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Eintracht-Träume im Wüstensand

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Träumen ist sogar in der Wüste erlaubt: Und hofft so mancher auf eine große WM von Mario Götze, die wie auf diesem Foto von 2014 mit dem Pokal in der Hand endet. Foto: dpa © dpa

Wie sollte man mit der WM in Katar umgehen? Unsere Redakteure haben sich vor dem Turnierstart Gedanken gemacht.

Gießen (red). Der Eine hat sich schon lange vom Fußball verabschiedet. Der Andere bekommt es selbst noch in der Wüste hin, nur von seiner Eintracht zu träumen. Der Nächste mag kaltes Bier nicht an kalten Tagen. Der Übernächste hält den überübernächsten politischen Vortrag. Und der Überübernächste hängt immer noch dem 7:1-Triumph gegen Brasilien von annudazumal nach. Kurzum: Unsere Redakteure haben sich so ihre Gedanken zur Fußball-WM in Katar gemacht. Glotzen oder abschalten? Schimpfen oder Bier trinken? Von Wembley fabulieren oder den Besserwisser geben? Die Palette der Meinungen ist so bunt wie die in Katar nicht gerade gerne gesehene Regenbogen-Fahne.

Endspiel

Natürlich ließen sich unzählige Gründe ins Spiel-Feld führen, warum diese WM ein ausgemachter Blödsinn ist, der den Fußball zum Geschäft, zum Politikum, zum kompletten Irrwitz macht. Diese Gründe sollen an dieser Stelle gerne die Kollegen aufzählen, meine Prognose lautet so: Der Bayern-Block im Team von Hansi Flick bietet als Zentrum der deutschen Mannschaft eine Mischung aus technischer Brillanz und körperlicher Präsenz.

Mit seinen Kurzeinsätzen ergänzt der Frankfurter Mario Götze dieses Team auf ideale Weise, so dass der Weg der DFB-Auswahl bis ins Endspiel führt, wo sie knapp an Brasilien scheitert. Die Teams Schweiz, Kroatien, Dänemark und Japan (Sow, Jakic, Lindström, Kamada) befinden sich da längst auf dem Heimweg, so dass die Eintracht-Akteure ausgeruht und voller Tatendrang zum ersten Training nach der WM im Stadtwald erscheinen.

Die Bayern-Akteure hingegen fallen im Gegensatz zu dem kaum geforderten Götze nach den sieben intensiven Partien und dem enttäuschenden Finale in ein Leistungsloch. Und so kommt es Ende Januar zu einem unvergesslichen 7:1 der Adlerträger in München, mit dem sie die Hinspielniederlage beim Saisonstart mehr als wett machen. Ein sich über mehrere Wochen hinziehendes Leistungsloch der Nagelsmann-Truppe sowie die zugleich ins Grenzenlose anwachsende Euphorie am Main sorgen dafür, dass die Eintracht die im Februar eroberte Tabellenführung nicht mehr hergibt und im Sommer die Meisterschale auf dem Römer schwenkt (OB Feldmann ist ja weg). Denn wie lautet die Losung an allen Ebbelwoi-Stammtischen: Katar oder Katarrh - Hauptsache Eintracht. Björn Gauges

Pure Emotion

Ich weiß, ich bin aus der Zeit gefallen. Bin, was den Fußball betrifft, irgendwo zwischen den 1960er und den 1980er Jahren stehengeblieben. Ich weiß nicht viel über moderne Spielweisen, aber mir ist bekannt, dass es einen Videobeweis gibt. Braucht kein Mensch Fußball spielt (fast) keine Rolle mehr in meinem Leben. Nicht nur, weil dieser wunderbare Sport zu einem üblen, zu einem bisweilen dreckigen Geschäft verkommen ist. Mir geht auch das ganze Getue auf die Nerven. Und jetzt noch eine WM in Katar, nichts ist bei der Fifa unmöglich, auch das nicht.

Damit das klar ist: Ich liebe Fußball. Ich bin mit meinem Verein (Echte Liebe) durch tiefe Täler gegangen, habe mehrere Jahre zweite Liga ertragen, musste die Demütigung durch Gladbach (12:0) erleben. Egal, seinem Club bleibt man treu. Das ist eine Frage der Ehre. Ich weiß, auch Dortmund hat sich in eine Richtung entwickelt, die nicht die meine ist. Geld regiert die Welt - und den Fußball. Aber der BVB ist immer noch ein Verein für Kämpfer, für Arbeiter und ein bisschen auch für Träumer. Die schwarzgelbe Wand ist keine Legende, sie ist Realität - und pure Emotion. So mag ich Fußball.

