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Ein Nationaltrainer soll es sein

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Wetzlar. Der Donnerstagabend hätte für die Protagonisten der folgenden Zeilen unterschiedlicher nicht verlaufen können. Während die Bundesliga-Handballer der HSG Wetzlar erfolglos versuchten, im 25. Anlauf beim TBV Lemgo zwei Punkte mitzunehmen, verkündete Trainer Hrvoje Horvat auf der Homepage des kroatischen Handball-Verbandes sein vorläufiges Aufgebot für die Weltmeisterschaft im Januar in Polen und Schweden.

Doch was hat dieser Hrvoje Horvat eigentlich mit der HSG Wetzlar zu tun? Nun, vermutlich bald eine ganze Menge. Denn nach Informationen dieser Redaktion steht der 44-Jährige vor einem Engagement in der Domstadt und soll Nachfolger des am 20. November entlassenen Ben Matschke werden. Seit Januar 2021 ist der ehemalige Rückraumspieler, der einst für die SG Kronau/Östringen auflief, für die kroatische Nationalmannschaft verantwortlich. Davor hatte er bei RK Nexe Nasice, ebenfalls in seinem Heimatland, das Sagen auf der Bank. Dem Vernehmen nach sind sich Trainer und Verein prinzipiell über eine Zusammenarbeit einig.

»Wir kommentieren wie immer keine Namen«, wollte HSG-Geschäftsführer Björn Seipp die Meldung auf Nachfrage nicht bestätigen. Mit dem bisherigen Interimstrainer Jasmin Camdzic und seinem Assistenten Filip Mirkulovski hatten die Grün-Weißen im Lipperland mit 29:34 (14:16) verloren. Es war die elfte Niederlage in dieser Saison, in der Tabelle belegen die Domstädter den 15. Rang und stecken mitten im Abstiegskampf.

Sollte Hrvoje Horvat, der auch durch die vielen Trainerstationen seines Vaters Hrvoje Senior (unter anderem VfL Gummersbach, TV Eitra, TV Willstädt, HSC Coburg) der deutschen Sprache mächtig ist, tatsächlich in Wetzlar anheuern, könnte den Grün-Weißen ein echter Coup gelungen sein. Der 44-Jährige gilt in der Branche als akribischer Arbeiter, der vor allem im Angriff nichts dem Zufall überlässt und jede Auftakthandlung bis ins kleinste Detail plant. In Lemgo war es aber nicht unbedingt die Offensive, die kränkelte, wie unsere Analyse zeigt.

Neun Paraden verzeichneten Till Klimpke (7) und Aladin Suljakovic (2) gerade mal im Lipperland. Zu wenig, um in der Fremde zu bestehen. Das erklärt auch die 34 Gegentore, denn in der Abwehr machten es die Grün-Weißen in der 6:0-Formation recht ordentlich. Für Erik Schmidt, der mit einer Verletzung an der Wade ausfiel, sprang im Mittelblock Sommerneuzugang Hendrik Wagner in die Bresche - und bekam ein Lob von seinem Nebenmann Adam Nyfjäll: »Er ist ein cleverer Abwehrspieler, spielt mit viel Emotionen und Herz. Er hat sich in der Defensive entwickelt. Ich sehe da ganz viel Potenzial. Es hat Spaß gemacht, mit ,Bobby‹ zu spielen.« Als der zweifache deutsche Meister später auf 23:28 enteilt war, reagierte Jasmin Camdzic und stellte auf die einst von Ben Matschke favorisierte 5:1 um. Ein guter Schachzug, doch näher als auf zwei Treffer kam die HSG nicht mehr heran. Auch, weil sie beim Stand von 27:29 und in eigener Überzahl vor dem Tor Nerven zeigte. »Da waren wir nicht clever genug«, sagt Adam Nyfiäll.

Keine Frage, der zweite Anzug der HSG passt nicht. Denn die Wahrheit ist auch: Nach dem 7:5 nach elf Minuten durch Rechtsaußen Domen Novak wechselte Camdzic kurze Zeit später im Rückraum munter durch. Der starke Lenny Rubin, der auch immer wieder Nyfjäll am Kreis fand, brauchte ebenso eine Pause wie Jovica Nikolic und kurz danach auch Spielmacher Jonas Schelker. Doch die eingewechselten Radojica Cepic und Vladan Lipovina konnten nicht an die Leistung ihrer Vorgänger anknüpfen, wobei gerade Letztgenannter einmal mehr zwischen Genie und Wahnsinn pendelte. Hendrik Wagner scheint aktuell überhaupt keine Option für den Angriff zu sein. Jasmin Camzdic brauchte ihn aber auch in der Deckung. Eben alles eine Frage der Kraft. Bezeichnenderweise war es ausgerechnet Lenny Rubin, der beim bereits erwähnten 27:29 über das Tor warf.

Es ist wie verhext. Mal zeigt die HSG starken Tempohandball, mal spielt sie ihre Angriffe gut und diszipliniert aus, und mal erkennt sie sofort die Löcher in der Deckung des Gegners. Doch dann geht auch plötzlich überhaupt nichts mehr, und es sieht alles nach Zufall aus. Wohlgemerkt: Alles in einem Spiel. »Diese Phasen«, berichtet Nyfjäll, »haben wir ganz oft. Dann funktioniert nur noch ganz wenig. Vorne, aber auch hinten«, erklärt Nyfjäll, mit neun Treffern bester Werfer der Wetzlarer.

HSG-Interimstrainer Jasmin Camdzic berichtete: »In den ersten 20 Minuten war ich mit unserer Abwehr zufrieden. Später fehlten uns die Stoppfouls, so konnte Lemgo das Spiel drehen. Wir haben im Angriff nicht so klar gespielt, haben Gegenstöße verworfen und das leere Tor nicht getroffen.«

Viele Baustellen also bei der HSG. Baustellen, die wohl in naher Zukunft Hrvoje Horvat zu lösen hat.

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