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Es war einmal ein Scherbenhaufen

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Engagiert an der Linie, jetzt nicht mehr engagiert in Wieseck: Matthias Günther. © Bär

Gießen. Matthias Günther ist ein gradliniger Typ. Der 51-Jährige hat eine klare Vorstellung davon, wie man miteinander umgeht. Offen, ehrlich, sich auch unangenehme Wahrheiten »auf Augenhöhe ins Gesicht sagen und nicht hintenrum irgendwas machen und einen dann vor vollendete Tatsachen stellen.« Weil er aber das Gefühl hatte, dass das bei seinem Trainerjob beim Kreisoberligisten TSG Wieseck »zuletzt nicht mehr ehrlich war«, hat er am vorvergangenen Donnerstag seine Schlüssel abgegeben und einen Schlussstrich unter das annähernd dreijährige Kapitel gezogen.

Dabei geht es ihm um die Kommunikation des Trainerwechsels zu Stefan Frels/Martin Selmo, die im Sommer den aktuell in der Aufstiegsrunde spielenden Vorstadtverein übernehmen sollten. Und jetzt schon eingesprungen sind. Günther stellt klar: »Es geht nicht darum, dass man einen neuen Trainer holt, sondern wie man mit dem alten umgeht. Ich wurde von fremden Leuten angesprochen, ich wäre ja im Sommer kein Trainer mehr in Wieseck, in der Mannschaft gab es auch schon Gerüchte. Und ich wusste von nichts.« Er spricht vom November vergangenen Jahres. Dabei sagt er: »Ich hätte sowieso nach drei Jahren gesagt, lass uns überlegen, ob wir weitermachen. Da braucht man mal einen Tapetenwechsel. So war es von Jörg (Hildebrand, d. Red.) auch geplant: Gemeinsam Bilanz ziehen und dann entscheiden. Leider ist das nicht passiert.« So sei hinter seinem Rücken längst die Entscheidung gefallen gewesen, aber mitgeteilt wurde es ihm nicht.

Joachim Besier, Vereinsmitglied und seit vielen Jahren bei der TSG Wieseck engagiert und in Günthers Funktionsteam dabei, ist ein Mann des Ausgleichs und des konstruktiven Umgangs. Schon von Berufs wegen. Besier arbeitet seit 1995 als selbständiger Coach für Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung. Zudem war er jahrelang als Trainer bei seinem Stammverein SKG Rodheim-Bieber tätig und ist auch Mediator beim Hessischen Fußball-Verband. Das passt zum Thema, weil Besier einen einordnenden und wachen Blick auf die Situation hat. »Ich habe überlegt, ob ich bei dem Gespräch mit der Presse mit dabei sein sollte. Ich zeige nicht mit dem Finger auf Leute, aber was mir missfallen hat, ist diese Art, Menschen im Dunkeln zu lassen und die psychische Gesundheit der Mannschaft zu gefährden. Ich setze mich hier dazu, um Matthias den Rücken zu stärken, aber vor allem darauf hinzuweisen, dass man mit Menschen anders umgehen muss.«

Zur Vorgeschichte: Am 21. Dezember hatten Mannschaft und Trainer eine von Besier moderierte Online-Sitzung mit TSG-Macher Jörg Hildebrand, an der Deniz Solmaz, der mittlerweile nicht nur als Jugendleiter und Förderzentrum-Koordinator, sondern auch Sportvorstand fungiert, nicht teilnahm. »Da hatte die Mannschaft als Bedingung gesetzt, dass sich bei mir für die Art und Weise, wie ich von den neuen Trainern erfahren habe, nämlich hinten rum und erst viel zu spät, entschuldigt wird.«, sagt Günther. Das habe Jörg Hildebrand auch getan. In dieser Sitzung sei zudem jeder zu Wort gekommen und »danach habe ich gesagt, o.k., ich mache weiter bis zum Sommer, weil ich keine verbrannte Erde hinterlassen will und mir die Mannschaft am Herzen liegt.« Zu jenem Zeitpunkt hat aus Sicht Günthers die Gefahr bestanden, dass »das auseinanderbricht, einige Spieler wollten aufgrund des Umgangs mit ihnen und mir aufhören.«

Besier und Günther betonen, dass das eben kein Einzelfall sei: Denn, dass Matthias Günther überhaupt bei der TSG anheuerte, lag an der zum damaligen Zeitpunkt ebenso unklaren Demission von Benni Höfer, der von seiner Entlassung via Anruf von Deniz Solmaz auf der Rückfahrt vom Auswärtsspiel in Braunfels erfahren haben soll.

