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Eins mit Pfeil und Scheibe werden

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gispor_2201_dartscheibe__4c_1 © Rüdiger Dittrich

Gießen . Ist das Sport - oder kann das weg? Gute Frage? Wer zwischen den Jahren gar nichts anderes zu tun hatte, der entdeckte beim Zappen durch sämtliche Kanäle bei Sport 1 eine aufgebrachte Menschenmenge, die Bierkrüge schwenkend zwei zumeist etwas ungeschlacht wirkenden Männern zusah. Der Bauchansatz der Herren hätte oft als Ablagefläche für ihr Sportgerät dienen können, aber ihren eher begnadigten als begnadeten Körpern zum Trotz warfen sie in schneller Folge und mit kaum nachlassender Präzision kleine Pfeile auf eine große Scheibe mit winzigem Mittelpunkt.

Darts! Gut, man hätte diese Geschichte auch bereits vor vier, fünf Jahren schreiben können, da zu jener Zeit - das ist allerdings nur ein Gefühl - das ernsthaftere mediale Interesse begann, seltsamen Gestalten zuzuschauen, die mit ihren mächtigen Pranken den schmalen Wurfgeräten eine überaus exakte Linie zu geben vermögen. Darts im »Ally Pally«, so hatte es Anfang Januar wieder mal den Anschein, könnte bald die Vierschanzentournee ablösen als der ideale Zwischen-den-Jahren-wenn-die-Faulheit-um-sich-greift-Fernsehsport. Von daher beantwortet sich eingangs gestellte Frage von selbst: Ja, Darts ist wohl ein Sport.

Sport seit 2010

Das merkt man daran, dass viele Leute zugucken und zudem die Meister des Pfeileschleuderns mittlerweile auch schon horrende Summen verdienen. Darts darf sich zudem seit 2010 auch in Deutschland »Sport« nennen. Am 4. Dezember wurde es vor zwölf Jahren in die heilige Familie körperlicher Regungen aufgenommen. Voraussetzung dafür, wie für jeden Sport: Mindestens 10000 Mitglieder braucht ein Verband, um überhaupt einen Antrag beim Deutschen Olympischen Sport Bund (DOSB) stellen zu können. Die Definition lautet zudem: Was Sport sein will, muss eine »eigene sportartbestimmende motorische Aktivität« aufweisen. So heißt es in einem Artikel der »Zeit« zur feierlichen Aufnahme des »Pfeilewerfens« im DOSB. Außerdem muss die Sportart ethisch sauber sein. Ergo: Füchse bei der Jagd über den Haufen zu schießen, das ist eher kein Sport. Ob im Tempel des Darts, dem Ally Pally, zum Jahreswechsel ethisch alles in Ordnung ist, diese Frage darf man sich angesichts des Saufgelages eines frenetischen (und teils verkleideten) Publikums im Hintergrund der Großmeister durchaus stellen. Gerade in Corona-Zeiten. Aber auch Fußballfans toben ja oft auf den Tribünen, bis der Arzt kommt. Oder eben das nächste Körbchen mit Bier aus dem Becher.

Die »sportartspezifische motorische Aktivität« weist Darts auf diesem Niveau aber auf jeden Fall auf, was es eindeutig von beispielsweise Bridge unterscheidet, das in England 2016 sogar die Gerichte beschäftigte, weil es ein Sport werden wollte, der Richter aber beschied: Ist nur ein Kartenspiel. Und sei nicht vergleichbar mit Schach, das den Rang des Denksports ohne gerichtliche Fisimatenten schon längst erklommen hat.

Doch weg von diesen theoretischen Sperenzchen, hin zum Anlass dieser Geschichte, die, wie so oft im Leben, eine der Verführung zur Nachahmung ist. Der Sohnemann sah nämlich ganz viel Ally Pally, während der Vater genervt abwinkte. Verführt von den Pfeile werfenden Recken begab man sich dann trotzdem eines Weihnachtsabends an die elektronische Dartscheibe, die seit Jahren an der Wand vor sich hinstaubte. Und wissen Sie was? Das ist kein Sport. Plastikpfeile, Plastikscheibe, ständig krumme Spitzen und blöde Töne, die bei jedem Wurf blechern in den Ohren klingen.

