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Geburtstagsgrüße für die Wagners

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Als die Bilder laufen lernten: Ottmar Wagner verlässt den Platz, Karl-Heinz Wagner ist zur Stelle. © Archiv

Gießen . Eigentlich hätte man es wissen können, dass das alles aus dem Ruder laufen würde. Da denkt man sich, man habe eine gute Idee und dann könne man ein wunderbares Interview mit zwei echten Charakterköpfen führen. Und dann wird man eines Besseren belehrt. Denn natürlich ist bei so einem Treffen der besonderen Art nicht alles planbar -- und so sitzt man mit (Karl-Heinz) Wagner und (Ottmar) Wagner fast drei Stunden beisammen, ebenso geboostert wie begeistert wie betroffen.

Denn bei diesem Gespräch geht es nicht nur um Fußball gestern und heute, sondern auch um Krieg, um Klimawandel, um Anstand, die Gesellschaft, ja um das Leben schlechthin. So ist diese Seite ein Versuch, dem irgendwie gerecht zu werden und zwei ehedem großartige Sportsmänner und echte Typen an ihrem Geburtstag zu ehren: Karl-Heinz Wagner, der heute 85 Jahre alt wird, Ottmar Wagner, der heute 68 Jahre alt wird. Beide verbindet der VfB 1900 Gießen, zu dem Wagner, der Ältere, Wagner, den Jüngeren, 1979 vom KSV Hessen Kassel holte. Und beide verbindet auch immer noch eine Freundschaft, denn »so ein Mannschaftssport, so wie wir das damals verstanden haben, prägt einen doch ein Leben lang«, sagt der jüngere Wagner. Und der ältere Wagner nickt. Und schon ist man mittendrin im Gespräch - in der Zeitreise.

Zum Einstieg

Ottmar Wagner (OW): »Karl-Heinz war ein begnadeter Sänger. Die Heimfahrten vom Auswärtsspiel waren immer sehr kurzweilig. Mit dem ein oder anderen Bier wurde dann kräftig geschmettert. Mit Karl-Heinz als Vorsänger.«

Karl-Heinz Wagner (KHW): »Ich war im Allendorfer Gesangverein und da sogar Solosänger.«

Gab es da Niederlagen- und Gewinnerlieder?

OW: »Das war beim Karl-Heinz völlig egal.«

KHW: »Es ist nie etwas so schlecht, dass es nicht auch eine gute Seite hätte. Auch die Niederlage. Daraus kann man unheimlich viel lernen, im Gegensatz zum Sieg. Und deshalb wird auch nach der Niederlage gesungen.«

OW: »Wenn man früher nach dem Spiel in die Vereinskneipe gegangen ist, hat man lange übers Spiel geredet. Und was gelernt. Weil heute keiner in die Vereinskneipe geht, lernen sie auch nicht viel.«

KHW: »Als ich 1956 meinen Vertrag unterschrieben habe, stand da drin, dass wir nach dem Spiel mindestens eine Stunde zusammenbleiben müssen. Das hätten wir aber auch so gemacht.«

OW: »Das muss man auch eigentlich nicht in den Vertrag reinschreiben, das ist doch Sinn und Zweck der Sache, nach dem Spiel zusammenzusitzen. Ich beobachte aber, dass das immer weniger wird.«

Auf dem Platz liegt die Wahrheit...

OW: »Ich gebe ja zu, dass ich auf dem Platz ein Arschloch war. Gegenüber dem Gegner, aber auch den Mitspielern. Wir haben uns da bearbeitet, das war heftig, aber danach war das alles vergessen.«

KHW: »Weil die Abwehrspieler damals die Stürmer immer so traten, hat der Ottmar sich immer kräftig gewehrt, Fuß nach hinten raus, dann hat sich der andere wehgetan.«

OW: »Es war nicht schön. Die größten Treter haben immer gegen mich gespielt. Und wenn ich den Gegenspieler ausgespielt hatte, stand der Libero schon da. Heute verteidigen sie ja im Raum, da gibt’s viel mehr Platz.«

Die Wahrheit liegt auch im Verein..

