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Gar nichts neu macht der Mai

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In ihrem ersten Jahr an der Lahn müssen sich Headcoach Pete Strobl (l.) und Sportdirektor Sebastian Schmidt. © Schepp

Mit den Gießen 46ers und dem FC Gießen sind zwei sportliche Größen aus ihren Ligen abgestiegen. Ein Offenbarungseid für die Vereine - und die Stadt. Ein Kommentar.

Alles neu macht der Mai. Heißt es in einem ebenso alten wie bekannten Kinderlied von Hermann Adam von Kamp, der den Text vor knapp 200 Jahren ersann. Von daher haben die Gießen 46ers und der FC Gießen alles richtig (falsch) gemacht, indem sie sich am ersten Maiwochenende Hand in Hand aus Bundes- beziehungsweise Regionalliga verabschiedeten. Alles neu? Oder vielmehr nicht doch alles beim Alten? Bis auf die Liga?

Ein schwarzes Sport-Wochenende für eine Stadt, die das Label Sportstadt schon lange nicht mehr verdient. Ob sie es je verdient hat, zum Beispiel zu Zeiten, als der USC Gießen und der MTV 1846 Gießen noch in den Volleyball- und Basketball-Oberhäusern für Furore sorgten, oder - zehn Jahre später - der TV Lützellinden Gießen auf die internationale Landkarte des Frauenhandballs hievte, das ist sowieso die Frage.

Fast scheint es so, als verabschiede sich die Stadt gemeinsam mit ihren Vereinen von der Sport-Landkarte, denn welche Argumente haben die 46ers jetzt noch, für eine Aufwertung oder gar einen Neubau einer Halle zu trommeln? Und wie will der FC Gießen argumentieren, dass er Flutlicht benötige, eine Sprinkleranlage oder den Hartplatz gerne mit Unterstützung der Stadt zu einem Kunstrasen ausgebaut sähe? Sowohl die 46ers als auch der FC haben sich mit dem sportlichen Abstieg selbst aller Trümpfe beraubt, um noch Forderungen stellen zu können. Die Gießen 46ers und der FC Gießen sind zudem weniger Vereine als mehr oder minder große Unternehmen, die eben auch vernünftig geführt werden müssen. Eine Kommune mag zwar im besten Falle bereit und in der Lage sein, eine angemessene Infrastruktur bereitzustellen, sie muss es aber im professionellen Bereich nicht zwangsläufig. Da müssen auch die profesionellen Sportvereine ihre Hausaufgaben machen. Und das ist da wie dort aus verschiedenen Gründen nicht gelungen.

Andereseits: Gießen ist ein Paradebeispiel dafür, wie man es eben nicht macht, wenn es einem als Kommune wichtig ist, den Sport als Vehikel für nationale und internationale Bekanntheit zu nutzen, oder wenigstens das eigene Image zu befördern oder aufzupolieren. Zu viele Sonntagsreden, zu wenig Überzeugung, zu viele Pläne in zu vielen Schubladen, zu viele Ideen auf die lange Bank geschoben, anstatt z. B. eine Hallenlösung zu finden, die in Gießen gefühlt seit dem Gründungsjahr 1846 diskutiert wird. Wer die Trainingsbedingungen der 46ers, in dieser Zeitung auf einer Doppelseite präsentiert, kennt, der sieht einen Baustein des Misserfolgs, der genauso relevant ist, wie die offenkundig miserable personelle Planung der sportlich Verantwortlichen.

Wenn Lars Windhorst als Investor des Fußball-Bundesligisten Herha BSC in gänzlich anderen finanziellen Dimensionen klagt, er lasse sein Geld nicht verbrennen, dann darf dieses Leid auf deutlich bescheidenerem Niveau auch bei den Geldgebern der 46ers und - in noch abgespeckterer Variante - beim FC Gießen geklagt werden. Wenn man beim Basketball-Bundesligisten »Wildcard« wörtlich mit »wilde Karte« übersetzt, passt es. Was für eine Vergeudung. Vogelwild heißt es über eine chaotische Spielweise, vogelwild ist in Gießen das, was in diesen Vereinen und der Stadt (infra)strukturell vor sich geht. Dass Walter Müller, Ehrenvositzender des MTV 1846 und seit Jahren mit größter Expertise in der Sportkommission aktiv, schon seit Jahren seine Pläne für ein Sportzentrum von Pontius zu Pilatus schleppt, ohne Resonanz, wird an dieser Stelle alle paar Jahre geschrieben. Immer, wenn was im Argen liegt. Und das ist viel zu oft der Fall. Nicht nur im Mai, diesmal aber gewaltig.

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