Ein interessantes Fußballjahr?

Gießen . Traditionell bringt es der Jahreswechsel mit sich, sowohl zurück als auch voraus zu schauen, Vergangenes zu bilanzieren und mehr oder minder sinnvolle Überlegungen anzustellen, was wohl die Zukunft bringen wird. Im Fußball konzentrieren sich solche Betrachtungen in der Regel auf die gerade zu Ende gegangene Vorrunde und die Chancen, die sich im Rest der Saison vielleicht noch bieten werden.

Fußball, so hört man, sei vor allem ein Tagesgeschäft.

1912

Lässt man solch kurzfristige Erwägungen aber einmal beiseite und weitet den Blick in die Fußballgeschichte, so kann man mitunter interessante Entdeckungen machen. Im heimischen Fußball lässt sich zum Beispiel feststellen, dass sich gerade in den Jahren, die auf eine Zwei endeten, also 1912, 1922 usw., mitunter außerordentliche Dinge ereignet haben. Vielleicht könnte deshalb auch 2022 eines der Fußballjahre werden, an das man sich - auch welchen Gründen auch immer - noch lange erinnern wird.

Beginnen wir im Jahre 1912. An der Spitze des Reiches stand noch ein Kaiser und mit dem Gießener Fußball-Club von 1900, dem BC 1904 und dem VfB 08 gab es bereits drei lokale Fußballvereine, die durchaus mit Erfolg in den Ligen des Westdeutschen Spiel-Verbandes unterwegs waren, dessen Einzugsgebiet von der niederländischen Grenze über Mittelhessen bis in den Raum Fulda reichte. Schon 1909 hatte der Fußball-Club in der Endrunde der Westdeutschen Meisterschaft gestanden, im Frühjahr 1912 schafften es die Ortsrivalen des VfB 08 jedoch sogar bis ins Halbfinale und so kam es am 31. März am Niederrhein in München-Gladbach (man beachte die damalige Schreibweise) zum Aufeinandertreffen mit der gastgebenden Borussia. Zwar hieß es am Ende 5:0 für den heutigen Bundesligisten, aber für den heimischen Fußball bedeutete das Erreichen der Vorschlussrunde in der Regionalmeisterschaft trotzdem den bis dahin größten sportlichen Erfolg.

1922

Zehn Jahre später, 1922, hatte Deutschland nicht nur einen Krieg verloren, sondern war auch zur Republik geworden. Während des Krieges war der Fußball fast zum Erliegen gekommen, einen Deutschen Meister der Jahre 1915 bis 1919 sucht man deshalb auch vergebens, aber zu Beginn der 1920er Jahre erlebte das Spiel einen rasanten Aufschwung. Das galt auch für Gießen und sein Umland, wo jetzt zahlreiche neue Vereine entstanden und mit dem Sportclub 1900, so hieß der Fußball-Club nun, und dem VfB 08 zeitweilig sogar zwei Mannschaften in der höchsten Spielklasse, der Gauliga Hessen-Hannover, aktiv waren. 1922 hatte der Sportclub hier die Nase vorn, wohl auch, weil er mit dem baumlangen Ernst Paulus einen Mann in seinen Reihen hatte, der sechs Jahre später die deutsche Mannschaft bei den Olympischen Spielen in Amsterdam als Fahnenträger in Stadion führen würde, da er ist nicht nur ein guter Fußballer sondern auch ein ausgezeichneter Leichtathlet war.

1932

Ganz anders ist die Situation im Jahre 1932, denn weder in der Politik noch im heimischen Fußball konnte man noch von einem Aufschwung sprechen. Im Gegenteil, die Weimarer Republik taumelte ihrem Ende entgegen und im Gießener Fußball ging die Zeit der Erstklassigkeit - unwiderruflich, wie sich zeigen sollte - zu Ende. Letztmalig war es der VfB 08, der die heimischen Farben in der Spielzeit 1931/32 in der Gauliga vertrat, aber er konnte die Klasse schließlich nicht mehr halten. Zwar gab es in der Folge noch zahlreiche Versuche heimischer Teams ins Fußball-Oberhaus zurückzukehren, aber es glückte nie, da sich die Konkurrenz in schöner Regelmäßigkeit als stärker erwies.

1942

Zu den unterlegenen Mannschaften zählte 1942 auch ein Club, der heute weitgehend vergessen ist und über den auch nur noch wenig in Erfahrung zu bringen ist Die Rede ist vom Luftwaffensportverein Gießen, in dem die in Gießen am Flughafen stationierten Soldaten aktiv waren, der seit 1940 am Spielbetrieb teilnahm und seine Heimspiele auf dem Gießener Waldsportplatz austrug. Schnell erwies er sich als durchaus ernst zu nehmende Konkurrenz für die etablierten Vereine und wurde dafür 1942 auch mit dem Titel des Meisters in der Bezirksklasse belohnt.

Im Unterschied zu den Jahren zwischen 1914 und 1918 wurde im 2. Weltkrieg in Deutschland eigentlich immer und fast bis zum bitteren Ende Fußball gespielt. Der Gießener Luftwaffensportverein war deshalb auch keine lokale Besonderheit, denn Soldatenmannschaften gehörten in der militarisierten und sich im Krieg befindlichen Gesellschaft vielerorts zum Alltag. Ihr bekanntester Vertreter wurde der Luftwaffensportverein aus Hamburg, der 1944 sogar im Endspiel um die deutsche Fußballmeisterschaft stand.

1952

Als der Krieg ein Jahr später endlich zu Ende war, wurde in Gießen schon bald wieder fleißig Fußball gespielt und schnell zeigte sich, dass das Spiel nichts von seiner Attraktivität verloren hatte. Im Gegenteil, wahrscheinlich war der Fußball auf lokaler Ebene nie populärer als in diesen Nachkriegsjahren. Das Fußballjahr 1952 bot dem heimischen Publikum deshalb auch gleich eine Reihe besonderer Ereignisse. So sicherte sich etwa der VfB 08 Gießen nach seinem Aufstieg im Vorjahr den Klassenerhalt in der 1. Amateurliga, damals immerhin die dritthöchste Spielkasse im bundesdeutschen Ligafußball. Über 4000 Zuschauer sahen auf dem Waldsportplatz das vorentscheidende 4:1 über Borussia Fulda, mit dem das rettende Ufer so gut wie erreicht war. Denkwürdig jedoch auch die Teutonia aus Watzenborn-Steinberg, die gerade Bezirksmeister geworden war, den Aufstieg ins hessische Oberhaus aber verpasst hatte.

Zu ihrem 25-jährigen Gründungsjubiläum trat sie 1952 gegen den 1.FC Kaiserslautern an, der im Jahr zuvor Deutscher Meister geworden war. Rund 6000 Zuschauer sahen einen klaren 15:2 Erfolg der Pfälzer und konnten zwei Jahre später davon berichten, dass sie an diesem Tag mit Fritz und Ottmar Walter, Werner Liebrich, Werner Kohlmeyer und Horst Eckel gleich fünf kommende Weltmeister gesehen hatten.

Teil 2 der Mini-Serie startet am Samstag mit dem Jahr 1962. Der Saison, in der der VfB 1900 Gießen Hessenmeister wurde.

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