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»Extrem bitter«

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Vergebens gestreckt: Kendale Deshawn McCullum (links) und die Gießen 46ers unterliegen Bonn mit Lypovyy Oleksandr (rechts) nach großem Kampf. © Eibner

Bonn. Am Ende flossen bei Florian Koch die Tränen. Nicht, weil er sich darüber geärgert hatte, zwei von fünf Würfen aus der Nahdistanz vergeben und einen Dreier danebengelegt zu haben. Nicht, weil seine Jungs bei den Telekom Baskets Bonn die achte Niederlage im zehnten Spiel in Serie hatten quittieren müssen. Nicht, weil die Gießen 46ers kaum noch vor dem Abstieg aus der Basketball-Bundesliga zu retten sind.

Nein, den 30-Jährigen hatten im Interview mit seinem Namensvetter Stefan schlicht die Gefühle übermannt, als der Magenta-Mann ihn fragte, wie es sei, in die Heimat zurückzukehren.

»Meine Eltern sind da, meine Frau ist da, ich bin von so vielen wahnsinnig tollen Menschen umgeben, die mich auf meiner Reise begleiten«, versagte Koch die Stimme, als er sich an die Anfänge seiner Karriere erinnerte. Nämlich an jenen 12. Oktober 2011, als Flo Koch unter Stefan Kochs Bruder Mike Koch erstmals für die Männer vom Hardtberg im Oberhaus auflief. Beim 83:67 gegen - seinen jetzigen Club Gießen 46ers.

Dass der Small Forward dort, wo alles begann, wo er inzwischen ein altes Haus umgebaut hat, wo er eine Familie gründen und sesshaft werden möchte, ein paar Tränen verdrückte, ließ alle Beteiligten das knallharte Geschäft Abstiegskampf für einige Augenblick vergessen. Auch wenn die 72:78 (36:38)-Niederlage der Männer von der Lahn am Rhein schmerzte. Denn sie war unnötig, vermeidbar, ja vielleicht ungerecht.

35 Minuten lang hatten sie dem allerdings ohne seine Leistungsträger Tyson Ward (Knieverletzung), Jeremy Morgan (umgeknickt) und Parker Jackson-Cartwright (Trauerfall in der Familie) auflaufenden Tabellenführer Paroli geboten. Sie hatten sich nie abschütteln lassen, hatten unter den Brettern satte 41 Rebounds eingesammelt, hatten für ihre Verhältnisse gute zehn von 14 Freiwürfen versenkt, hatten stark verteidigt und hatten aus der Nahditanz brauchbar getroffen.

Als aber Hauptschiedsrichter Robert Lottermoser aus Bernau bei Berlin einem Korb des endlich einmal bärenstarken Centers Phil Fayne unverständlicherweise die Anerkennung versagte, Commissioner Horst Molitor nicht einschritt und der EuroLeague-Referee es nicht einmal für nötig befand, sich die Szene nochmals am Laptop anzuschauen, ward den 46ers der Stecker gezogen.

Statt sieben Minuten vor Schluss das Momentum auf seiner Seite zu wissen und mit 63:58 in Führung zu gehen, nutzen die Schützlinge des finnischen Trainer Tuomas Iisalo die Verärgerung der Gäste aus. Javontae Hawkins blies drei Dreier durch die verdutzten Gießener Gesichter, der Ex-46ers-Recke Karsten Tadda erhöhte, und Nationalcenter Michael Kesens machte den Deckel drauf. Statt im Abstiegskampf ein Zeichen zu setzen, standen die Gäste mit leeren Händen und der Erkenntnis, zum x-ten Mal in der Crunchtime den Überblick verloren zu haben, da.

»Diese Niederlage war extrem bitter«, wusste Center Tim Uhlemann, der nur einen seiner sechs Würfe in der Bonner Reuse hatte unterbringen können. »Wir waren im Spiel und hätten einen Erfolg auch verdient gehabt«, ärgerte sich Florian Koch. Und Coach Pete Strobl konstatierte: »Die Geschichte dieser Saison lautet, dass wir drei von fünf Sachen richtig machen, dass aber am Ende die zwei fehlenden Teile entscheidend waren.«

»Wir kommen halt aus einer Siegesserie und die Gießener eben nicht«, brachte Tuomas Iisalo den Abend am Rhein auf den Punkt. Für Bonn war es der achte Erfolg in Serie, für Gießen eben die achte Pleite in den vergangenen zehn Partien. Dass das Match an diesem Samstag (20.30 Uhr) gegen s.Oliver Würzburg nicht verloren werden darf, um über Ostern im Abstiegskampf ein kleines Fünkchen Hoffnung glimmen zu lassen, weiß der 44-Jährige: »Wir kennen die Situation und spüren den Druck. Auch wenn viele Menschen nicht mehr an uns glauben, werden wir bis zum Ende kämpfen. Mathematisch ist noch alles möglich.«

Natürlich auch gegen die Mainfranken, die als »Mannschaft der Stunde« in der Osthalle gastieren. Der Europe-Cup-Finalist des Jahres 2019 kommt mit der Empfehlung von sechs Siegen in Serie nach Gießen und hat damit den Sprung von den Abstiegsplätzen auf Platz elf realisiert. Mit elf Erfolgen hat die Mannschaft von Headcoach Sasa Filipovski, der kurz vor Weihnachten den ehemaligen 46ers-Übungsleiter Denis Wucherer ersetzte, nichts mehr dem Kampf um den Ligaverbleib zu tun.

Charles Callison (zehn Punkte im Schnitt), der schon in Dänemark und Schweden aktiv war, verhalf dem s.Oliver-Team zu mehr Stabilität. Small Forward und Energizer Desi Rodriguez (14 Zähler, fast sechs Rebounds) sowie Guard Cameron Hunt (13), der sich aus dem ProB-Team nach oben gearbeitet hat, machten zuletzt ebenfalls auf sich aufmerksam. Insgesamt verfügt Würzburg über einen sehr ausgeglichenen Kader, so dass Spieler wie Uru Luciano Parodi, der ehemalige Australian-Rules-Footballer Craig Moller oder Weltenbummler William Buford jederzeit auch von der Bank aus Verantwortung übernehmen können.

Verantwortung, die den 46ers in dieser Saison besonders in der Crunch-Time stets abhanden kommt. Auch am Mittwoch in Bonn ...

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