1. Startseite
  2. Sport
  3. Lokalsport

Fremdeln geht anders

Erstellt: Aktualisiert:

gispor_1003_hsg_110322_4c
Und wieder in der Fremde gefordert: Lenny Rubin muss mit der HSG Wetzlar nach Lemgo. © Ben

Wetzlar. Die Talbrücke Rahmede war vor wenigen Monaten noch so bekannt wie das Radwegenetz in der inneren Mongolei. Nun aber ist die Brücke an der A45 bei Lüdenscheid kaputt. Und nun kennt diesen Betonbrocken namens Rahmede jeder. Zumindest jeder Autofahrer, der von Mittelhessen ins Ruhrgebiet fahren will. Denn das geht nur noch über nervige und langwierige Umwege.

Na klar: Weil Rahmede nicht befahrbar ist.

Und so wird auch der Busfahrer der HSG Wetzlar seinen Routenplaner genau befragen, wie er die heimischen Bundesliga-Handballer am Sonntag am besten zum TBV Lemgo befördert. Drei Stunden dauert nun die Fahrt für die gerade mal 210 Kilometer. Drei Stunden auf ödem Asphalt. Drei Stunden für die Mannen von Trainer Ben Matschke, die die dritte Auswärtsfahrt in Folge bestreiten müssen.

Denn der Spielplan ist kein grün-weißes Gemälde. Der Spielplan der Handball-Bundesliga meint es in diesen Wochen nicht sonderlich gut mit der HSG Wetzlar bei diesem beschwerlichen Auswärts-Hattrick. Gut wiederum hat die grandiose Überraschungsmannschaft dieser Saison die ersten zwei Aufgaben in der Fremde bewältigt. »Die beiden Spiele«, freut sich auch der Coach, »liefen wirklich sehr gut.«

Dem 30:27-Husarenstreich bei den Rhein-Neckar Löwen folgte das achtbare 26:26-Remis beim TBV Stuttgart. Fremdeln geht anders. Dauerhaftes Fremdeln wiederum schlaucht. Schlaucht die eh schon überspielten Mannen um den bärenstarken Spielmacher Magnus Fredriksen.

Nicht nur das Kilometer-Fressen auf den Autobahnen kostet Kraft, die viele Akteure spätestens seit der Europameisterschaft kaum noch haben. Sondern auch das Erbringen von Topleistung auf Topleistung mit einem durchaus dünn gestrickten Kader. Mit Olle Forsell Schefvert fehlte zuletzt noch dazu der Abwehrorganisator.

Doch schon folgt die gute Nachricht für die Aufgabe am Sonntag: »Olle und auch Ole Klimpke stehen wieder zur Verfügung«, sagt Ben Matschke, »das macht unser Spiel natürlich variabler.« Zudem taten zwei freie Tage der Mannschaft gut, die ihrem Trainer in dieser Woche im Training richtig Freude bereitete. Aber fitte Spieler, ein kompletter Kader und reine Vorfreude garantieren am Sonntag noch lange keine Punkte. »In Lemgo wird eine gute Leistung nicht ausreichen. Wir werden sehr gut spielen müssen«, weiß Matschke um die Stärke des TBV.

Der Pokalsieger trumpfte am Dienstag in der European League groß auf und bezwang das dänische Spitzenteam GOG Gudme mit 39:35. »Das«, so lobte TBV-Trainer-Urgestein Florian Kehrmann, »war eine gute Performance von allen Spielern.« Und sein sonntäglicher Gegenüber weiß auch, wie der Aufwärtstrend der Ostwestfalen zu erklären ist: »Bei Lemgo sind nun viele zuvor verletzte Spieler zurückgekehrt. Die verfügen über einen sehr, sehr breiten Kader«, erklärt Matschke.

Und klar: Beim Aufzählen der Stars des Pokalsiegers schnalzen Handball-Fans sowieso schon laut mit der Zunge. Der Däne Jonathan Carlsbogard ist ein Rückraum-Ass der Extraklasse. Die spanischen Gideon-Brüder können genauso wie der wiedergenesene Tim Sutton eine Mannschaft im Alleingang nach vorne pushen. Und Bjarki Mar Elisson trifft in jeder Partie zweistellig so regelmäßig wie Schalke 04 die Trainer wechselt. »Die erste Sechs von Lemgo ist schon extrem stark. Diehaben ein tolles Umschaltspiel und kommen viel über die Außen«, lobt Matschke den Gegner. Um fast im gleichen Atemzug zu versichern: »Wir haben natürlich einen Plan, wie wir dort bestehen.« Und mit taktischen Plänen wusste der HSG-Trainer bereits die Löwen und die Schwaben zuletzt zu verblüffen. Man darf gespannt sein, welche Kniffe am Sonntag zu bewundern sind. Denn noch einmal mit den Worten Matschkes: Eine gute Leistung wird in Lemgo nicht ausreichen. Sehr gut muss gespielt werden.

Nur dann werden die Grün-Weißen die Rückfahrt an der maroden Talbrücke Rahmede vorbei auch in bester Stimmung hinter sich bringen.

Auch interessant