Danach trat die Mannschaft zurück, war im Prinzip nicht mehr vorhanden, die A-Jugend musste spielen. Auf nachdrücklichen Wunsch von Jörg Hildebrand wurde Matthias Günther Trainer. Der musste als gut vernetzter Ex-Spieler und Trainer »drei Monate lang von Pontius zu Pilatus laufen, um Spieler zu überzeugen, in Wieseck zu spielen.« Was ihm gelang. Seitdem »gibt es sportlich aus meiner Sicht« in den beiden Corona-Saisons und der aktuellen Runde »nichts zu bemängeln«, sagt Günther.

Was auch sein Torwarttrainer Marcus Lewerenz so sieht: »Ich war ja schon mit Benni Höfer in Wieseck. Damals ist die ganze Mannschaft zurückgetreten. Und als Matthias hingegangen ist, bin ich noch mal mit. Dass das jetzt wieder so abläuft, kann ich nicht verstehen. Die ganze Zeit war die Rede davon, wie dankbar man Matthias sei, dass er damals den Karren aus dem Dreck gezogen hat. Wenn ich aber wirklich dankbar bin, dann gehe ich auch offen und ehrlich mit ihm um.« Sehr stört Lewerenz, dass »die neuen Trainer sich vor dem Training der Mannschaft präsentieren sollten, wo der alte Trainer noch da ist. Ich bin lange im Geschäft, aber sowas habe ich noch nicht erlebt.«

Ähnlich sieht das Besier: »Ich weiß, dass Matthias auch schnell aus der Haut fahren kann, aber als ich am vergangenen Dienstag mitbekommen habe, wie mit ihm gesprochen wurde, kann ich nur sagen: das geht so nicht.« Da hatte Norbert Pleil, Finanzvorstand der TSG, Günther mitgeteilt, dass »wenn du mit der Zeitung sprichst und die TSG im schlechten Licht steht, gehen musst.« So sehen es Günther und Besier. Zudem sei ihm nahegelegt worden, die A-Junioren, die er künftig als Spieler zur Verfügung gestellt bekommen soll, immer einzusetzen. Günther: »Und was mache ich dann mit meinen Spielern, die ich geholt habe?« Der ehemalige Schwarz-Weiß-Kicker sah sich »die Pistole auf die Brust gesetzt. Ich lasse mir nicht diktieren, was ich mit wem zu sprechen habe und wen ich wie einsetze.« Besonders bitter stößt ihm auf, dass, »als es Deniz Solmaz nicht gepaast hat, mir mit Jugendlichen auszuhelfen, ich sogar in der letzten Saison ein Spiel in Obbornhofen absagen musste. Und jetzt bekomme ich, wo der Aufstieg möglich ist, auf einmal gesagt, wenn ich einzusetzen habe.« Joachim Besier schaltet sich ein: »Vertrauen entsteht durch gute Kommunikation. Mir hat in diesem Zusammenhang grundsätzlich die Ehrlichkeit gefehlt. Das macht auch was mit Menschen. Ich bin im Fairplay-Forum für den Hessischen Fußball Verband aktiv. Da heißt es: Fair verhält sich derjenige Mensch, der vom anderen her denkt, der Perspektivwechsel ist unendlich wichtig. Und da frage ich mich, was denkt eine Mannschaft, wenn sie hört, dass neun neue Spieler geholt werden und der neue Trainer sich vorstellt, wenn der alte noch da ist. Es hat mir komplett gefehlt, dass sich da in den anderen hineinversetzt wird. Und mir fehlt die Empathie.«

Das Ende vom Lied: Matthias Günther hat sofort aufgehört, sein Sohn Jean-Claude, Toptorschütze der TSG, auch. Auch Joachim Besier macht ab sofort nicht mehr weiter, wobei er im Dezember noch für sich entschieden hatte »bis 30. Juni voll dabei zu bleiben.« Der Mannschaft, sagt Günther, wünscht er, dass »sie sich belohnt und den Aufstieg schafft.« Matthias Günther und Joachim Besier sind unisono der Meinung, dass »der Verein in seiner Außendarstellung in einem schlechten Licht steht, auch weil es eine Kontinuität gibt, wie Trainer gehen müssen. Benni Höfer und ich stehen dafür. »

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