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Eine neue Zeitrechnung

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Gute Mutes: Die Gießen 46ers um Bjarne Kraushaar (links, gegen den Hamburger Robin Christen). © Schepp

Gießen. Wir beginnen die Analyse des Wochenendes aus Sicht der Gießen 46ers mal mit einer Frage: Wie oft war im Spielbericht vom 100:73-Erfolg gegen die Hamburg Towers in unserer Montagsausgabe von John Bryant die Rede? Keine Silbe. Das hat auch einen guten Grund.

Die Verantwortlichen des abstiegsbedrohten Basketball-Bundesligisten von der Lahn wollen nicht zurück, sondern einzig und allein nach vorne schauen. Da hat der »Big Man«, der nach dreieinhalb Spielzeiten seine Zelte beim fünffachen Meister von einst abbrechen musste beziehungsweise abgebrochen hat und zum Mitteldeutschen BC weitergezogen ist, keinen Platz.

Warum auch? Die 40 Minuten vom Samstag gegen zwar Corona gebeutelte, aber trotzdem mit fast allen Stars angereisten Gäste waren mehr als ein erster kleiner Befreiungsschlag im Kampf um den Klassenerhalt. Es war vielleicht der Beginn einer neuen Zeitrechnung, der Zeit nach John Bryant.

Klar, die »Energie«, die Bjarne Kraushaar später nach seinem verwandelten Freiwurf zum Hunderter und frisch geduscht als X-Faktor für die Wende zum Guten nach acht Pleiten in Serie anführte, kam von den kleineren Positionen, vom neuen Co-Kapitän Kendale McCullum, von T.J. Williams, von Florian Koch und von Martins Laksa, dem frischesten der frischen Neuzugänge - dazu später mehr.

Am Brett wirkte Philipp Fayne wie befreit, was nicht nur seine zwei direkt hintereinander verwandelten Freiwürfe (seinem ansonsten wohl größten Manko) gegen Ende des dritten Viertels bestätigten. JD Miller sprang, manchmal zwar noch übermütig, aber bemüht, stets auf der »5" in die Bresche, wenn es nötig war und »bumpte« Towers-Hüne Maik Kotsar ähnlich geschickt durch die eigene Zone wie sein Teamkollege Fayne. Und speziell Nuni Omot nutzte seine Athletik auf dem Weg zum Korb effektiv aus. Die Großen der 46ers erledigten ihren Job richtig gut.

Was die 170 enthusiastisch anfeuernden und am Ende seligen Gießener Fans gegen den Playoff-Kandidat von der Elbe aber besonders begeisterte, war der Backcourt. Williams nahm sich die taktische Vorgabe von Trainer Pete Strobl - mehr passen als dribbeln - zwar nicht immer zu Herzen, sorgte aber mit seinen Drives für den Raum, den die Mitspieler zu nutzen wussten. Florian Koch bestätigte seine bestechende Form, streute satte 24 Punkte ein und sprach hinterher allen 46ers-Akteuren aus der Seele: »Ich bin sehr glücklich, dass wir die Negativserie beendet haben. Das war unheimlich wichtig für unser Selbstvertrauen, der Glaube an unsere Stärke ist zurück.«

Das wiederum könnte auch mit Martins Laksa zusammenhängen. Der Lette kam am Mittwoch nach Gießen, sah sich im Training um und siegte gleich bei seiner Premiere in der deutschen Bundesliga. »Ach, ich weiß nicht, ob das eine Cinderella-Story ist. Aber es ist ein tolles Gefühl, für diesen Verein und vor diesen Fans zu spielen«, hielt sich der 31-Jährige sowohl im Nachgang als auch zuvor in seinen 23 Minuten und 16 Sekunden Einsatzzeit zurück. Vier Rebounds, zwei Assists, zwei Ballgewinne - solide.

Zu den vier Fouls von Laksa erklärte Coach Strobl: »Er hat keine Angst, gut zu verteidigen und zu foulen, wenn er foulen muss. Alles in allem ist es beeindruckend, dass ein Spieler seiner Qualität nach Gießen gekommen ist.« Und die zwei Dreier bei sieben Versuchen? Die sind ausbaufähig. Das weiß der neue Flügelspieler, das weiß auch Sebastian Schmidt: »Im nächsten Spiel macht er vielleicht schon fünf von sieben rein. Er soll werfen, wenn er frei ist. Martins ist eine extreme Verstärkung.«

Last but not least heißt es, ein Sonderlob an Kendale McCullum zu verteilen. »Wir haben gut als Mannschaft gespielt, aber er hat die Fäden gezogen und seine Schnelligkeit genutzt«, so Strobl über seinen Spielmacher Nummer eins. Von der ersten Sekunde an war dem US-Amerikaner, der neben dem am Samstag nicht eingesetzten Dennis Nawrocki (Strobl dazu: »Wir haben gewonnen, da möchte ich nicht drüber diskutieren«) in der vergangenen Woche zum zweiten Kapitän gewählt worden war, die Spielfreude anzumerken. McCullum zog zum Korb, hatte auf dem Weg dorthin vor niemandem Angst und sorgte auch mit den Steals gegen seinen Hamburger Widerpart Caleb Homesley für Highlights.

Wenn der Mann mit der »0" auf dem Rücken am kommenden Samstag (20.30 Uhr) gegen Braunschweig an diese Vorstellung anknüpft, dann ist es bis zum nächsten Heimsieg der 46ers nicht weit. Nur ein Strohfeuer soll der klare Erfolg gegen Hamburg auf keinen Fall sein.

»Jetzt haben wir wieder neues Vertrauen in uns. Aber wir müssen und werden weiter hart arbeiten im Training. Denn es ist noch eine lange Saison«, sagte McCullum schon am Samstag - im Gefühl des ersten Gießener Sieges nach acht aufeinanderfolgenden Niederlagen und dem ersten nach John Bryant.

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