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Fußball in Zeiten des Krieges

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Gießen . »Es geht ums nackte Überleben.« Dieser Satz wurde nach dem Regionalliga-Spiel gegen den VfR Aalen von Gießener Seite in die Blöcke diktiert. Ein ganz normaler Satz. So oder so ähnlich fällt er an jedem Wochenende im Sport. Wenn es gegen den Abstieg geht und die Saison sich dem Ende entgegenneigt. Ganz selbstverständlich ist dann auch vom Kampf gegen den Abstieg oder dem Kampf um den Klassenerhalt die Rede.

Warum auch nicht, könnte man fragen? Vor dem Spiel des FC Gießen gegen den VfR Aalen hatten sich beide Mannschaften rund um den Anstoßpunkt zu einem Halbkreis aufgestellt, FC-Notvorstand Turgay Schmidt eine Rede im Namen auch seines VfR-Vorstandskollegen gegen den »Überfall auf die Ukraine« und für den Frieden gehalten. Der Rest war Schweigen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Was bedeutet aber der wahre Sinn eines Wortes? Die Diskussion, mit welchem Vokabular man den Sport oder besser Aktionen im Sport beschreiben kann oder darf, ist wahrlich nicht neu. Zuletzt war es vor 20 Jahren während des Irakkriegs, als wir uns in der Redaktion die Frage stellten, ob der knallharte Torschuss, eine Granate oder gar eine Bombe im Winkel einschlagen darf?

Und immer dann, wenn, wie jetzt in der Ukraine, der Schrecken so klar und deutlich zutage tritt, steigt auch die Sensibilität für eine Sprache, die uns sonst als normal, zumindest aber nicht ungewöhnlich oder anstößig vorkommt. Weil wir jedes Wort ja tatsächlich dem Kontext zuordnen, in dem wir es verwenden.

Der Schuss eines Panzers auf ein Gebäude ist nunmal nicht der Schuss eines Fußballers, der das Tor anvisiert. In seiner extremen Ausprägung erscheint einem der Sprachgebrauch aber doch unpassend. Und dass wir das so empfinden, ist auch gut so. Denn abgesehen davon, dass manches Bild ruckzuck in Schieflage gerät, nicht passend ist, bestimmt (nicht nur die) Sportberichterstattung sehr häufig ein denkbar unreflektierter und unsensibler Sprachgebrauch.

Schieflage

Aber ist das tatsächlich ein Problem? Oder doch nur die Problematisierung eines Sachverhaltes, den man nicht so eng sehen sollte? Schließlich wird sich auf Kriegsmetaphorik in der Fußballsprache immer gerade dann eingeschossen (sic!), wenn der Sensibilität durch den real existierenden Krieg und der daraus erwachsenden Bilderflut auf die Beine geholfen wird. Man merkt auf, wird im wahrsten Sinne des Wortes aufmerksam. Da kann man schon froh sein, dass die ansonsten oft unschöne Verdenglischung aus dem Schlachtenbummler mittlerweile den Fan gemacht hat.

Carl von Clausewitz (1780 bis 1831), preußischer Feldherr und Militärwissenschaftler, schrieb in seinem Hauptwerk »Vom Kriege« folgende Definition: »Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.«

Ganz so martialisch ließe es sich für den Fußball sicher nicht formulieren, auch wenn die Grundaufstellung, ganz banal gedacht, in ähnlicher Konstellation erfolgt. Mann gegen Mann, zwei zu verteidigende Territorien, deren Grenz- die Mittellinie ist. Und dann wird geschossen, im besten Fall ins Tor. »Schieß, schieß«, ruft der Trainer. »Kämpfen, Gießen, kämpfen«, hallt es von den Rängen. In Zeiten des Krieges, die eigentlich doch immer sind, auch wenn sie uns nicht immer so nahe kommen, fallen die Begrifflichkeiten in eins. Und dann kann sich Sprache falsch anfühlen.

Natürlich hört Fußball längst dort auf, wo die gewalttätige Eskalation anfängt. Und wenn einer über die Stränge schlägt, erfolgt die Sanktionierung. Denn der Fußball ist ein fest im Regelwerk verankertes Spiel, das zwar manchmal grausam anzuschauen ist, wenn die Mannschaften überhaupt nichts hinbekommen, aber ansonsten fern ohne Grausamkeiten auskommt. Maximal als spielerische Ersatzhandlung eines Konfliktszenarios geht er durch.

Und auch, wenn die Kapitel des Standardwerkes von Clausewitz in einem Fußball-Lehrbuch etwas älterer Schule zu finden sein könnten - »Der Angriff in Beziehung auf die Verteidigung«, der »Charakter der strategischen Verteidigung«, die »Flankenwirkung« oder auch »Die strategische Reserve« - so ist die Benennung eines Sachverhaltes oder Vorgangs nicht zwangsläufig mit dem Sachverhalt oder Vorgang gleichzusetzen.

Deshalb ist der Kampf ums nackte Überleben, schaut man als Tabellenletzter auf die anstehenden Spiele, eine Metapher, die im Kontext stimmt. Denn es geht ums Überleben in der Liga. Aber sie gibt uns bei den Bildern und den daraus produzierten Schlagzeilen, die uns derzeit aus der Ukraine erreichen, das Gefühl, falsch zu liegen.

Am Ende ist Fußball nur ein Spiel. Der Krieg aber ist Schrecken, blutiger Ernst. Daran ändert Sprache nichts. Aber anders zu sprechen, hilft manchmal trotzdem.

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