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Ernst bis hoffnungslos

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Gießen. Die Heimspielstätte ist inzwischen nur noch zur Hälfte gefüllt. Die Stimmung ist dahin. Die »Osthölle« entwickelt nicht mehr die Kraft, die Leidenschaft und die Power, die Mannschaften, die unten stehen, so dringend benötigen. Lautstarke Fangesänge und Sprechchöre aus Vor-Corona-Zeiten gibt es nur spärlich. Und die Protagonisten, die die legendäre und stets nach Siegen intonierte »Humba« nur aus Erzählungen Alteingesessener kennen, schleichen meist mit hängen Köpfen und ratlos diskutierend in die Kabine.

»Einige haben sich mit ihren Gedanken schon längst aus Gießen verabschiedet«, konstatierte Co-Kapitän Kendale McCullum schon vor Wochen. Feuer für den Club, Bedingunslosigkeit im Abstiegskampf und der unbedingte Wille, den Traditionsclub schlechthin im Oberhaus zu halten, sehen anders aus. Im Frühjahr 2022 taumeln die 46ers ihrem zweiten Abstieg aus der Basketball-Bundesliga innerhalb eines Jahres entgegen. Mit dem feinen Unterschied, dass sie eine sündhaft teure Wildcard nicht mehr retten wird. Mindestens vier, besser fünf oder sechs Erfolge aus den verbleibenden acht Partien scheinen angesichts der Tatsachen, dass die Konkurrenten punkten, dass die Männer von der Lahn erst sechs Siege (aus 26 Partien) eingefahren haben und dass sie in den vergangenen neun Matches auch nur zweimal als Gewinner das Parkett verließen, unrealistisch, utopisch, ja realitätsfern.

Dass Kapitän Dennis Nawrocki nach der jüngsten 85:95-Niederlage gegen Bayern München davon sprach, dass »wir nicht aufgeben werden« und sein Mitstreiter Florian Koch zu bedenken gab, »vielleicht punkten wir, weil wir nun endlich frei aufspielen können und nichts mehr zu verlieren haben«, ehrt das deutsche Duo. Die Realität an jenem Standort, der bis Ende der 70er Jahre auf fünf Meisterschaften stolz war, sieht vor dem Match heute bei Tabellenführer Telekom Baskets Bonn (20.30 Uhr) jedoch anders aus: Nämlich wieder einmal vor einem Neuaufbau zu stehen, wieder einmal alles und alle in Frage zu stellen, wieder einmal um eine wirtschaftlich stabile Zukunft zu bangen. In einem Unterhaus, in dem es so schnell wie einst 2015 kein Entkommen geben dürfte.

»Voll motiviert«

»Auch wenn wir uns gegen den FC Bayern sehr teuer verkauft haben, so nützen im Abstiegskampf natürlich nur Punkte«, weiß Geschäftsführer Sebastian Schmidt um den Ernst der Lage. Und Trainer Pete Strobl, der weiter auf den verletzten TJ Williams verzichten muss, ergänzt: »Bonn hat eine tolle Saison bisher hinter sich und wird eine sehr große Herausforderung für uns sein.« Der 44-Jährige hat die Hoffnung auf den Liga-Verbleib nicht begraben.

Er spricht davon, dass Männer wie Kendale McCullum und Nuni Omot weiter »voll motiviert« seien, er weiß jedoch auch, dass Guards wie Martins Laksa oder Flo Koch »mehr werfen und treffen müssen als zuletzt.«

Die Telekom Baskets Bonn, die bereits beim 103:95-Hinspielerfolg ihre Offensivpower unter Beweis gestellt haben, wiesen am vergangenen Sonntag die Frankfurt Skyliners beim 112:96-Auswärtssieg in die Schranken. Es war der 22. Saisonerfolg der magentafarbenen Männer, die damit nicht nur ihren Platz an der Sonne festigten, sondern sich auch nach zwei Jahren Pause die vorzeitige Playoff-Teilnahme sicherten.

Mit Parker Jackson-Cartwright, der am Main mit 31 Punkten und 13 Assists nachhaltig in seinen Bemühungen um den MVP-Award auf sich aufmerksam machte, wird ihnen jedoch ihr Bester fehlen. Der Spielmacher, der im Schnitt fast 20 Punkte markiert, ist wegen eines Trauerfalls in der Familie am Montag kurzfristig nach Los Angeles geflogen.

Doch die heimstarken Mannen von Headcoach Tuomas Iisalo, die in dieser Runde nur gegen die Hamburg Towers (80:92) und Alba Berlin (77:89) patzten, bestehen nicht nur aus dem effektiven Point Guard. Die Durchschlagskraft im Angriff verteilt sich auf mehrere Schultern, wobei neben Jackson-Cartwright mit Jeremy Morgan (14), Javontae Hawkins (13), dem ehemaligen Gießener Skyler Bowlin (11), Nationalspieler Michael Kessens (10) und Saulius Kulvietis (10) insgesamt sechs Spieler im Schnitt zweistellig scoren.

Mit fast 90 Punkten pro Match stellen die Rheinländer die beste Offensive der Liga, zudem nehmen sie die meisten Würfe, die unter anderem aus 14 Offensivrebounds pro Spiel resultieren, was ebenfalls dem Topwert der gesamten Bundesliga entspricht. Mit Karsten Tadda, dem zweiten Bonner, der einst in der Osthalle auflief, verfügen sie zudem über einen der stärksten Verteidiger des Oberhauses.

Und dies in einer Halle auf dem berühmt-berüchtigten Bonner Hardtberg, die bebt. Die gute Stimmung werden die Gießen 46ers heute Abend erleben. Ob sie in der Bundesliga überleben, ist eher fraglich.

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