Das ist kein Aufruf zu einem WM-Boykott, es ist allein mein stummer Protest: Ich werde mir kein Spiel anschauen! Das war früher ganz anders. Da spielte ich mit den Jungs auf der Dorfstraße, bei uns im Hof auf hartem Beton, auf dem Bolzplatz, schon vor und gleich nach der Schule, bis zum Umfallen. Und bei einer WM oder EM, da waren wir dabei, auch nachts. Heute schlafe ich lieber. Und träume vom WM-Finale 1966 in England. Auch ein Albtraum. Aber hätte es damals einen Videobeweis gegeben, ja dann

Burkhard Bräuning

Scheich-Shit-Show

Als schlicht gestrickter Mann vom Land, halte ich’s mit meinem Opa. »Wenn der ganz Bettel eh schon bezahlt ist, dann können wir ihn auch anschauen«, hätte der gesagt, wenn er die Scheich-Shit-Show im Wüstensand noch erlebt hätte. Soll heißen: Ob ich mir nun im Glanze meiner Moral die WM verkneife oder nicht, juckt die Krämerseelen am Golf und bei der Fifa einen feuchten Kehricht.

Ins Mark hätten sie die Fernsehanstalten treffen können, wenn die sich die Milliarden für die Übertragungsrechte einfach mal gespart hätten. Ich hätte nicht geweint und mich als Fußballfan schon irgendwie beholfen. Bei Eintracht gegen Sporting Lissabon am Radio mitzubibbern, wie zu Herbergers Zeiten, das hatte einen ganz eigenen Reiz. Und für unvergessliche WM-Erinnerungen braucht es im Grunde weder »Däsooohn« noch Sky-Abo. Völlig unglaubwürdig sind ARD und ZDF, wenn sie jetzt mit ein paar kritischen Dokus über elend verreckte Wanderarbeiter etwaige Kritik an den Milliarden entkräften wollen, die sie eben jenen Kataris in den Dishdasha blasen, die mit ihrer Knete gerne islamistische Terroristen finanzieren.

Ich für meinen Teil bin kein Freund von Symbolpolitik, mit der man sich vor allem selbst schadet, und die die, die man strafen will, völlig kalt lässt (kommt Ihnen das bekannt vor?). Und darum freue ich mich in aller Bescheidenheit auf die drei Auftritte meines Lieblingsteams aus Kamerun. Mehr dürften es nicht werden, denn egal wie viele Teams bei der immer aufgeblähteren WM an den Start gehen, Kamerun landet immer in einer Gruppe mit Brasilien (Warum nur, Fußballgott, warum?).

Ingo Berghöfer

Klebrige Banditen

Gucken, nicht gucken. Boykottieren, nicht boykottieren. Die prekäre Menschenrechtssituation im Wüstenstaat wurde bereits zur Genüge hinlänglich hoch- und runterdiskutiert, dass es mittlerweile müßig ist, erneut auf dieses Thema einzugehen, wo es doch noch ganz andere Streitfälle im Rahmen der Fußball-Weltmeisterschaft gibt. Beispielsweise die Familie.

Denn was Fifa-Mogul Gianni Infantino mit der Verlegung in den Winter nicht bedacht hat: In den meisten der beim Turnier vertretenen Nationen ist Vorweihnachtszeit. Das mag dem arabischen Emirat am Allerwertesten vorbeigehen, in Mitteleuropa wird aber mit einer jahrzehntealten, sommerlichen Tradition gebrochen: Kein kühles Blondes in der einen und eine heiße Blonde an der anderen Hand. Stattdessen ist in diesem Jahr Bibbern und Zittern angesagt - und das nicht nur mit der deutschen Nationalmannschaft um den Einzug unter die letzten 16, sondern auch im wahrsten Sinne des Wortes. Davon abgesehen, dass es diesmal ohnehin (nun aber wirklich!) Oranje machen wird.

