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Flagge zeigen in Israel

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Verteidigen und den gegnerischen Quarterback unter Druck setzen gehören zu Heiko Krämers Spezialitäten. Diese sind auch bei der WM in Istael gefragt. © Krämer/Scaccia

Gießen. Heiko Krämer hat es eilig. Er ist auf dem Sprung Richtung Flughafen. Weg aus dem verregneten und grauen Gießen. Weg von den kalten Temperaturen. Und doch fliegt Heiko Krämer nicht in den Urlaub. Stattdessen wartet auf den 30-Jährigen die Weltmeisterschaft im Flag Football, die vom 6. bis zum 8. Dezember in Jerusalem ausgefochten wird.

Dabei ist der Wahl-Gießener - der an der THM immatrikuliert ist - eher durch Zufall zu dem Sport gekommen, der trotz steigender Football-Beliebtheit in Deutschland noch eher ein Nischen-Dasein fristet. »Durch Freunde habe ich 2012 in meiner Heimat mit dem bekannteren American Football angefangen«, blickt Krämer zurück. Sein erster Versuch, in einem Studium Fuß zu fassen, lockt ihn nach Frankfurt. In der Mainmetropole schließt er sich der damals noch in der GFL2 beheimateten Frankfurt Universe an. Und doch hängt er bereits 2018 seine Schutzkleidung - Schulterpolster und Helm - wieder an den Nagel. Die Leidenschaft zum Flag Football ist geboren.

Unterschiede zum »Großen Bruder«

In dieser Variante des Sports wird auf Körperkontakt weitestgehend verzichtet. Es gibt keine Tackles, keine Sacks, keine Hits, keine Offense- und keine Defense-Linemen. Gegnerische Spielzüge werden mit dem Ziehen der Flaggen, die sich an den Taillen der Spieler befinden, beendet. Die Vorteile liegen auf der Hand: Schwere und zumeist teure Schutzkleidung sind überflüssig; der kontaktlose Sport verringert das Verletzungsrisiko, wodurch auch jüngere Personengruppen angesprochen werden. Zudem sind weniger Spieler pro Mannschaft nötig. Sind beim American Football elf Akteure pro Team auf dem Feld, sind es beim Flag Football - je nach Variante - nur fünf, sieben oder neun. »Außerdem ist das Spiel schneller«, meint Krämer. »Da es keine Offense-Line gibt, muss der Quarterback den Ball viel schneller loswerden. Es gibt viel mehr weite Pässen, das Spiel ist dynamischer, während beim herkömmlichen Football gerne auch mal wenig passiert.« Gespielt werden zweimal 20 Minuten, das Spielfeld ist zudem verkleinert.

Auch in Sachen Ballbesitz gibt es zum American Football Regelabweichungen. Statt in vier Versuchen zehn Yards nach vorn zu kommen, muss in vier Versuchen die Mittellinie erreicht werden. In weiteren vier Versuchen schließlich die Enzdone. Gekickt wird nicht. Nach gescheiterten vier Versuchen bekommt automatisch der Gegner an der eigenen Fünf-Yard-Linie das »Ei«.

Mit seinem Heimatverein, den Walldorf Wanderers, ist Heiko Krämer seit 2018 fünfmal Deutscher Meister geworden. Tendenz weiter steigend, sind die Wanderers im Flag Football immerhin das deutsche Aushängeschild. Auch bei internationalen Turnieren ist der 30-jährige Verteidiger am Start - sowohl mit den Wanderers als auch mit der Nationalmannschaft.

Wie eben nächste Woche in Israel. Bereits am Samstag geht der Flug in den Nahen Osten. Neben Deutschland streiten sich 20 weitere Nationen um den Titel - aufgeteilt in drei Fünfer- und einer Sechsergruppe. Neben den Gastgebern trifft die deutsche Auswahl auf Finnland, Mexiko, die Slowakei sowie Thailand. »Unser Ziel ist auf jeden Fall das Viertelfinale«, gibt Jan Krämer die Marschroute vor. Dafür ist ein Platz unter den besten Zwei der Gruppe D zwingende Voraussetzung. »Was danach kommt, wird man sehen. Ein Platz auf dem Podium wäre natürlich toll.« Dafür müssten Krämer und Co. aber an Österreich, Dänemark und natürlich den USA vorbei. Die vergangenen drei Weltmeisterschaften gingen allesamt an die US-Boys.

Blick geht nach Los Angeles

Ein weiterer, wichtiger Aspekt beim Erreichen der K.o.-Runde: »Erreichen wir das Viertelfinale, qualifizieren wir uns für die World Games im kommenden Jahr.« Vielleicht gelingt es dem Flag Football in Birmingham im US-Bundesstaat Alabama, für diesen Sport eine Visitenkarte Richtung Olympische Sommerspiele 2028 in Los Angeles abzugeben. »Das wäre natürlich eine großartige Sache«, so Krämer, der aber auch weiß, dass er im Falle des Falles mit dann 37 Lenzen auf dem Buckel wohl eher nicht mehr zum Personal gehören würde. »Egal. Als ich von dieser Chance erfahren habe, habe ich direkt eine Gänsehaut bekommen.«

Bis dahin ist es aber freilich noch ein langer Weg. Zunächst liegt der Fokus klar auf die anstehende Weltmeisterschaft in Jerusalem. Aufgrund der Corona-Pandemie gibt es aber ohnehin nicht viele Möglichkeiten zur Ablenkung. Die Maßnahmen sind streng, alle Teams und Sportler befinden sich in einer »Bubble« mit regelmäßigen PCR-Tests. Lediglich die Teambetreuer dürfen hin und wieder aus der Blase ausbrechen. Aber zum Urlaubmachen fliegt Heiko Krämer ja ohnehin nicht nach Israel.

Einzelne Spiele der Flag-Football-Weltmeisterschaft in Israel werden auf der offiziellen Website flagworld21.com im Livestream übertragen, darunter die Partien der deutschen Auswahl gegen Mexiko (6. Dezember, 13 Uhr) und Israel (7. Dezember, 11.45 Uhr). Zusätzlich gibt es neben dem Männer- auch ein Frauen-Turnier. Dort trifft Deutschland in der Vorrunde zunächst auf Österreich, Mexiko und die Schweiz.

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