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Eine Arena als Tollhaus

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WETZLAR. Maxi Holst reißt Mannschaftsbetreuer Stefan Rühl um, Lenny Rubin tanzt wie ein Stehaufmännchen und gibt mit beiden Fäusten den Takt vor. Und Hallensprecher Frank Pieroth jubelt übers Mikrofon: »Das ist Leidenschaft. Das ist die HSG Wetzlar.« Das ist die HSG Wetzlar, die gerade einen imposanten 31:28-Erfolg im Hessenderby der Handball-Bundesliga gegen den ungeliebten Rivalen von MT Melsungen feiert.

HSG Wetzlar - MT Melsungen 31:28

Und wie die Grün-Weißen feiern! Mit Humba, Humba, Täterätä erreicht die Stimmung schließlich ihren Höhepunkt. Die Corona bedingt nur 844 Zuschauer veranstalten ein Getöse schöner als es manchmal 80000 in einem Revierderby in Dortmund vermögen. »Die Stimmung«, staunt später der überragende HSG-Rückraumschütze Stefan Cavor immer noch, »war einfach fantastisch.« Die Rittal-Arena als Feierbiester-Arena. Die Rittal-Arena als Handball-Tollhaus. Und nur die Melsunger Stars, die gar nicht schnell genug den Ort ihrer bitteren Niederlage verlassen können, können nichts, aber auch gar nichts mit dieser mittelhessischen Ausgelassenheit anfangen. Natürlich nicht.

Denn einmal mehr hat diese Mannschaft eine Frage aufgeworfen: Wieviel Weltklasse braucht man, um Kreisklasse zu spielen? Das ist die Frage, die die reichen Nordhessen seit Jahren beschäftigt. Und das ist auch die Frage, die in der ersten Halbzeit des Derbys aufs Neue gestellt wird. Mit einer Besetzung, die alle Handball-Fans mit der Zunge so laut schnalzen lässt wie einen Fußball-Enthusiasten beim Betrachten des Pariser Kaders, weiß der Favorit einmal mehr nicht zu überzeugen.

Klar, das ist nicht Kreisklasse, was MT spielt. Das ist aber von Spitzenklasse so weit entfernt wie das derzeitige Mittelhessen-Wetter von der Karibik. Alleine der überragende Torwart Nebojsa Simic verhindert ein komplettes Desaster. »Wir«, schimpft der neue Startrainer Roberto Garcia Parrondo nach dem Derby eher leise, »haben genau die Fehler gemacht, die wir vorher angesprochen haben, damit sie nicht passieren.« Alleine durch die Einzelaktionen ihrer Spitzenkräfte auf Rückraum-Mitte, Elvar Örn Jonsson und Domagoj Pavlovic, hält Melsungen in Abschnitt eins in der Offensive mit.

Sein Nebenmann Julius Kühn, dieser einst so wurfgewaltige Bär, strahlt noch so viel Gefahr wie ein Panda im Zoo aus. Als der zumindest zeitweise halbwegs überzeugende Kai Häfner nach 6:20 Minuten das 6:4 für den großen Favoriten erzielt, scheint das Geschehen jedoch den erwarteten Verlauf zu nehmen. Die HSG ist durch den Ausfall von Spielmacher Magnus Fredriksen sichtlich gehandicapt. Alexander Feld gibt weitgehend den Alleinunterhalter auf dem Regiestuhl.

Aber seine Nebenmänner machen es ihm leicht. Lenny Rubin und Stefan Cavor geben nicht nur die Werfer, sondern suchen ebenfalls emsig nach Lücken in der MT-Abwehr. Und lückenhaft ist diese immer wieder. So lückenhaft wie so manches Impfzertifikat in der Fußball-Bundesliga.

Nach einer Viertelstunde Spielzeit wirft Schlitzohr Olle Forsell-Schefvert quer übers Feld ins leere MT-Tor zum 9:8. Als Cavor auf 12:10 (21:30) stellt, liegt die HSG auf Kurs. Beim 16:15 zur Pause ist alles hoffnungsfroh in der Arena. Vier Minuten später ist alles bedrückt. MT startet blitzschnell in Abschnitt zwei und dreht die Sache zur eigenen 18:17-Führung. Schlimmer noch: HSG-Kreisläufer Adam Nyfjäll sieht nach einem Foul eine umstrittene Rote Karte. Wetzlars Trainer Ben Matschke nimmt schnell die Auszeit. Und findet prompt Lösungen. Lösungen vor allem gegen den siebten Feldspieler, mit dem der Hessenrivale agiert.

Maxi Holst markiert im Stile eines Kreisläufers wieder die Führung beim 21:20 (40:00). Die Begegnung wogt nun hin und her. Der Favorit hat dank des klugen Schachzugs mit dem siebten Mann nun besser ins Spiel gefunden. Doch die Grün-Weißen halten mit Kampf, mit Elan und mit Cleverness dagegen. Nach einer Parade des eingewechselten Anadin Suljakovic leitet Forsell Schefvert mit dem Wurf ins leere Tor zum 28:27 (56:30) die packende Schlussphase ein. Packend vor allem für die Zuschauer, die irgendwo auf der weiten Skala zwischen Ekstase, Euphorie und grenzenlosem Jubel wild umher pendeln.

Denn Wetzlar trumpft auf, Wetzlar erhöht durch Rubins Kracher auf 29:27, Wetzlar lässt durch Emil Mellegards 30:27 (59:00) selbst Berufsskeptiker verstummen und Wetzlar stellt durch Forsell Schefvert schließlich den 31:28-Endstand her.

Danach tanzt die Arena. Danach brüllt, jubelt und singen die 844 Zuschauer, als ob es kein Morgen gibt, als ob Corona nur ein böser Traum ist. »Man soll«, sagt dann auch der sichtlich um Understatement und Zurückhaltung bemühter Ben Matschke später, »mit Superlativen zurückhaltend sein, aber das was die Mannschaft heute gespielt hat, war einfach fantastisch.«

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