Das größte Fußballfest der Welt wird mit einem Glühwein zelebriert, eingepackt in Schal und Mantel, während man inmitten des Geschenkestresses von Weihnachtsmarkt zu Weihnachtsmarkt rennt. Boykottieren oder nicht boykottieren - das ist doch die falsche Frage, wenn man ohnehin kaum dazu kommt, die Glotze einzuschalten. Fragwürdiges Glück hat da nur Kevin: Der ist wenigstens allein zu Haus. David Heinemann

Bigötter

Blasenkatarrh ist kein schönes Wort. Zwei kleine »r" und dann noch ein »h" hinterher, da soll ein Mensch schlau draus werden. Was das mit der Fußball-WM zu tun hat? Nur das: Katarrh an der Blase ist unangenehm. Und in Katar eine WM auszurichten, ebenfalls. Doch wo fangen wir an und wo hören wir auf? In Argentinien 1978 wurden Menschen ermordet und gefoltert, während nebenan im Stadion Berti Vogts grätschte.

In Südafrika wurden Townships leergeräumt, damit sie dem Fifa-Touristentross nicht im Weg sind, in Brasilien Zufahrtswege zu den Stadien gebaut und dafür Favellas weggerissen. Und in Peking 2008 (Olympische Spiele) wurde wie in Russland 2018 (WM) von den Bigöttern des Sportshowgeschäfts (Bach, Blatter, Blattini) im Vorfeld gejubelt, dass die Welt zu Gast und Zeuge sei, wie autokratische Länder durch Großereignisse geläutert würden und demokratischer daraus hervor gehen würden. Weder in China noch in Russland hat es funktioniert.

Was aber immer funktioniert, ist die Faszination des Spiels. Wer dachte an die Favella, als Deutschland Brasilien mit 7:1 von der Copacabana putzte, wer dachte an Argentinien 78, als Mario Götze Messi zeigte, dass er besser ist. Corona, Ukrainekrieg, Energiekrise, Klimawandel, WM in Katar. Wir leben in einem blasenkatarrhisches System des Hässlichen. Es gibt kein wahres Leben im Falschen. Und Katar als WM-Gastgeber ist unentschuldbar. Aber wenn Götze wieder trifft, ist unser eskapistisches Glück perfekt. Ja - und das brauchen wir auch. Für ein bisschen Glück. Rüdiger Dittrich

Das harmoniert

Katar ist der perfekte Gastgeber für eine Fußball-WM! Perfekt deshalb, weil dieser Staat mit seiner rigorosen Herrscher-Clique und seiner menschenrechtsverachtenden Verfassung wie kaum ein anderes Land der Welt perfekt mit dem System des Weltfußball-Verbandes harmoniert. Wer glaubt schließlich noch daran, dass irgendeine Fifa-Großveranstaltung nicht durch Bestechung vergeben wurde und vergeben wird? Wer glaubt, dass all das scheinheilige Schwenken von Regenbogen-Fähnchen, die sich stets nach dem politischen Winde drehen, tatsächlich einen ernst gemeinten Hintergrund hat? Wer glaubt, dass Fifa-Boss Gianni Infantino das Wohl des Fußballs über das Wohl seiner persönlichen Bankkonten stellt? Wohl kaum einer.

Was Bestechung, politische Intrigen und das eigene Wohl betrifft, passt das System Katar perfekt zum System Fifa. Aber wer über diese Form von pervertiertem Fußball spricht, darf über unsere politische und wirtschaftliche Abhängigkeit von Ländern wie Katar nicht schweigen. Wer zum Boykott der TV-Übertragungen aufruft, muss eben auch dagegen protestieren, dass das Emirat große Anteile an der Deutschen Bank oder dem Energieversorger RWE hält.

Wer dieser Tage über den eigentlich doch so unwichtigen Fußball schimpft, muss so einige politische Entscheidungen der Vergangenheit genauso stark in Frage stellen. Und wer das tut, darf dann vielleicht doch klammheimlich den Fernseher anschalten und den schönen Sport genießen. Und wer das wiederum tut, sollte sich nach jeder WM-Partie einfach noch eine weitere der wirklich guten ARD- oder ZDF-Dokumentationen über das System Katar und das System Fifa anschauen.

Und wenn das viele Menschen machen, dann hat diese absurde WM vielleicht doch noch etwas Gutes erreicht. Karsten Zipp

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