OW: »Für mich war es immer wichtig, dass ich mit den handelnden Personen gut klarkomme, dass sie mir sympatisch sind und zwischen uns alles ehrlich abläuft.«

KHW: »Ich habe nie verstanden, warum Versprechen nicht eingehalten werden. Deshalb habe ich auch alles schriftlich gemacht, damit alle wissen, wenn ich mal gegen einen Baum fahre, wer welche Ansprüche hat. Es gibt aber leider zu viele Menschen, die glauben, dass sie als Fußballabteilungsleiter oder Funktionär gleich hinter dem Oberbürgermeister kommen. Man muss sich zurücknehmen. Und sein Wort halten«

OW: »Das hat Karl-Heinz. Ich habe ja Schlosser gelernt und über ihn dann auch einen Job bei der Stadt bekommen. Das war auch eine Bedingung für den Wechsel. In Kassel war ich Vollprofi. Beim VfB haben wir ganz normal dreimal die Woche trainiert. Da waren alle, bis auf die Studenten, berufstätig.«

Wie hat sich der Fußball verändert

KHW: »Es wurde und wird immer zeitaufwändiger. Als wir 62/63 Hessenmeister wurden, haben wir auch zwei-, dreimal die Woche trainiert. Es war aber immer klar, wenn bei uns ein Student Fußball spielt, kann er in der Zeit nicht in der Kneipe arbeiten. Da musste für den Aufwand ein finanzieller Ausgleich her.«

OW: »Die Spieler heute sind fitter geworden, die Dynamik ist viel höher. Früher hat Wolfgang Overath den Ball gestoppt, geguckt und dann gespielt. Heute ist sofort einer da. Ballan- und -mitnahme im Tempo ist das Entscheidende. Aber ich würde gerne heute nochmal spielen. Da wird im Raum gedeckt, da hat man Platz. Aber heutzutage muss man natürlich technisch besser sein. Wir hatten damals, außer Rainer Jäger, keinen Filigrantechniker, wir haben damals beim VfB eine reine Kampfmannschaft gehabt.

Die Wahrheit liegt auch im Spaß...

OW: »Da fällt mir eine herrliche Geschichte ein. Wir waren wirklich eisern und professionell, vor den Spielen sind wir nicht groß weggegangen. Aber einmal haben Hansi Ahlborn, der ja ein guter Freund von mir war, Zico (Claus-Peter Zick, d. Red) , Wolfgang Strümpfler und ich die Zeit vergessen und ganz schön einen draufgemacht. Es ging dann gegen Germania Wiesbaden, wir hatten alle ein schlechtes Gewissen. Hansi hat in der Reserve gespielt und Karl-Heinz vor die Füße... - lassen wir das. Und wir haben uns richtig reingekniet und 4:0 gewonnen. Viermal Ottmar Wagner. Mein Gegenspieler hieß Steckmann, der wurde ausgewechselt.«

Der Unterschied war aber auch...

KHW: »...dass man keine Ausreden hatte, selbst wenn hier eine Geburtstagsfeier zu Hause war. Wenn gleichzeitig Mannschaftssitzung war, ist man eben später dazu gekommen. Das war halt so.«

OW: »Ja, es gab weniger Ausreden. Und weniger Ablenkung. Im Verein und in der Mannschaft hast du mitgelebt und -gefeiert. Ich war ja noch lange Trainer, da wurde dann von Spielern die Mannschaft dafür im Stich gelassen, dass man ins Stadion zum Gucken fahren wollte. Sowas geht nicht.«

Über Mannschaftsgeist...

