1. Startseite
  2. Sport
  3. Lokalsport

Für Lily Reimöller geht es Schritt für Schritt gen Bundesliga

Erstellt: Aktualisiert:

gispor_1903_reimoeller1_1_4c
Bundesliga-Debüt mit 16: Lily Reimöller. © Kappes

Die Grünbergerin gibt mit gerade einmal 16 Jahren ihr Bundesliga-Debüt für die Frauen der SGS Essen.

Gießen/Essen . Am Sonntag vor einer Woche hatte sie mal wieder hessischen Boden unter den Füßen, oder besser: hessischen Rasen. Zwar wurde Lily Reimöller beim Spiel der SGS Essen gegen die Frankfurter Eintracht nicht eingewechselt, aber auch diese Erfahrung nimmt sie mit und dankbar an. »Da alleine schon dabei zu sein, ist toll, da nimmt man soviel mit, die Entwicklung geht ja auch so schon rasend schnell.«

Das kann man so sagen, wenn man den Werdegang der gerade einmal 16-jährigen Fußballerin auf sich wirken lässt. Es scheint noch nicht allzu lange her zu sein, da tat die Tochter des Verbandssportlehrers am DFB-Stützpunkt Grünberg, Dirk Reimöller, ihre ersten Schritte in Stollenschuhen, spielte mit viel Eifer und noch mehr Talent in der Jugend der JSG Grünberg. Wobei nicht lange verborgen blieb, welch »fußballerisches Juwel« (Homepage der SGS Essen) da bereits funkelte. Für die TSG Wieseck machte sie in der C-Junioren-Regionalliga den männlichen Mitspielern ordentlich Beine, ehe sie zum SC Freiburg wechselte, in dessen Nachwuchsleistungszentrum sie auch die Schwierigkeiten der Corona-Zeit mit in ihre sportliche und persönliche Entwicklung integrieren musste. »Step-by-step« ging es weiter, kam der Wechsel aus Süddeutschland zum Frauen-Bundesligisten SGS Essen, bei dem sie im Sommer 2021 einen Dreijahres-Vertrag unterschrieben hat, längst als etablierte U17-Nationalspielerin mit mittlerweile 14 Länderspielen in den jungen Beinen.

Debüt in Sinsheim

Und dann war da schließlich der große Moment vor fünf Wochen. Essens Trainer Markus Högner beorderte sie von der Bank zum Warmmachen. Und ein paar Minuten später lief die junge Frau mit der Nummer 8 energisch auf den Platz des Dietmar-Hopp-Stadions in Sinsheim. Das Bundesliga-Debüt für Lily Reimöller gegen die ambitionierte TSG Hoffenheim. »Das ging alles so schnell und automatisch, dass ich erst auf der Rückfahrt realisiert habe, was da passiert ist«, erzählt die ungeheuer zugewandte und für ihr Alter außerordentlich abgeklärt wirkende Neu-Bundesliga-Spielerin. »Das dauert ein bisschen, ehe man versteht, dass da der nächste Kindheitstraum in Erfüllung gegangen ist.«

Zweimal schon, könnte man ergänzen. Denn auch im Spiel gegen Turbine Potsdam, zum großen Kino des deutschen Frauenfußballs gehörend, war die Abwehrspielerin eine Halbzeit lang am Ball.

Die feine Dosis macht es. Und das ist das, was sie auch nach Essen zur SGS gezogen hat, denn »hier wird sehr viel wert auf die Entwicklung der jungen Spielerinnen gelegt. Man wird nicht überfordert, aber schon gefordert. Und es ist unheimlich familiär und angenehm, mit ganz vielen tollen Menschen, die ehrenamtlich um den Verein herum alles am Laufen halten.« Zudem sei die SGS Essen einer der wenigen Bundesligaclubs im Frauenfußball, »die nicht an der Männerabteilung dranhängen. Es ist wie ein geschützter Raum, in dem man sich richtig gut entwickeln kann.»

