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Fast schon volljährig

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»Da haben wir besser gespielt, als es das Ergebnis am Ende aussagt«, beschreibt BW-Trainer Sven Biedenkapp den 1:5-Hinrundenabschluss seiner Truppe beim FC Besa. Hier versucht der blau-weiße Johannes Hesse (l.) den Ball vor Maliq Berisha zu erobern. Foto: Bär © Bär

Seit bald 18 Jahren geht die SpVgg. Blau-Weiß Gießen ununterbrochen in der Fußball-Kreisliga B an den Start. Von einem Aufstieg träumen sie an der Ringallee aber nicht unbedingt.

Gießen. Ob eine Runde Joggen, mit den Kindern auf einen der umliegenden Spielplätze, mit dem Fahrrad auf die nigelnagelneue Pumptrack-Anlage oder auf einen Abstecher in die nahegelegene Strandbar (ohne Strand versteht sich): Wer dem Stadtpark Wieseckaue einen Besuch abstattet, der kommt zwangsläufig am Hartplatz samt dem Gebrüder-Garth-Vereinsheim der SpVgg. Blau-Weiß Gießen vorbei. Stolz sind sie hier auf ihr kleines Gelände, das wie kaum ein anderes im gesamten Stadtgebiet so idyllisch an der Ringallee gelegen ist. »65 Jahre Vereinssport in der Nordstadt - Rentenalter erreicht, aber in Rente geh’n wir nicht!« steht auf dem Titelblatt der vereinseigenen Infobroschüre geschrieben. Gemessen an der Zugehörigkeit in der Kreisliga B sind die Fußballer aber noch nicht einmal volljährig.

Seit Sommer 2005, nachdem zuvor der Klassenverbleib in der klassenhöheren A-Liga nur knapp verpasst wurde, spielen sie nun schon im (derzeitigen) Gießener Fußball-Unterhaus. Wagt man einen Blick in die Vereinschronik, ist die B-Liga seitdem mehr geworden als nur die sportliche Heimat. B-Liga und Blau-Weiß - irgendwie passt das. Obwohl die Ringallee-Kicker seit Vereins(neu)gründung im Frühsommer 1965 regelmäßig zwischen A- und B-Liga pendeln - 1997 gelang sogar kurzzeitig der Gang in die damalige Bezirksliga -, so beständig wie aktuell waren sie noch nie. Zwar landete man 2006 noch einmal auf einem dritten bzw. 2014 auf einem vierten Rang, näher als jene Positionierungen kamen die Blau-Weißen der Kreisliga A aber nicht mehr. Seitdem haben sie sich nur eher im Tabellenmittelfeld etabliert, sondern sich sogar mit der B-Liga arrangiert und abgefunden. »Mehr ist aktuell auch gar nicht drin. Wir sind hier schon sehr gut aufgehoben«, schätzen Trainer Sven Biedenkapp, Spielausschuss Norbert Matt sowie der 2. Vorsitzende Helmut Appel die Lage unisono realistisch ein.

Der Grund hat ein Gesicht, das im Fußball im besten Falle eher grün denn braun oder gar grau sein sollte: der Platz. »Schade, dass die Stadt während der Landesgartenschau nicht reagiert hat, hier einen Kunstrasenplatz anzulegen«, schaut Coach Biedenkapp auf die im Sommer 2014 durchgeführte Veranstaltung in Gießens grüner Lunge zurück. Wäre dem so gewesen, ist sich der Übungsleiter sicher, stünde die SpVgg. längst wieder eine Etage höher (»Weil hier einfach sehr gute Arbeit geleistet wird.«). Damals war sogar ein zwanghafter Umzug von Blau-Weiß an die Grünberger Straße im Gespräch. Dieser wurde zwar vollzogen, aber eben nur zeitweise. Seit 2015 dürfen sie wieder auf ihrem angestammten Platz kicken, statt eines neuen grünen Untergrunds gab es aber ein neues Vereinsheim. Immerhin.

Eine Frage der Mentalität

Doch so schmuck die neuen vier Wände auch sein mögen, das Geläuf ist es eben nicht. »Und nun versuche mal, Spieler für einen Hartplatz zu motivieren«, beschreibt der Trainer die Misere, in der sich der kleine, bodenständige Club seit vielen, vielen Jahren befindet. Die Landesgartenschau wäre da die ideale Gelegenheit gewesen, nicht nur Blumen neu einzubetten. »Aber«, wendet sogleich Norbert Matt vom Spielausschuss postwendend ein, »irgendeine Schuld wollen wir der Stadt nicht in die Schuhe schieben.« Stattdessen stellt er die im Fußball mittlerweile sehr beliebt gewordene Mentalitätsfrage - mit dem Zusatz: »Sehr viele Spieler sind weich geworden.« Einem Punkt können sie sich an der Ringallee aber sicher sein: Der Hartplatz betreibt eine eigene, spielerische Auslese. Die, die dennoch da sind, sind vielleicht nicht die besten ihres Fachs, passen dafür aber menschlich wie die Faust aufs Auge zum Verein. »Sie sind wegen der Gemeinschaft bei uns«, beschreibt es Helmut Appel passend. »Und weil wir hier eine Toplage haben«, ergänzt Norbert Matt, »ein wichtiger Grund, dass wir überhaupt noch am Spielbetrieb teilnehmen können.«

Doch ist auch dieser mehr und mehr schwierig durchführbar. Zwar steht die Truppe mit etwa 20 Kaderspielern mehr oder weniger auf soliden Füßen, doch werden die Leute, die sich abseits des Platzes für den Verein die Hände schmutzig machen wollen, immer weniger. Abstreuen, Platzpflege, Freiwillige »um das Fähnen zu heben« (Norbert Matt), Mannschaftsbetreuer - die Aufgabenbereiche sind weit gefächert, das Team hinter dem Team ist aber ausgedünnt. »Das ist aber nicht nur hier so«, ordnet Coach Biedenkapp das allgemeine Dilemma im Amateursport ein. Mittelfristig in die Zukunft schauen, das will (verständlicherweise) bei Blau-Weiß niemand so richtig. »Unser Ziel ist es, immer in der oberen Hälfte zu sein, Platz sechs muss immer drin sein, eher Platz vier«, lässt Norbert Matt dann aber doch aus sich herauskitzeln. Und: »Man muss sich auch fragen, was ein Aufstieg bringt«, wirft Biedenkapp ein und erläutert: »Es ist dennoch nicht leichter, an Spieler zu kommen.« Und verweist dabei (wieder) auf das Platzproblem. »Dann stehe ich mit derselben Mannschaft auf dem Feld und bekomme vielleicht sogar ständig die Hütte voll. Dann hat man auch schnell keine Lust mehr.« Es mache manchmal eben mehr Spaß, unter den ersten Fünf in der B-Liga zu kicken, als um Platz 17 oder 18 in der A-Liga.

Ein Aufstieg, so das Trio, werde aber natürlich immer gerne mitgenommen. Mit dem eingangs erwähnten Zusatz: »Wir sind hier schon sehr gut aufgehoben.« Bis zum Rentenalter dauert das aber hoffentlich nicht.

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Viel Grün und immer viel los: Das idyllisch gelegene Gelände von Blau-Weiß im Gießener Stadtpark. Foto: PeB © PeB

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