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Ein völlig verrücktes Turnier

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Chaos-Tage in Madrid: Die Ex-Lahn-Dillerin Annabel Breuer ((links) und Mareike Miller. © dpa

Madrid/Wetzlar. Nicolai Zeltinger saß am Montagmorgen im Schnellzug von Madrid nach Malaga. »Abstand gewinnen, alles ein bisschen sacken lassen, mal nicht an den Sport denken.« Und mit Ehefrau Janet und Töchterchen Kaylie einige entspannte Tage im 20 Grad milden Andalusien verbringen.

Hinter sich lassen möchte der im Gießener Stadtteil Allendorf lebende Bundestrainer der deutschen Rollstuhlbasketballer und Management-Mitglied des siebenfachen Champions-League-Gewinners RSV Lahn-Dill »das verrückteste Turnier meines Lebens.« Das mit fünf Siegen aus den ersten fünf Partien sowie mit dem Einzug ins Halbfinale und der damit verbundenen Qualifikation für die WM in einem Jahr in Dubai begann, das aber mit personellen Sorgen in der Vorschlussrunde, einem nach einer internen Abstimmung abgesagten Match um Bronze, gesundheitlichen Problemen, Entscheidungen am grünen Tisch und der Erkenntnis, dass die Europameisterschaft in der spanischen Hauptstadt so nie hätte über die Bühne gehen dürfen, endete.

»Ich möchte wirklich nicht mit dem Finger auf andere zeigen, muss aber feststellen, dass Corona die Menschen verändert. Einige sind echt Amok gelaufen. Die Umstände für guten Sport waren echt mies, so dass ich unter dem Strich froh sein kann, dass wir diese Chaos-Tage gesund überstanden haben«, fasste Zeltinger gestern jene kontinentalen Titelkämpfe zusammen. Die sollten eigentlich dazu dienen, seine inzwischen bereits elfjährige Amtszeit als Bundestrainer zu krönen. Natürlich mit dem EM-Titel - »auf einem richtig guten Weg waren wir ja.« So aber wurde es am Ende ein denkwürdiges Wochenende mit zwei EM-Titeln ohne Endspiele.

Schon vor dem Turnier hatte der Deutsche Behindertensportverband das Hygienekonzept der Veranstalter kritisiert und Verbesserungen gefordert, doch diese wurden nur mangelhaft umgesetzt. Das führte sogar dazu, dass das deutsche Team selbst tägliche Testungen durchführte, um sich selbst und andere zu schützen. Das Buffet aller Teams im gleichen Speisesaal, der Transport in den selben Bussen, die danach nicht desinfiziert wurden und eine Hotel-Bubble, in die sich auch andere Gäste mischten, waren nur einige der Kritikpunkte am Konzept des Veranstalters. Das ließ es auch zu, dass Spielerinnen und Spieler mit negativem Schnelltest aufs Feld durften, wenngleich es positive Fälle in ihrem Team gegeben hatte. »Wir haben uns alle nicht wirklich wohl gefühlt. Deshalb war ich sehr stolz, dass wir den Fokus auf unserem Sport hatten«, so der 50-jährige Zeltinger.

Dass nach den fünf Vorrundensiegen gegen Litauen (87:19), Frankreich (69:55), Polen (72:70), die Schweiz (86:43) und Spanien (73:54) und dem Viertelfinalerfolg über Österreich (98:52) in der Vorschlussrunde der laut Zeltinger »stärkste Mann des Turniers« nicht auflaufen konnte, brach dem deutschen Team das Genick. Beim 58:65 gegen die Niederlande fehlte Thomas Böhme vom RSV Lahn-Dill an allen Ecken und Enden. Der 30-jährige lag mit einem Infekt flach und bekannte: »Dass wir am Ende quasi kampflos auf Rang vier gelandet sind, war schon bitter. Aber allemal besser, als in diesem Chaos Gold kampflos zu gewinnen.«

Auch Catharina Weiß hat dem »Ort des Grauens« inzwischen den Rücken gekehrt und ist sicher zu Hause angekommen. Hinter sich ließ die Wetzlarer Nationalspielerin ein Halbfinale, in dem die deutschen und die spanischen Damen FFP2-Masken trugen. »Das war leider nicht das Ende, das wir uns gewünscht haben. Trotz des schweren Tages hat das Team sich entschieden, spielen zu wollen, aber sportlich gesehen war Spanien klar besser«, sagte Bundestrainer Dirk Passiwan, der kurzfristig auf seine Leistungsträgerinnen Annabel Breuer, Maja Lindholm und Svenja Mayer, die abgereist waren, um sich selbst zu schützen, verzichten musste. »Wir sollten nicht vergessen, dass viele von uns zur Risikogruppe gehören. Ich jedenfalls habe mich nicht adäquat geschützt gefühlt«, so Annabel Breuer, bis zum Sommer langjährige Spielerin des RSV Lahn-Dill.

In die gleiche Kerbe schlug auch Catharina Weiß nach der 40:58-Niederlage im Halbfinale gegen die spanischen Gastgeberinnen, die zu diesem Zeitpunkt bereits eine Spielerin Corona-erkrankt in ein Hospital eingeliefert hatten: »Von Anfang an gab es bei diesem Turnier positive Coronafälle. ich habe mich echt unsicher gefühlt«, sagt die 20-Jährige, die dennoch in Madrid geblieben ist. »Weil ich mich auch irgendwie für die Mannschaft verantwortlich gefühlt habe.«

Dass sich die beiden deutschen Teams am Sonntagabend auf der Dachterrasse ihres Hotels Ilunion Atrium bei Pizza und dem einen oder anderen Kaltgetränk abschotteten und es sich gemütlich machten, war nur ein schwacher Trost. »Den Sonnenuntergang zu erleben, war ein Traum«, berichtete Nicolai Zeltinger. Das Turnier einigermaßen durchzustehen indes, war ein Albtraum ...

»Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt.« Der Vers des Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe traf bei der Rollstuhlbasketball-EM in Madrid auf drei Spieler des RSV Lahn-Dill zu. Während der Niederländer Quinten Zantinge kampflos Europameister wurde, da Großbritannien bereits abgereist war, verpasste Dominik Mosler mit Polen nur knapp die Qualifikation für die WM in Dubai. Im Spiel um Platz fünf, der nötig gewesen wäre, um an den Persischen Golf reisen zu können, unterlag der Center gegen Frankreich unglücklich mit 78:79. Schlimm erwischte es unterdessen den Briten Simon Brown, der positiv auf das Coronavirus getestet wurde und sich am Freitag im Hotel in eine zehntägige Quarantäne begeben musste. Und dies, obwohl der 35-Jährige aus London seit dem 19. Oktober geboostert, also dreimal geimpft, ist. (afi)

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