OW: »Man muss halt einfach mal anschauen, wieviel Erfolg der SC Freiburg hat und was Christian Streich da macht. Der sieht sich seine Spieler auch privat an, wo sie herkommen, wie sie charakterlich passen. Da habe ich von meinem damaligen Auswahltrainer Bernd Stöber viel gelernt. Der hat eine Mannschaft zusammengestellt, auf die ich so nie gekommen wäre. Aber ich habe später erst begriffen, er hat Leute nach ihrem Charakter geholt, das waren nicht die besten Spieler, aber wir haben den Länderpokal gewonnen, weil es gepasst hat.«

KHW: »Wenn ich einen Spieler verpflichtet habe und ich ihn nicht kannte, bin ich immer erst zu ihm nach Hause gefahren, weil ich wissen wollte, wie das Umfeld ist und die Eltern so ticken.«

Über Gießen als Sportstadt...

KHW: »Es ist halt oft eine Geldfrage. Und auch, ob Spieler einen Arbeitsplatz bekommen können. Gießen hinkt da aber schon lange hinterher. «

OW: »In Marburg wurde im Gegensatz zu Gießen immer längerfristig geplant. Das Sportzentrum da ist den Sportstätten in Gießen um Längen voraus. Der Sport hat in Gießen keine besondere Lobby, hier wurde nie mit Weitsicht geplant.«

KHW: »Oben am Waldstadion geht ja auch alles kaputt, weil dort über Jahre schon nichts instand gehalten wird. Es ist eine Geld- und Planungsfrage. Davon ist in Gießen wenig vorhanden.«

Über den Umgang miteinander...

KHW: »Es geht, und das lernt man gerade im Mannschaftssport, im ganzen Leben darum, Respekt voreinander zu haben. Respekt vor anderen und Empathie für andere. Das ist das A und O. Das weist über den Fußball hinaus.«

Über Werte...

KHW: »Wenn man älter wird, macht man sich Gedanken darüber, was man erreicht hat. Was ich als ganz junger Bursche gelernt habe, war wichtig. Allendorf war nach dem Krieg ein gespaltenes Dorf. Da wurden Menschen aus Gesinnungsgründen verprügelt, einer sogar getötet. Und da sieht man erst, was das für eine Leistung war, das alles zu vergeben und zu kitten, um wieder vernünftig miteinander leben zu können.«

Über den Krieg...

KHW: »Wenn man das heute in der Ukraine sieht, das ist schrecklich. Die Kinder werden alles mitnehmen und nie vergessen. Ich selbst wäre nicht nach Gießen gekommen, wenn mein Vater nicht gefallen wäre. Ich bin ja in Darmstadt geboren, aber dann kamen wir 1943 wieder hierher zu den Eltern meiner Mutter. Als die Amerikaner kamen, waren wir im Bunker. Wir sind als Kinder über den Acker gerobbt, über uns flogen die Granaten, wir lagen in der Furche, wenn die Tiefflieger kamen. Das ist grauenhaft, einfach nur grauenhaft. Was die Kinder in Syrien erleben, im Irak oder jetzt in der Ukraine, das werden sie nie vergessen. Ich kann das alles nicht mehr nachvollziehen.«

OW: »Meine Generation ist da so privilegiert. 1954 geboren, nie einen Krieg erlebt, es ging immer nur aufwärts. Und jetzt haben wir diese Entwicklungen mit der Klimakrise...»

KHW: »Das ist noch die größere Katastrophe als der Krieg. Der Krieg ist für viele eine persönliche Katastrophe, das andere wird zur globalen Katastrophe.«

OW: »Da muss jeder bei sich selbst anfangen, aber ob das aufzuhalten ist?«.

Ein schwieriger Spagat vom Fußball zur Weltpolitik zurück zum Geburtstag, den beide Wagners heute (»coronabedingt«) in kleinem Kreis feiern. Karl-Heinz Wagner: »Man muss für jeden Tag dankbar sein. Und guter Dinge. Alles andere hilft ja nichts.«

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