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»Eine große Show«

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Enttäuscht und erschöpft: Lenny Rubin steht der Frust der HSG Wetzlar nach der Derbyniederlage bei MT Melsungen ins Gesicht geschrieben. Foto: Imago © Imago

Melsungen-Wetzlar. Kann Arbeit begeistern? Kann Kampf verzücken? Kann Halten, Klamern und Stören kollektive Begeisterung auslösen? Ja, sagte Roberto Garcia Parrondo. Eine »good Show«, attestierte der Trainer der MT Melsungen auf englisch nach dem 21:19-Derbysieg gegen die HSG Wetzlar beiden Mannschaften. Eine gute Show, zu der der neben ihm sitzende Ben Matschke nur mit Mühe gute Miene zum für ihn fehlenden guten Ende machen konnte.

Der Trainer des heimischen Handball-Bundesligisten starrte mit finsterem Blick auf sein Mikro, während sein Berufskollege sein Fazit des hessischen Duells zog. »Gegen die 5:1 ist es schwer, ein flüssiges Angriffsspiel aufzuziehen«, erklärte Parrondo, warum sich sein Starensemble in der Offfensive zwar bemühte, aber kaum glänzte.

Ein Lob für den Gegner also. Allerdings eines, das Matschke nur zurückgeben konnte. Natürlich nur zurückgeben konnte - bei einer Torausbeute so knauserig wie das Weihnachtsgeld, das ein schottischer Fischhändler seinen Angestellten zahlt. »Beide Torhüter«, fügte der 40-Jährige an, »haben einen hervorragenden Job gemacht.« Beide Torhüter spielten die Hauptrollen in dieser Derby-Show.

Während der stets recht pummelig wirkende Nebosja Simic mit seinen irrwitzigen Reflexen letztlich zum Melsunger Matchwinner avancierte, erhielt der Dutenhofener Till Klimpke am Ende viele, viele Komplimente für seine beste Saisonleistung. Komplimente, die aber letztlich ohne Punktelohn blieben.

Warum? Warum reichte diese Weltklasseleistung letztlich nicht zu Zählbarem? »Der Ball«, erklärte sein Coach die grün-weißen Angriffsprobleme, »lief zu wenig. Die Spieler sind zu oft in die erste Option gegangen.« Lieber werfen als abspielen. Lieber durchtanken statt Lücken reißen. Wie zum Beispiel Lenny Rubin. Der Schweizer begann bärenstark und erzielte nach 18 Minuten mit dem 6:7 bereits seinen dritten Treffer. Doch Erfolg verführt zum Übermut. Und so schloss der Rückraum-Hüne in der Folge zu schnell und zu unplatziert ab. So der erste Eindruck.

Der zweite Eindruck kann ein anderer sein. Denn MT-Schlussmann Simic entschärfte tatsächlich auch platzierte und harte Würfe. Ebenso wie Klimpke auf der Gegenseite. Was also nun? Wenn die Torhüter glänzen, werfen die Angreifer schwach? Wenn die Abwehrreihen überragen, sind die Offensivkräfte lahm? Wer das wissenschaftlich fundiert beantworten kann, darf sich vermutlich für den Nobelpreis bewerben oder kann zumindest die Frage abschließend beantworten, warum in die Frankfurter Grüne Soße genau sieben und nicht acht Kräuter gehören. Sei es drum. Das Derby bot den 3319 Zuschauern in der Kasseler Rothenbach-Halle beste Unterhaltung. Spannend, emotional und ja auch hochklassig. Hochklassig eben in der Abwehr.

»Abwehr«, bilanzierte dann später auch Nationaltorwart Klimpke, »haben wir sehr gut gespielt.« Und nannte auch einen Grund, warum seine Mannschaft nach der 18:17-Führung durch Hendrik Wagners Treffer nach 47 Minuten die entscheidende Schwächephase erlitt. Vier Gegentreffer in Folge kippten die Begegnung zugunsten der Gastgeber. »Vielleicht«, so Klimpke, »hat uns am Ende die Kraft gefehlt.«

Deshalb gefehlt, weil die Mittelhessen kurzfristig auf Kreisläufer Adam Nyfjäll und Spielmacher Jonas Schelker verzichten mussten und nur mit elf Feldspielern auskommen mussten. »Die Situation war im Vorfeld nicht einfach für uns«, räumte Matschke ein. Klar: Auch Melsungen litt unter einer Verletztenmisere und musste neben Nationalspieler Julius Kühn auch andere Leistungsträger ersetzen. Ersetzen wiederum können die Nordhessen derartige Ausfälle weitaus besser. Wer einen Topmann wie Andre Gomes von der Bank bringen kann, jammert selbst bei einer längeren Ausfallliste auf höherem Niveau.

Was aber nimmt die HSG vom Derby mit? Keine Punkte, klar. Aber eben eine Abwehrleistung, die Mut macht auch für die anstehende ganz schwere Hausaufgabe gegen die SG Flensburg-Handewitt am Sonntag (14 Uhr). Dann wird die nächste Gala von Till Klimpke gefragt sein. Dem Schlussmann blieb auch das Schlusswort nach dem Schlusspfiff des hessischen Vergleichs überlassen: »Wir haben wirklich alles gegeben. Ich glaube, auf der Heimfahrt wird jetzt jeder schlafen.« Außer Ben Matschke vermutlich. Der Trainer dürfte noch gefrustet den letzten Minuten einer Begegnung nachgetrauert haben, in der seine Mannschaft so dicht wie lange nicht mehr vor einem Auswärtserfolg in Kassel stand und diesen doch verpasste. Wenn auch nach einer großen Show.

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