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Ein Duo seit 99 Jahren

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Abschied: Das Schiedsrichtergespann Wolfgang Loh und Frank Petry (rechts). © Wißner

Gießen/Wetzlar (twi). Seit über einem halben Jahrhundert greift Wolfgang Loh zur Pfeife. Genau gesagt seit 52 Jahren. Und nun steht für den wohl dienstältesten Handball-Schiedsrichter der Region fest, im Sommer ist schluss. Eigentlich wollte er bereits im vergangenen Jahr die Pfeife an den berühmten Nagel hängen, doch die Corona-Absage der Saison veranlasste Loh, dann doch noch eine Ehrenrunde zu drehen.

Seit bereits 38 Jahren bildet der 71-Jährige mit dem 67-jährigen Frank Petry ein Gespann, mittlerweile nicht nur das älteste im Handball-Bezirk Gießen, sondern auch in Hessen und vielleicht auch über die Landesgrenzen hinaus. Beide eint nicht nur die Schiedsrichterleidenschaft, sondern auch die gemeinsamen Wurzeln als Feld-Handballspieler des TV Münchholzhausen.

Jahrelang spielten der gelernte Maschinenschlosser Loh und der Industriemeister Petry in der ersten Mannschaft des TV Münchholzhausen. Im Schiedsrichterwesen sind beide Idealisten, solche, die sich der Verantwortung stellen und die Attacken von außerhalb auch problemlos aushalten. Zum Abschied müsste eigentlich »99 Luftballons« von Nena erklingen, bringt es das heimische Duo doch tatsächlich auf gemeinsame 99 Schiedsrichterjahre.

Der Handball beherrschte bereits in Jugendzeiten an fünf von sieben Tagen in der Woche das Geschehen bei beiden. Petry erinnert sich noch gut daran, dass er im Alter von 20 Jahren nicht nur in der ersten Mannschaft spielte, sondern auch noch die E-Jugend trainierte und den Schiedsrichterlehrgang besuchte. Seinerzeit wurde noch Feldhandball gespielt und hier begann auch seine Schiedsrichtertätigkeit auf dem Großfeld. An rund 1500 Wochenenden waren Beide in ihrer nun sich dem Ende zu neigenden und sicherlich einzigartigen Schiedsrichterlaufbahn unterwegs.

Die Reise als Unparteiischer soll für Petry noch etwas weitergehen, fühlt er sich doch noch fit und will in einer Zeit helfen, da der Schiedsrichterschwund kaum noch aufzuhalten ist. Mehr als halbiert hat sich die Schiedsrichterzahl, von 670 im Jahr 2000 im heimischen Bezirk. Gerade in Zeiten der Coronapandemie haben zahlreiche ältere Schiedsrichter aufgehört und die Lage noch verschärft. Ein Karriereende, das für Loh so nicht in Frage kame.

Wer sich dafür entscheidet als Schiedsrichter Spiele zu leiten, der braucht ein hohes Maß an Enthusiasmus, das berühmte »dicke Fell« - und breite Schultern. Denn was die Schiedsrichter in den Hallen erleben, ist nicht immer angenehm. Schon bei Jugendspielen würden sie von Eltern beschimpft und zu Sündenböcken abgestempelt.

Am 8. Januar waren beide in Wettenberg im Einsatz, leiteten das Spitzenspiel in der Bezirksoberliga zwischen den Hausherren und Dilltal. Wie viele Spiele sie gemeinsam insgesamt gepfiffen haben in diesen fast vier Jahrzehnten, darüber wurde kein Buch geführt. Fakt ist aber, dass es kein Gespann in Hessen länger miteinander ausgehalten hat als Loh und Petry.

Als Loh 1970 mit dem Pfeifen anfing, hätte er sich nie träumen lassen, diese Tätigkeit mehr als vier Jahrzehnte auszuführen. »Ich mache das noch so lange weiter, wie es mir Spaß macht«, so Petry.

