. Wir haben sehr oft eine eurozentrische Sichtweise, haben selbst den Sport und dessen Entwicklung seit 100 Jahren geprägt. Deshalb ist es auch unsere Verantwortung, wie das alles abläuft. Dass angesichts des Gigantismus sich Menschen gegen die Ausrichtung der Spiele entscheiden, ist legitim. Das hat aber auch Auswirkungen: Berlin 2000, Hamburg 2004 oder auch nun München haben die Spiele nicht gewollt. Es ist in Ordnung, wenn man sagt, man wolle lieber in Schulen und andere Infrastrukturen investieren. Es gibt zig Argumente zu sagen, der Sport ist uns als Gesellschaft nicht so viel wert, aber dann muss man auch die Konsequenzen tragen. Tatsächlich aber muss sich das IOC Gedanken machen: Wie wertig und nachhaltig und wie menschenrechtskonform wollen sie künftig Olympia haben. Dort bedarf es einer Demokratisierung. Ansonsten wird jede Diskussion um die Spiele auf dem Rücken der Sportler ausgetragen. Das aber kann und darf nicht sein.«

Karl-Heinz Wagner, (Mr. VfB): »Sowohl die Olympischen Spiele als auch die WM in Katar sind für mich reine Kompromissveranstaltungen, die vor allem mit Geld zu tun haben. Ob IOC oder Fifa, ob Bach oder Infantino, es geht nur ums Geld, der Sport spielt keine Rolle. Das nimmt die Freude. Trotzdem ist es für die Athleten ein großes Ereignis, die Sportler und Sportlerinnen sind nicht dafür verantwortlich, wo die Spiele stattfinden. Und als Sportfreund schaue ich mir das auch mal an, aber sobald ich mich mit den Hintergründen beschäftige, verdirbt es mir die Laune. Vielleicht wäre ein wichtiger Schritt, die Athleten bei der Vergabe mitbestimmen zu lassen. Denn sie betrifft es. Und für den Fußball würde ich mir insgesamt wünschen, dem Amateurstatus wieder mehr Ansehen zu verleihen. Kurz und gut: Es muss eine andere Wertekategorie geben als nur den professionellen und bezahlten Bereich. Es muss im Sport insgesamt ein neues Wertefundament geschaffen werden. Es kann zum Beispiel nicht sein, dass Winter-Sportanlagen in ein Gebiet gebaut werden, wo es eigentlich nicht schneit. Wo bleibt da die Nachhaltigkeit? Das passt so nicht mehr in die Zeit.«

Heinz Zielinski (Sportkreis-Vorsitzender): »Ich muss offen gestehen, dass ich wenig von den Wettbewerben sehe. Das liegt einerseits an der zeitlichen Komponente. Aber auch andererseits daran, dass das gesamte Umfeld einem den Spaß verleidet. Corona tut ein Übriges, aber was Menschenrechte oder Zensur und den Umgang mit demokratischen Grundwerten in China angeht, wenn man sich das bewusst macht, kann man solche Spiele nicht guten Gewissens anschauen. Andererseits: Wenn das IOC die Spiele vergibt, dann muss es wissen, was es tut. Ich war 2008 in China, das war eine positive Erfahrung, man hatte damals nicht unbedingt das Gefühl, eingeschränkt zu sein. Aber die Situation im Land, was ja eine Hoffnung war, hat sich nicht gebessert.

Und Winterspiele in eine Region zu vergeben, wo eigentlich kein Schnee liegt, ist natürlich auch nicht vermittelbar. Auch durch Corona ist ein Fest der Begegnung, das sollen die Spiele ja sein, nicht möglich. Warum also hat man die Winterspiele nicht verschoben? Zudem ist dieser Gigantismus nicht mehr zu vermitteln. Alles sollte kleiner, bescheidener, bodenständiger werden und in Regionen stattfinden, wo die Infrastruktur schon ein Stück weit vorhanden ist.«

Theo Strippel (Paralympics-Teilnehmer und Ex-Weltrekordler im Powerlifting): »Ich wäre nicht nach China gefahren. Wenn in einem Land die Menschenrechte so mit Füßen getreten werden, darf man den Herrschenden nicht noch eine Bühne bieten, sich in gutes Licht zu stellen. Der erste Fehler ist natürlich. dass das IOC die Spiele dorthin vergibt. Aber was soll man da erwarten?

Da geht’s doch sowieso nur um Kohle. Ich finde aber auch, dass die Sportler sich nicht immer nur rausreden können. Sie sind zwar die Leidtragenden, aber es stellt sich die Frage, ob man alles mitmachen muss, wenn man für eine Sache einstehen will? Ich finde, man sollte da nicht hinfahren.« Fotos: Wißner (3) / Bär (1)

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Heinz Zielinski Sportkreis-Vorsitzender © Red
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Andreas Joneck RSV Lahn-Dill © Red
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Karl-Heinz Wagner »Mr. VfB« © Red

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