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Fußball ist kein Wunschkonzert

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Matchwinner: Giuseppe Burgio. © Archiv

In der Regionalliga hat der FC Gießen sich endlich belohnt: Doch den drei Punkten gegen Großaspach müssen viele weitere folgen.

Gießen . Das Gießener Waldstadion dürfte der einzige Ort in Deutschland sein, an dem vor Anpfiff einer Fußball-Begegnung »Child in time« von Deep Purple in der langen Version läuft. So mancher Headbanger, der ehedem in dunklen Rock-Schuppen die langen Haare dazu schwang, hatte also am Samstagmittag sein Aha-Erlebnis.

Dass zuvor »99 Luftballons« von Nena und danach David Hasselhof aus den dröhnenden Boxen krähte, lässt zumindest den Schluss zu, dass die Zuschauerbeschallung in Gießen möglichst vielen Geschmäckern gerecht werden will. Ja, es ist alles Geschmackssache: Musik, Lieblingsverein, Stadionwurst und, ob man das Bier im Becher oder aus der Flasche trinkt. Und natürlich die Art und Weise eines Fußball-Spiels.

Nach dem 3:1-Erfolg des FC Gießen gegen SG Großaspach stellte sich ebenfalls die Geschmacksfrage. Denn während die Tribünengäste sich zumindest von Hälfte Nummer eins gut unterhalten fühlten, war Trainer Daniyel Cimen zwar mit dem Sieg sehr einverstanden (»es galt nur zu gewinnen, wir mussten uns nicht mit Ruhm bekleckern«), aber der Publikumsmeinung konnte er sich nicht anschließen: »Wenn es den Zuschauern gefällt, weil es wild hin und her geht, ist der Trainer meist unzufrieden, weil dann taktisch einiges falsch gemacht wurde«. Dabei hob der FCG-Übungsleiter vor allem darauf ab, dass seine Mannschaft es insbesondere gegen zehn Großaspacher, deren Jonas Brändle in Minute 23 aufgrund einer Notbremse zurecht Rot gesehen hatte, »wir es nicht gut gemacht haben.«

Die Beißhemmung der Gießener war tatsächlich nach dem Platzverweis und dem 1:1-Ausgleich durch Sascha Mölders spürbar. Angst essen Seele auf. Und die Angst, die in Haiger auf den letzten Drücker erlittenen Niederlage annähernd zu wiederholen, war ab Minute 25 abzulesen. Wobei es freilich auch keinen Grund gab, gegen den spielerisch ebenfalls nicht gerade glänzenden Mitkonkurrenten ins offene Messer zu laufen.

Dass sich die Geduld auszahlte, lag an diesem Tag am lange vermissten Spielertyp »Knipser«, den Giuseppe Burgio diesmal in herausragender Manier gab. Nun könnte man sagen, dafür sei der 33-Jährige schließlich geholt worden. Wenn der bis dato mehr verletzt und krank ausfallende Mittelstürmer mit dem »tiefen Schwerpunkt« häufiger hätte spielen können, hätte der FC Gießen mit Sicherheit einige Punkte mehr auf dem Konto. Er sei noch nicht bei »hundert Prozent«, diktierte Burgio nach dem Spiel in die Blöcke. Seine beiden piekfeinen Treffer und ein vehementer Kracher gegen die Unterkante der Latte, der als Kopie des Wembley-Tores durchging, geben Hoffnung, dass er selbst mit 70/80 Prozent seines Leistungsvermögens der Cimen-Elf im Saisonendspurt den entscheidenden Spirit geben könnte.

Zumindest hatte Burgio im Mittelstürmer-Duell mit Sascha Mölders an diesem Tag die Nase vorn. Der seit Sonntag 37 Jahre alte Ex-Profi des FC Augsburg sorgte auf dem Platz im Dauerduell mit dem 40-jährigen Michael Fink für die atonale Begleitmusik, denn Mölders ließ keinen Pfiff des sehr guten Schiedsrichters Arianit Besiri aus Trier unkommentiert, lamentierte, gestikulierte - und raunzte auch schon mal seine Mitspieler (»Mensch, spiel den Ball ab«) an. Vermutlich war Mölders, der blitzsauber zum 1:1 traf, abgenervt von Finks nicht nachlassender Vehemenz im Zweikampf, die Großaspachs Nummer 33 im Verbund mit Marian Sarr den Zahn zog.

Headbanging gab es in den 90 Minuten also auch jenseits der Deep Purple-Hymne zu bewundern - die permanenten Kopfball-Duelle, die meist Fink gewann (»er ist da einfach sauclever«, sagte Cimen) waren ein Schlüssel zum Erfolg. Und wer weiß, ob nicht »Child in time« Gießen den nötigen Schwung verlieh gegen einen Gast, der bekanntermaßen vom Hotelier und ehemaligen Spielerberater Uli Ferber mäzeniert wird, der mit Schlagersängerin Andrea Berg verheiratet ist. An diesem Tag, so könnte man sagen, hatte der Rock (gegenüber dem Schalger) die Hosen an. Misstöne, wie die aus disziplinarischen Gründen in Haiger vorgenommene Degradierung von Torwart Freddy Löhe, wurden von der Siegerhymne übertönt. Löhe stand gegen Großaspach wieder im Tor - und hatte einmal mehr großen Anteil am wichtigen Erfolg.

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