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»Es war ein Jahrhundertspiel«

Erstellt:

Von: Thomas Suer

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Niko Semlitsch WM-Experte © Red

Ein bisschen Ahnung haben wir ja schon. Frankreich gegen Argentinien oder Frankreich gegen Brasilien war von Anfang an der Endspiel-Tipp von mir und »meinem Schreiberling«, da lagen wir doch goldrichtig. Und das Schöne an dem tollen Finale war, dass auch die wohl besten Spieler überhaupt dem ganzen Drama die entscheidende Note gaben. Messi und Mbappé.

Die Jubelarien sind berechtigt, denn ab der zweiten Halbzeit war das eines der besten WM-Spiele aller Zeiten, vielleicht sogar das beste. Ich habe ja schon ein paar Jährchen auf dem Buckel, aber es hat mich von der Dramatik und dem Ablauf her an das Jahrhundertspiel Deutschland gegen Italien 1970 in Mexiko erinnert, das Italien nach Verlängerung mit 4:3 gewonnen hat. Gut, in der ersten Halbzeit war Frankreich noch zu passiv. Da wollten sie alles kontrollieren und hatten nach dem 0:2 jede Kontrolle verloren. Was Argentinien da gespielt hat, war vom Allerfeinsten und das Tor zum 2:0 ist unfassbar gut gewesen. Ich bin ja nicht so ein Schwärmer, aber das ist für mich ein Tor des Jahrhunderts, das gehört in jedes Lehrbuch über gelungenes Konterspiel. da hat über vier Stationen alles zentimetergenau gepasst. Das war Fußball-Perfektion. Genauso gut war aber auch, wie Deschamps reagiert hat. Dembele raus, Giroud raus, Mbappé von links mehr auf die verkappte Neun, dann hatten wir in Durchgang zwei ein Spiel, in dem beide Mannschaften ihr ganzes Repertoire geboten haben. Und das war dann derselbe Ablauf wie bei Argentinien gegen Niederlande. Aus dem Nichts kommt der Gegner trotz Zwei-Tore-Rückstands zurück. und man hat gesehen, was Mbappé kann. Da hätten die Franzosen fast für die Entscheidung gesorgt, aber dann kam etwas, was ich vom Fußball so nicht kenne. Argentinien hat in der Verlängerung, genauso wie gegen Holland, wieder das Spiel an sich gezogen. Normalerweise ist es so, dass die Mannschaft, die den Rückstand aufholt, das Spiel dann auch mit viel Rückenwind kippen kann. Aber nicht gegen Argentinien. Die wollten es unbedingt und waren dann wieder besser.

Mein alter Trainer Gyula Lòrànt hat immer gesagt. »Es gibt halt einen Gott beim Fußball.« Als Spieler haben wir immer gelacht, aber am Sonntag sah es dann wieder so aus. Irgendwie musste das Spiel kippen und Messi Weltmeister werden. Er hat es noch einmal allen gezeigt, ist einer der weltbesten Fußballer aller Zeiten. Der musste gekrönt werden. Die anderen Ehrungen finde ich fragwürdig. Da sind noch zwei Torhüter im Stadion und einer wird dann der beste des Turniers. Nichts gegen Martinez von Argentinien, aber der beste Torhüter war für mich der Kroate Livakovic oder sogar der Marokkaner Bounou. Aber egal. Es war ein grandioser Abschluss eines viel diskutierten Turniers, worauf ich aber jetzt nicht mehr eingehen möchte. Eingehen kann ich noch auf Deutschland, das schon lange daheim sitzt. Und wenn man das Spiel gestern und die Halbfinalpartien gesehen hat, dann eben auch zurecht. Davon sind wir ganz weit weg. Weltklasse sind momentan andere.

Zum Abschluss noch ein paar persönliche Worte, denn leider muss ich heute auf eine Beerdigung fahren. Hermann Nuber, der die Offenbacher Kickers verkörpert hat wie kaum ein Anderer, ist gestorben. Er war mein Entdecker und Förderer, hat damals auf dem Sportplatz in Hausen zum Trainer gesagt: Lass doch den 7er mal zum Training nach Offenbach kommen. Der 7er war ich. Hermann Nuber war nicht nur mein Trainer bei den Amateuren, sondern immer eine ganz wichtige Person, ein enger Freund in meinem Leben, den ich noch oft und lange getroffen habe. Ein großartiger Mensch.

Niko Semlitsch muss man den fußballaffinen Lesern nicht vorstellen. Der 76-jährige Ex-Bundesligaprofi war über Jahrzehnte als Trainer bis in die 2. Liga aktiv und kenn den Fußball aus allen Blickwinkeln aus dem Eff-Eff. Und weil er kein Blatt vor den Mund nimmt und weder den Fußball noch sich zu ernst, ist der Steinbacher erneut unser WM-Experte.

Aufgezeichnet

von Rüdiger Dittrich

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