Insgesamt drei Jahrzehnte lang pfiff Loh für den TV Münchholzhausen, Petry 25 Jahre lang. Dann trennten sich zwar die Vereinszugehörigkeiten, doch als Gespann blieben beide zusammen. So bringt es Lohr heute auf 22 Jahre Schiedsrichter für den TV Hüttenberg und Petry auf 22 Jahre in Lützellinden, wobei er zunächst sechs Jahre bis zur Auflösung für den TV und seit nunmehr 16 Jahren dann für den TSV 2006 Lützellinden zur Pfeife greift.

Noch gut in Erinnerung sind beiden die vier Jahre Regionalliga (1994 bis 1998/heutige 3. Liga). Danach waren sie noch auf Hessenebene aktiv, bis sie vor zehn Jahren beschlossen, nur noch Spiele im Bezirk Gießen zu leiten. Ein Grund für diesen Rückzug waren die langen Fahrten. »Das wollte ich nicht mehr«, berichtet Wolfgang Loh und verweist dabei auf Touren bis an die nördlichste Spitze von Hessen. Zehn Stunden war man manchmal unterwegs, das nervte dann doch. Dazu kamen gesundheitliche Probleme die auch bei Loh und Petry nicht ausblieben.

Doch das erfahrene Duo blieb am Ball. Zum Glück für den Handballbezirk. »Den jungen Leuten fehlt der Idealismus«, glaubt Petry und begrüßt derzeit die Übertragungen der Europameisterschaft, die wieder einmal das Augenmerk auf den Handball lenkt und vielleicht auch Jüngere dazu animiert, sich als Schiedsrichter zu engagieren, »denn sonst wird es immer schwieriger. Leute in den Vereinen als Zeitnehmer zu gewinnen, schaffst du gerade noch. Für Vorstandsämter wird es schon schwerer. Schiedsrichter zu finden, ist fast nicht möglich«, so Petry, der seit der Neugründung des TSV 2006 Lützellinden als stellvertretender Vorsitzender fungiert.

»Bis auf wenige Sachen hatten wir nur schöne Zeiten« blickt Loh auf die gemeinsame Zeit zurück. Einig sind sich beide, dass die Leitung der Spiele der »Alten Herren« von Lützellinden gegen Dutenhofen »schon sehr schwierig war«. Aber bei allen Vereinen konnte noch nach dem Spiel an der Theke ein Getränk genossen werden.

Aber längst schon ist die Schiedsrichtertätigkeit in den Hallen kein Zuckerschlecken mehr. Doch dagegen »sind wir schon längst abgestumpft«, verrät Loh, der auch nach einem schweren Herzinfarkt 2014 sich wieder in die Hallen zurückkämpfte. Das Training wie auch eine intensive Saisonvorbereitung wollte er nicht missen. Und doch ist es nun im Sommer vorbei, wird die Saison 2022/23 ohne ihn gespielt. In einem halben Jahrhundert Schiedsrichtertätigkeit hat sich einiges verändert, ist der Ton rauer geworden. Nicht unbedingt auf dem Platz, sondern vor allem daneben. Vor allem bei Jugendspielen werden die jungen, unerfahrenen Unparteiischen massiv von den Zuschauern, darunter oftmals ehrgeizige Eltern, attackiert.

Den Schiedsrichtern werde bei den Vereinen nicht jene Wertschätzung entgegengebracht, die sie eigentlich verdient hätten. »Bei den Vereinen bist du manchmal das fünfte Rad am Wagen. Wir haben jahrelang unsere Ausrüstung und fast alles andere selbst bezahlt«, blickt Petry auf jenes Jahr zurück, da sich das Gespann vor 22 Jahren von seinem Stammverein, der HSG Dutenhofen/Münchholzhausen aufgrund fehlender Anerkennung abwandte.

Was beide freut ist die Tatsache, dass sie im Februar mal wieder für ein Damenspiel angesetzt wurden. Jahrelang war dies nicht der Fall. Für Loh zudem noch ein »Schmankerl« zum Abschied. Für den Handball-Schiedsrichterruhestand ist erst einmal nichts Besonderes geplant. »Ich will endlich einmal Abstand nehmen vom Handball und die Freiheit und Freizeit genießen, nicht beim Handball zu sein. Bisher habe ich ja immer die Uhr nach dem Handball gerichtet. Doch irgendwann muss einmal Schluss sein«, so Loh.

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Bei einem Spiel Ende der 80er-Jahre. © Wißner

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