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Erst mit Marokko, dann mit FC Gießen feiern

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Von: Rüdiger Dittrich

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Yassine Maingad schließt zum 1:0 gegen den SV Neuhof ab. Und ist nicht nur wegen dem FC Gießen gut gelaunt, sondern auch wegen der Leistungen seines Heimatlandes Marokko bei der Fußball-WM. Foto: Vogler © Vogler

Gießen . Am Samstag war Yassine Maingad der Dosenöffner für den FC Gießen. In Minute 20 traf der Mittelfeldmann, der in der Mannschaft von Trainer Daniyel Cimen mit Tempodribblings ebenso vorangeht wie mit Abschlüssen und Vorlagen, zum 1:0 gegen den SV Neuhof. Daraus wurde dann bis zum Ende ein 6:1-Erfolg für den Tabellenzweiten. Dass die Rot-Weißen so gut dastehen in der Fußball-Hessenliga, daran hat der 25-Jährige einen enormen Anteil, wie nicht nur die acht Tore, sondern auch sieben Torvorlagen ausweisen.

Tja, der Mann hat es drauf, könnte man sagen - und jetzt kommen wir auch zum Grund der Belobigung, schließlich hat er bis 2016, ehe er über Frankreich nach Frankfurt kam, in Marokkos höchster Jugendliga gespielt. So verwundert es nicht, dass Yassine Maingad, der aus Agadir stammt, die Nationalmannschaft seiner Heimat besonders intensiv verfolgt bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft, bei der Marokko nicht zuletzt mit dem Viertelfinaleinzug gegen Spanien zur großen Überraschung des Turniers avancierte. Aber konnte Maingad das Spiel überhaupt sehen, schließlich stand noch ein Training für das letzte Pflichtspiel des FC Gießen in Dietkirchen am morgigen Freitag an? »Ja, wir haben es alle gemeinsam vor dem Training in der Kabine geschaut, zum Glück war das Spiel ja schon um vier und erst ab sieben ist Training«, erzählt Maingad vom Triumph am Dienstagabend. Und ist sehr angetan, dass seine Teamkollegen »alle mit mir Marokko unterstützt haben.« Nach dem Elfmeterdrama war der denn auch der Jubel groß. »Ja, es ist eine riesige Überraschung. Alles baut auf der Abwehr auf, wir haben nur ein Tor kassiert und warten dann auf Konter, weil es gegen die großen Mannschaften aus Europa nur so geht«, ist Maingad gleichermaßen stolz wie bescheiden, was die Leistung seines Heimatlandes angeht.

»Wir haben in Marokko viele gute Fußballer, die technisch stark sind, aber ehrlicherweise muss man sagen, dass es bei uns an der taktischen Ausbildung mangelt.« Das aber werde langsam besser, weil die mesten Spieler in Frankreich und Spanien am Ball sind. Ein sehr dezidierter Blick des jungen Mannes, der über Blau-Weiß Frankfurt, wo er auf Kreisliga-Niveau deutlich überqualifiziert war, über Schwanheim zum SV Zeilsheim kam. Und schließlich beim FC Gießen landete. »Ich fühle mich sehr wohl in der Mannschaft und muss sagen, dass Daniyel der beste Trainer ist, den ich je hatte. Er sagt mir, ich soll ruhig was probieren, aber ich habe von ihm auch taktisch sehr viel gelernt, was ich so vorher wirklich nicht kannte.«

Und das obwohl Maingad in der Heimat in jungen Jahren sogar auf Youssef En-Nesyri traf, jenen Stürmer, der im Achtelfinale gegen Spanien zweimal alleine aufs Tor zulief, beide Male aber vergab. Yassine Maingad lacht ein wenig, als er sagt: »Ja, uns fehlt schon ein Mittelstürmer, wir treffen einfach zu wenig das Tor. In Marokko gab und gibt es gute Außenbahn- und Abwehrspieler, aber keine Stürmer auf top Niveau.«

Doch was soll’s: Während Marokko den (nord-)afrikanischen Traum lebt, ist Deutschland (und jetzt auch Spanien) längst zuhause. »Mir tut es leid für Deutschland, denn ich fühle mich hier sehr wohl, freue mich aber ganz besonders für mein Heimatland, weil es der größte Erfolg überhaupt ist. Und es ist auch ein Erfolg für den ganzen afrikanischen Kontinent«, sagt Maingad, der seine Familie seit einigen Jahren nicht mehr gesehen hat, da er immer noch auf seinen Pass wartet, obwohl er, der eigentlich Medizin studieren wollte, einen Schulabschluss und eine Ausbildung zum Raumausstatter absolviert hat, hier also angekommen ist. »Ich habe natürlich über die sozialen Medien viel Kontakt nach Hause, das ganze Land tanzt auf den Straßen und sie schlafen nicht viel«, sagt Maingad, der alleine auf sich gestellt nach Deutschland kam, in Frankfurt aber gerade über den Fußball Freunde gefunden hat, die wie Keanu Hagley und Michael Gorbunow mit ihm beim FC Gießen spielen und eine Fahrgemeinschaft bilden. »Insgesamt sind wir sogar sieben Spieler, die fast in einer Straße wohnen und alle in Gießen sind.«

Und am Samstag gegen Portugal? »Ja, da werde ich in ein Cafe gehen, wo das Spiel gezeigt wird. Es gibt viele Marokkaner in Frankfurt, die das anschauen. Und dann darf man ja mal träumen.« Auch wenn Maingad Brasilien ganz oben auf der Liste hat, hofft er insgeheim doch, dass vielleicht das Unmögliche möglich wird. Und abends, wenn das Viertelfinale vorbei ist, wird Yassine Maingad zur Jahresabschlussfeier des FC Gießen gehen - vielleicht erneut mit einem Siegerlächeln, wegen Marokko. Und dem FCG.

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