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Ein (fast) ewiger Bund

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Nach vielen Jahren soll es auf dem Sportgelände des ACE Gießen endlich wieder aufwärts gehen. Foto: PeB © PeB

Gießen. Wenn Alex Steinmetz die Vorrunde seines ACE Gießen mit Platz vier (sechs Siege, vier Niederlagen, ein Unentschieden) als »die beste seit 15 bis 20 Jahren« betitelt, ist eigentlich schon sehr viel über die Leidensfähigkeit am Eulenkopf gesagt. Daran hat der 30-jährige Spielertrainer einen nicht zu unterschätzenden Anteil, hat er doch der Mannschaft vom Heyerweg seit seiner Amtsübernahme im vergangenen Sommer ordentlich Beine gemacht.

Mit dem Tabellenende - wenngleich es freilich keinen Abstieg bedeuten würde - wolle man nichts zu tun haben, stattdessen war vor einem halben Jahr eine ordentliche Mittelfeldplatzierung noch das ausgegebene Ziel. Den sportlichen Luxus, dieses nun nach oben zu korrigieren, will sich Steinmetz nicht erlauben. Der Defensivabräumer weiß nämlich ganz genau: So ruhig war es beim ACE nicht immer.

Blick geht lange Zeit nach unten

Denn die Zeiten, in denen man noch dem Aufstieg in die A-Klasse entgegenfieberte, liegen seit vielen, vielen Jahren in der Vergangenheit. 2005 schrammte man mit Rang drei knapp am Aufstieg vorbei. Damals noch als Spielgemeinschaft mit Schwarz-Weiß. Und damals noch in Konkurrenz mit dem TV Hausen, der SpVgg. Frankenbach, der SG Vetzberg, dem VfL Muschenheim, Espanol Gießen oder dem SV Dorf-Güll. Erinnern Sie sich noch an diese Clubs? In den folgenden drei Spielzeiten gelangen immerhin nochmal Platzierungen auf Platz vier, seitdem orientiert sich der ACE in der Regel eher nach unten anstatt nach oben. In Zeiten, in denen es noch eine C-Liga gab - und diese liegen bei aller Liebe noch gar nicht so lang zurück - schrammten sie vom Eulenkopf gar ein ums andere Mal knapp an einem Abstieg vorbei. Beispielsweise in der Saison 2018/19, als man mit Platz 15 in der Abrechnung eigentlich den Gang eine Klasse tiefer hätte antreten müssen, durch den folgenden Rückzug des TSV Rödgen II aber doch noch bleiben durfte. Also ob nun unterwegs im Tabellenkeller oder in der Spitzengruppe: Die einzige Konstante beim ACE war und ist seit jeher die B-Liga. Sie sind mit der Klasse verheiratet, möchte man beinahe sagen.

Ob dieses Band in naher Zukunft doch noch einmal getrennt wird, steht freilich in den Sternen - auch nicht nach der guten Hinrunde der laufenden Saison. »Der Blick nach oben ist noch gar kein Thema«, verdeutlicht Steinmetz rigoros, denn: »Wir müssen erst einmal tiefer stapeln, auch um den Jungs den Druck zu nehmen.« Stattdessen, so der Spielertrainer weiter, gehe es erst einmal darum zu schauen, wohin die Reise noch gehen wird. So ist die »bunte, coole Truppe«, wie Steinmetz sein Team aufgrund der vielen verschiedenen Nationalitäten nennt, in großen Teilen neu zusammengestellt. Bunt und cool deshalb, weil nach einem Sieg die spanisch-sprechende Fraktion gerne mal eine Salsa-Einlage startet.

Diese gute Laune und diese Aufbruchstimmung, die nun am Eulenkopf herrschen, kommen nicht von ungefähr. »Vor einem Jahr ging es dem Verein noch sehr schlecht«, weiß Steinmetz, nun habe sich der »kleine, schnuckelige Verein« mit seinen drei Vorständen aber wieder stabilisiert, auch mehr Zuschauer sind bei den Heimspielen zugegen. Natürlich längst nicht so viele wie noch vor 20 oder 30 Jahren, aber gegen Sachsenhausen waren es immerhin stolze 200 Kiebitze. »Da stand oben alles voll«, beschreibt Steinmetz die Schar, die sich vor dem Vereinsheim versammelt hatte. Apropos: Jene vier Wände sind nicht nur dem aktuellen Spielertrainer nach wie vor ein Dorn im Auge. »Da muss was getan werden«, weiß der 30-Jährige von dem Dilemma, das der ACE seit Jahren bürdet. Verein und Stadt schieben sich da regelmäßig die Zuständigkeiten hin und her, während sich Schimmel im maroden Heim ungeniert breitmacht. »Da haben wir auch einen sozialen Auftrag«, so Alex Steinmetz, »eigentlich können wir sogar froh sein, dass so viele Leute, die sich da drinnen umziehen und duschen müssen, zum Fußballspielen herkommen.«

Trotz Zufriedenheit: Abschied steht an

Dennoch ragt das Positive in den vergangenen Monaten klar heraus. Umso bitterer für den Club, dass die Zeichen bei Alexander Steinmetz schon jetzt auf Abschied stehen. Der Spielertrainer wird in seine sportliche Heimat zum RSV Büblingshausen zurückkehren, wo er ab Sommer die Zweitvertretung (aktuell Kreislia A Wetzlar) übernehmen wird.

Als Gründe für die Entscheidung, die nach eigener Aussage sehr schwer gefallen sei, nennt der Coach einerseits die sportliche Herausforderung, andererseits die Nähe zur Familie. »Die Mannschaft war sehr traurig«, betont Alex Steinmetz, »aber sie haben selbst gesagt, dass ich vielleicht auch nur das Streichholz war, das das Team angezündet hat«, lacht er.

Der eingeschlagene Weg soll aber unbedingt fortgeführt werden. In welcher Liga das sein wird, ist aber selbstverständlich ungewiss. Andererseits: Was wäre die Gießener B-Klasse ohne den ACE Gießen?

Ob Durchgangsstation, Betriebsunfall oder mit der Klasse längst verheiratet: Obwohl die B-Liga den tiefsten Punkt des Fußballkreises Gießen darstellt, ist sie längst kein sportlicher Tiefpunkt. Ob Blau-Weiß, Schwarz-Weiß, die Freie TSG, der ACE oder sogar Sachsenhausen und der TSV Rödgen: Bei all den Traditionsvereinen, die in der Saison 2022/23 klamm und heimlich gen A-Liga schielen, schnalzt so mancher Alteingesessesener mit der Zunge. Auch Vereine wie der FC Besa, Hellas oder (Rückkehrer und Neu-Starter) Grüningen sind längst keine Unbekannten mehr. Grund genug, den Clubs, die mit ihrer ersten Senioren-Mannschaft an den Start gehen, in dieser Serie eine größere Bühne zu geben.

(dhn)

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