Plastik und Stahl

Was braucht der Mensch, der den Dartsport wirklich erlernen will? Spitze Stahlpfeile (Steeldarts), die zur Not bei ungeplantem Rückprall auch mal im Oberschenkel stecken bleiben. Sind wir Weicheier, oder was? Dazu eine echte Scheibe, aus was für einem Holz die auch immer geschnitzt sein mag. Und - ganz wichtig - einen kreisrunden Puffer als Dartscheiben-Ummantelung, der die verirrten Stahlspitzen der dilletierenden Amateure abfängt, damit sie nicht rundum die Tapete durchlöchern wie die Schrotlandung den davon trabenden Elch.

Vorteil an der ganzen Gerätschaft: Dart ist in der Grundausstattung bezahlbar. Scheibe plus Pfeile plus Mantel drumrum gibt’s als Erstausstattung für einen guten Hunderter. Da freut sich nicht nur der Vater, dass die zur Nachahmung anregende Wirkung von Michael van Gerwen und Co ausgeht und nicht von Karl Geiger bei der Vierschanzentournee. So eine Schanze im Garten, das will doch keiner. Und was das kosten mag?

Und so kam das Paket stilecht aus den Niederlanden (van Gerwen lässt grüßen) - und dann ging’s schon los: Mithilfe eines Profi-Videos wurde die Scheibe befestigt. Exakte Höhe des Mittelpunkts, genannt Bullseye, auf 1,73m Höhe, der Abstand der Wurflinie bis zur Scheibe bei 2,37m mittels Bodenmarkierung festgelegt. Und schon flog der erste Pfeil mit größter grobmotorischer Aktivität.

Was wir schon von Annoduzzemal aus der Kneipe wussten: Sieht doch leichter aus als es ist. Zudem kann was mit unserer Scheibe nicht stimmen, denn immer wenn ich auf die 20 Ziele, fliegt der Pfeil in die 1 oder 5 direkt daneben. Das Ding ist wahrscheinlich kaputt. Oder hängt schief. Naja, aller Anfang ist schwer und das mit dem Zielwasser auch so eine Sache. Doch nach etlichen Runden mit entsprechend vielen Legs und Gewinnsätzen, weiß man, was man getan hat. Und wie weit Konzentration eben auch eine Frage der Kondition ist. Einer Kondition freilich, die nicht vergleichbar ist mit einem Halbmarathon oder 90 Minuten Fußball auf dem großen Platz. Dass die Profis mit Vorbau im Bauchbereich da vielleicht sogar einen Vorteil haben, sozusagen als ruhender Pol mit tiefem Schwerpunkt, wird rasch klar.

In dem Buch »Zen oder die Kunst des Bogenschießens« heißt es: »Um wirklich Meister des Bogenschießens zu sein, genügt technische Kenntnis nicht. Die Technik muss überschritten werden, sodass das Können zu einer nichtgekonnten Kunst wird, die aus dem Unbewussten erwächst.« (...) »Das bedeutet, dass Schütze und Scheibe nicht mehr zwei entgegengesetzte Dinge sind, sondern eine einzige Wirklichkeit.«

Pfeil (und Bogen)

Das gilt, behaupte ich jetzt ganz platt, so ähnlich auch fürs Pfeilewerfen. Solange es aber ein für mich zu hoch gestecktes Ziel ist, mit der Dartscheibe eins zu werden, werfe ich einfach so weiter, verliere gegen meinen Sohn und behaupte bei Treffern in die Triple 20 immer, das sei ganz klar Absicht gewesen. Und sonst? Ist Dart durchaus eine Art Sport, der nächste Lockdown kann kommen. Wir haben dann sicher zu tun in den eigenen vier Wänden. Aber ansonsten gehe ich doch lieber Fußball spielen. Besteht schließlich doch aus ein wenig mehr motorischer Aktivität. Und wenn man den Ball auf die Reise schickt, dann wird man ja auch zum Zen - und wird eins mit dem Tor. Zumindest, wenn man trifft.

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