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Flinke Finger und harte Attacken

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Von: Alexander Fischer

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Gelitten, gekämpft, gewonnen: Luis Elias Figge und die Gießen 46ers holen in Leverkusen einen wichtigen Sieg. Foto: Schepp © Schepp

Leverkusen. Roland Nyama lag auf dem harten Betonboden im Kabinengang und krümmte sich in der Obhut von Physio Ronald Delius vor Schmerzen. Erst hatte ihn Jose de Oliveira übel getackelt, dann wurde er von Kadre Gray beim Tempogegenstoß so brutal abgeräumt, dass der kleine, aber sprunggewaltige Kanadier froh sein konnte, von den Refs nicht disqualifiziert worden zu sein.

Gerade hatte die Crunchtime in der Ostermann-Arena im Schatten des riesigen Leverkusener Fußballstadions begonnen, als Roland Nyama auszufallen drohte. Mit 79:76 (36.) lagen die Gießen 46ers vor nur 1025 Zuschauern nach einer gefühlten Ewigkeit endlich bei den Bayer Giants mal wieder in Führung, die sie beim 5:2 (2.) durch Nico Brauners Dreier letztmals inne hatten. Nach dem fünften Foul Nico Brauners und weiter ohne den Deutsch-Kameruner, der sich inzwischen einen Hoodie übergestreift hatte und schweren Schrittes auf die Bank zurückgekehrt war, schien den Gästen aber die drittletzte Vorrunden-Partie der 2. Basketball-Bundesliga noch aus den Fingern zu gleiten.

Als das hart umkämpfte Match beim 86:86 durch einen Dreier von Haris Hujic sechs Sekunden vor der Sirene in die Verlängerung ging, beorderte Trainer Branislav Ignjatovic seine Nummer 24 wieder auf das Feld. Roland Nyama winkte hektisch ab, »Frenki« aber ließ sich nicht beirren: »Wir brauchen dich«, wurde der Coach laut.

Sein Powerforward lugte erschrocken aus einer Kapuze hervor und spurte. Er biss auch die restlichen fünf Minuten noch auf die Zähne, versenkte zwei Freiwürfe zum vorentscheidenden 97:91 acht Sekunden vor dem Ende und war sich schließlich der lobenden Worte seines Mentors sicher: »Roland hat heute endlich das gezeigt, was ich von ihm schon seit Sommer erwarte.« Dass er am Sonntag (16 Uhr) gegen die ART Giants Düsseldorf auflaufen wird, daran ließ der sichtlich Geschundene keine Zweifel: »Mir tut links zwar alles weh und ich habe schwere Prellungen«, legte der 29-Jährige die Stirn in Falten. »Aber ich bin ein erwachsener Mann, und deshalb laufe ich natürlich auf!«

Roland L’Amour Nyama verkörperte am Mittwochabend am Rhein jene Tugenden, die die 46ers schon über weite Strecken der Saison auszeichnen und die auch in Leverkusen wieder zum Tragen kamen: Einsatz, unbändiger Wille bis zum Schluss sowie Eiseskälte in den entscheidenden Situationen.

»Wir hatten heute die Eier, die notwendig sind, um einen solchen Fight zu überstehen«, freute sich Luis Figge über den 97:93-Sieg in der Overtime an seiner alten Wirkungsstätte. Und Nico Brauner ergänzte: »Wir sind stets bei uns geblieben und lagen immer auf der Lauer.« Was aber schwer fiel. Denn: »Es war ein echt krasser Fight. Ich habe Kratzer und blaue Flecken an allen Ecken und Enden«, durfte auch Luis Figge die eine oder andere Erinnerung mit in die Nacht nehmen. Ebenso wie Stefan Fundic: »Ich kann meinen Kopf kaum drehen«, hatte der Gießener Big Man einen üblen Hieb von Jose de Oliveira gegen den Hals abbekommen und eins, zwei Minuten um Luft gerungen.

Es waren Attacken, durch die sich die Gäste im Duell der Altmeister aber nicht von ihrem Weg abbringen ließen. Und am Ende die Oberhand behielten, weil sie die Grundelemente des Basketballsports verinnerlicht hatten. Wer »mit flinken Fingern und schnellen Beinen«, wie es Nico Brauner formulierte, den Gegner stets bearbeitet, wer unter dem gegnerischen Korb das einsammelt, was die Mitspieler versemmelt haben, und wer sich im eigenen Ballvortrag die wenigsten Patzer erlaubt, der kommt nun mal zu vielen Würfen.

»Deshalb haben wir auch verdient gewonnen«, strahlte ein sichtlich mitgenommener und wie immer patschnass geschwitzter »Frenki« Ignjatovic über einen gelungen Jahresauftakt. »Wir hatten 18 Offensiv-Rebounds, 15 Steals und haben 20 Schüsse mehr abgefeuert als Leverkusen. Dass wir mit solchen Werten überhaupt in die Verlängerung müssen, ist ein Unding. Wir haben verdient gewonnen, das zeigt die Statistik eindeutig.«

In die gleiche Kerbe schlug auch Leverkusens Coach Hansi Gnad, der zu viele einfache Fehler seines Teams gesehen hatte. Durch die in dieser Woche getätigten Nachverpflichtungen von Center Jose de Oliveira (Rostock Seawolves) sowie des zuletzt in den USA aktiven Ex-Rackelos Nick Hornsby, der sich mehrere Wortgefechte mit den rund 100 mitgereisten 46ers-Fans geliefert hatte, hofft Gnad jedoch auf einen Schub im Abstiegskampf: »Aus diesem Loch, indem wir uns zur Zeit befinden, kommen wir wieder raus.«Die 46ers aber feierten einen allerdings hart erkämpften 97:93-Erfolg, der ihnen im Ringen um die begehrten Playoff-Plätze zunächst einmal Platz vier im Tableau beschert. Weil Regisseur Jordan Barnes zwar aus dem Feld Treffsicherheit vermissen ließ, er sich aber - erst recht in der Verlängerung - von der Freiwurflinie (12 von 14) recht sicher zeigte. Weil Nico Brauner und Luis Figge prächtig verteidigten und besonders im dritten Viertel mit zahlreichen Ballgewinnen dafür verantwortlich zeichneten, dass aus einem 45:53-Rückstand (24.) kein Debakel wurde.

Weil Stefan Fundic die langen Dejan Kovacevic, Jose de Oliveira und Marc-André Fortin mehrfach in der Telefonzelle frisch machte. Weil Justin Martin seine ansonsten hohe Foulbelastung im Griff hatte. Und weil 13 gegenüber 20 Turnovers von Leverkusen sowie 15 gegenüber vier Ballgewinnen in des Gegners Halle die Grundlage allen Erfolges bedeuten.

»So kann es weitergehen«, hatte Roland Nyama trotz großer Schmerzen am Ende wieder ein Lächeln auf den Lippen.

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