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Energiebündel, Anführer, Balldieb

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Energiebündel: Kendale McCullum zieht mit viel Power zum Korb. © Schepp

Gießen. Es ist die Szene der Saison in der Basketball-Bundesliga überhaupt: 44 Sekunden sind an jenem 20. November bei den EWE Baskets Oldenburg noch zu spielen, als Kendale McCullum das Ruder an sich reißt. Bei nur noch zwei Sekunden auf der Uhr für einen Angriff klatscht der US-Boy einen Einwurf unter dem Korb der Hausherren an den Rücken von Alen Pjanic, schnappt sich sofort wieder den Ball und verkürzt gegen den verdutzt dreinschauenden Ex-Gießener auf 71:

72. »Das war reiner Instinkt«, strahlt der 25-Jährige hinterher in die Magenta-Kameras, wohl wissend, dass er damit seinem Team den Weg zum eminent wichtigen 75:72-Erfolg in Niedersachsen geebnet hat. Es sollte der letzte Gießener Sieg für über zwei Monate gewesen sein.

Der Mann aus Chicago, den 46ers-Cheftrainer Pete Strobl auf der Agenda hat, seit der Spielmacher in der Saison 2019/20 in der ProA für die Uni Baskets Paderborn am Ball war, hat nicht nur durch seine Finten auf sich aufmerksam gemacht. Im Schnitt steht McCullum rekordverdächtige 30 Minuten auf dem Feld. Zwölf Punkte, sechs Assists und drei Steals weist die Statistik dabei für ihn aus, die als Bestwert 26 Punkte bei über 37 Minuten Einsatzzeit gegen die BG Göttingen (76:87), neun Defensivrebounds gegen die Hamburg Towers (100:73), acht Assists bei den Münchner Bayern (64:71) und sechs Steals bei den Niners Chemnitz (75:82) aufweist. Es sind Werte, die Strobl trotzdem noch für ausbaufähig hält: »Kendale hat noch lange nicht seine besten Tage erreicht«, weiß der Coach, dass sein verlängerter Arm auf dem Feld weit mehr kann: »Er lernt stetig und er ist ein harter Arbeiter, der selbst verinnerlicht hat, dass er noch nicht am Ende seiner Entwicklung ist.«

Dass auf ihm viel Verantwortung lastet, weiß Kendale McCullum. Der eigentlich als Pointguard verpflichtete Kyan Anderson konnte bisher bis auf zwei, drei Ausnahmen noch nicht die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllen. Und auch Bjarne Kraushaar, von Verletzungen zurückgeworfen, hat sich von der Rolle eines Ergänzungsspielers noch nicht befreit, so dass »MCC« oft lange auf dem Parkett steht. »Aber nicht zu lange«, wie der Absolvent der Larkin High School in Illinois im Speckgürtel der Millionenmetropole Chicago mit einem Augenzwinkern verkündet: »Der Coach und meine Teamkollegen wissen, dass ich ein Energiebündel bin. Ich kann den ganzen Tag laufen und spielen. Der Anführer zu sein bedeutet, dass das Team und die Coaches mir auf und neben dem Platz vertrauen.«

Dabei verlief das Deutschland-Comeback des flinken Balldiebs alles andere als günstig. Schon in der Vorbereitung zog er sich eine schmerzhafte Schulterverletzung zu, durch die er die beiden ersten Partien gegen medi Bayreuth (86:74) und bei den Brose Baskets Bamberg (87:89) verpasste. Danach lief der Comboguard stets mit Tapes auf, an die er sich inzwischen längst gewöhnt hat. »Ich spüre fast nichts mehr, es wird von Tag zu Tag besser, mitterweile bin ich fast bei 100 Prozent.«

Aufmerksamkeit erregte der 25-Jährige nicht nur in der University of Wisconsin Parkside oder bei der Lewis University, sondern vor allem bei seinem Profi-Debüt, das ihn nach Ostwestfalen führte. Für die Baskets Paderborn legte er in der ProA im Schnitt 18 Punkte und sieben Assists auf und sicherte sich damit die Auszeichnung »ProA-Spieler des Jahres« und bester Defensiv-Akteur der Saison 2019/20.

Grundsätzlich heimste McCullum bei seinen bisherigen Stationen stets Auszeichnungen für sein Verteidigungsengagement ein. Zuletzt bei seinem finnischen Club Helsinki Seagulls, wo er bei seinen Gegnern im Durchschnitt 2,5 Ballverluste provozierte und somit »Defensive Player of the Year« sowie ins »All-Finnish-Korisliiga-Team« gewählt wurde. In 31 Partien lieferte der Mann vom Lake Michigan mit 14,5 Punkten, fünf Rebounds und sieben Assists starke Statistiken ab, die seinem damaligen Team als Belohnung den ersten Tabellenplatz in der Endrunde, den späteren Halbfinaleinzug und den Pokalsieg einbrachten.

Wo die Reise hingehen wird, ist in der schnelllebigen Basketball-Welt natürlich nicht absehbar. »Ich weiß nicht, was in der nächsten Saison passieren wird. Ich liebe die Stadt und die Menschen hier in Gießen. Aber im Moment konzentriere ich mich nur darauf, in dieser Saison so viele Spiele wie möglich zu gewinnen. Und wenn die Runde endet, dann werden wir sehen, was passiert.«

Dass die 46ers gegen den Abstieg spielen, hat Gründe. Die Kendale McCullum zu erklären weiß: »Wir mussten früh mit vielen Widrigkeiten fertig werden. Ich war verletzt und bin fast zwei Monate ausgefallen. Andere kamen und gingen. So war es echt schwierig, eine gewisse Chemie im Team aufzubauen.«

Der 25-Jährige möchte keine Ausreden gebrauchen, gibt aber zu bedenken: »Die Mehrheit von uns sind Bundesliga-Rookies und einige wirklich noch sehr jung. Das alles ist also eine echte Herausforderung.« Die es anzugehen und zu meistern gilt, will Gießen im Oberhaus bestehen. McCullum jedenfalls ist bereit. »Wir sollten uns darauf konzentrieren, die kleinen Dinge in einem Match richtig zu machen. Die Jungs müssen bereit sein, in den Krieg zu ziehen und füreinander zu kämpfen.«

Am besten schon am kommenden Samstag (20.30 Uhr) gegen die Brose Baskets Bamberg.

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