In Essen zurück zu den Wurzeln

Klingt ganz so, als habe da jemand seine Heimat gefunden. Lily Reimöller hat zwar die längste Zeit ihres Lebens im Mittelhessischen verbracht, aber Essen ist für die junge Frau schon so etwas wie ein Zurück zu den Wurzeln. Denn Reimöller wurde 2005 in Gelsenkirchen geboren, Vater Dirk trainierte, als Lily drei Jahre war, für zwei Jahre die U17 des FC Schalke 04.

Da Lily Reimöllers Großeltern in Bochum wohnen und die ältere Schwester Lena dort ebenfalls studiert, gibt es kurze Wege vom familiären Verein in ein ganz familiäres Umfeld. Ansonsten wohnt Reimöller im »Sport- und Tanzinternat Essen«, hat dort einen von Schule und Sport geprägten und zeitlich eng getakteten Tagesablauf. Da kommen die Auszeiten bei den Großeltern durchaus mal ganz recht.

Zumal Lily Reimöller, die im vergangenen Oktober eine Knie-OP über sich ergehen lassen musste, »da bin ich aber auch nach der Reha reibungslos rausgekommen«, noch die Herausforderung mit der U17-Nationalmannschaft in ihr Leben zu integrieren hat.

So ist sie beispielsweise an diesem Wochenende in Düsseldorf, um sich dort auf ein Qualifikationsturnier für die Europameisterschaft vorzubereiten. Und von Düsseldorf geht es am Montag dann auch für zehn Tage in den Kosovo, wo das Gastgeberland, Slowenien und Österreich (»sicher der stärkste Gegner«) im Drei-Tages-Rhythmus als Turnier-Kontrahentinnen warten.

Was wiederum bedeutet, dass die U17-Nationalspielerin morgen im für den Klassenerhalt immens wichtigen Bundesligaspiel gegen Werder Bremen nicht am Ball sein kann. »Da fiebere ich schon mit und drücke die Daumen, das ist für mich schwerer, als dabei zu sein«, erzählt das Fußballtalent, das augenscheinlich auch ein großes Talent besitzt, sich auf Aufgaben zu konzentrieren und, wie Trainer Högner sagt, »schon sehr große Führungsqualitäten mitbringt.«

Mit U17 im Kosovo

Das will sie dann auch im Kosovo unter Beweis stellen: »Da dürfen wir keinen Gegner auf die leichte Schulter nehmen, wenn wir uns qualifizieren wollen«, erklärt Reimöller, deren Tross übrigens von zwei Lehrern begleitet wird, die darüber wachen, dass trotz Quali-Stress der Lernstoff nicht zu kurz kommt. Bedauerlich findet die junge Frau, dass sie aufgrund der Coronapandemie vermutlich nicht viel von Land und Kultur mitbekommen wird, freut sich aber gleichwohl auf die nächsten Länderspiele und die damit verbundene Herausforderung.

Dirk Reimöller hat die Entwicklung seiner Tochter sozusagen doppelt im Blick, »aus Vatersicht und aus Talentförderersicht. Der Schritt nach Essen hat ihr gut getan, weil sie da einen Trainer hat, der junge Spielerinnen gezielt aufbaut und fördert. Außerdem ist es sehr gut für Lily, in der Nähe ein familiäres Umfeld zu haben.« Freiburg sei da schon recht weit vom Schuss gewesen. »Und Lily ist auf Kohle geboren, sie hat schon ein wenig die Ruhrpott-Mentalität«, sagt Dirk Reimöller mit Augenzwinkern, aber durchaus auch ernst gemeint. Die ersten Bundesliga-Einsätze nennt der 55-Jährige - ganz Fußball-Lehrer - »weitere wichtige Entwicklungsschritte, denen noch viele folgen werden.«

Am vergangenen Sonntag war Dirk Reimöller auch in Frankfurt, wenn denn die Tochter schon mal in Hessen aufläuft, lässt er sich das nicht entgehen. »Das letzte Mal war ich in der Winterpause in Grünberg«, erzählt Lily Reimöller, die sich auf Ostern freut, wenn sie »Eltern, Hund und ehemalige Mitschüler mal wieder treffen« kann. Aber jetzt geht’s nach Düsseldorf, dann in den Kosovo, dann weiter in der Bundesliga. Tief im Westen - auf Essener Boden.

Auch interessant