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Gedanklich schon in der Heimat?

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Führungsfigur mit deutlichen Worten: Kendale McCullum (rechts) spricht nach dem Sieg in Bayreuth Klartext. © Schepp

Gießen. »Einen kleinen Schritt für einen Menschen, aber einen großen Sprung für die Menschheit«, hatte Neil Armstrong gesehen, als er im Juli 1969 die oberste Sprosse der Leiter bestieg, um aus dem Landemodul »Eagle« auf die Mondoberfläche hinabzuklettern. Die Apollo-Mission war am Ziel.

Noch lange nicht am Ziel sind die Gießen 46ers, die den Klassenerhalt in der Basketball-Bundesliga anstreben und dafür am Mittwochabend beim 95:89-Erfolg in Bayreuth einen Beitrag leisteten. Um bei Neil Armstrong zu bleiben: Es war nur ein kleiner Schritt auf dem steinigen Weg zum großen Sprung ins Oberhaus 2022/23. Noch ist nichts erreicht, noch stehen die Unistädter auf einem Abstiegsplatz, noch wirken die kommenden Hürden kaum oder nur schwer überwindbar: Am Sonntag (15 Uhr) zu Hause gegen Meister Alba Berlin, dann in Weißenfels und in Ulm.

Gießen 46ers - Alba Berlin (Sonntag, 15 Uhr)

»Egal, gegen wen wir spielen: Wer unten steht, ist immer Außenseiter«, tritt Trainer Pete Strobl ein wenig auf die Spaßbremse. »Für Tradition können wir uns in der aktuellen Situation nichts kaufen. Die Fotos aus der guten, alten Zeit sind schwarz-weiß, die Realität sieht ganz anders aus.« Was der 44-Jährige allerdings verspricht: »Wir arbeiten jeden Tag hart, wir sind hochkonzentriert, wir gehen jedes Match mit Leidenschaft an, auch wenn uns die Umsetzung nicht immer glückt.«

Gerne hätte Strobl seine Jungs nach einer kurzen Nacht, »in der ich quasi jeden Spielzug aus Bayreuth noch einmal durchgegangen bin« und in der er mit seiner Frau Sheryl den Sieg noch einmal hat Revue passieren lassen, zum Training gebeten, doch hat ihn die Gießener Realität mal wieder eingeholt.

Keine Halle zur Verfügung

Weder Osthalle noch die Sporthalle in den Rivers standen ihm an Donnerstag zur Verfügung, »also sehe ich meine Truppe erst am Freitagabend wieder, um sie auf das kommende Match einzustimmen.«

Was ihm mit dem Rückenwind aus Oberfranken leichter fallen dürfte als nach zuvor elf Niederlagen aus zwölf Partien. Denn bei den selbsternannten »Heroes of tomorrow«, den »Helden von morgen«, haben seine 46ers, die weiter auf TJ Williams (Außenbandanriss im Knie) verzichten müssen, viel richtig gemacht. Allen voran: Sie haben sich nicht - wie gegen Ludwigsburg - hängengelassen. Sie haben gefightet und einen Zwölf-Punkte-Rückstand (44:56) mit einem 33:14-Lauf in eine 77:70-Führung und schließlich in einen 95:89-Erfolg gedreht.

Sie haben endlich von der Freiwurflinie geliefert und 84 Prozent (nach zuvor 33) getroffen. Sie haben neun von 20 Dreiern versenkt. Sie hatten Unterstützung durch die deutsche Fraktion um Starter Bjarne Kraushaar, Dennis Nawrocki und Florian Koch. Sie hatten Dominanz unter den Brettern mit Phil Fayne, der eine hundertprozentige Trefferquote auflegte, und JD Miller, der in fast 26 Minuten ackerte wie ein Berserker und immerhin vier Rebounds pflückte. Sie hatten einen stark verteidigenden Martins Laksa.

Und vor allem: Sie hatten erneut einen Kapitän in Bestform. In fast 36 Minuten besorgte Kendale McCullum 23 Punkte, angelte sich vier Abpraller, gefiel mit acht Assists und stahl drei Bälle. Und der 25-Jährige redete nach dem Match Tacheles: »Hier gibt es Spieler, die bereits gedanklich in der Heimat sind und mit der Saison schon abgeschlossen haben«, wussten alle, dass McCullum mit seiner Kritik vor allem Nuni Omot meinte, der zwar 20 Zähler besorgt hatte, der jedoch intern ständig aneckt und nur schwer zu zügeln ist.

Alba liegt auf Kurs

Das deutsche Sprichwort vom »faulen Apfel« kennt McCullum nicht, dennoch fühlte er sich bemüßigt, als Kapitän voranzugehen, Probleme klar zu benennen und (ein wenig verklausuliert) darauf hinzuweisen, dass der Klassenerhalt nur gelingen wird, wenn alle an einem Strang ziehen.

Was auch Martins Laksa unterstrich: »In Bayreuth haben wir endlich mal als Team gespielt, das muss uns auch gegen eine Euro-League-Mannschaft wie Alba Berlin gelingen«, blickte der nette Lette auf das sonntägliche Match gegen den Meister und Pokalsieger voraus. »Vielleicht können wir sie ja ein wenig überraschen, ein wenig ärgern.« Tatsache ist: Die Hauptstädter liegen auf Kurs, national wie international. Coach Israel Gonzales, der das freie, schnelle und dynamische Spiel seines Vorgängers Aito Garcia Reneses perfektioniert hat, verfügt über eine Mannschaft, die Meister werden kann und will, die aber auch in Europa für Aufsehen sorgen möchte und dies mit zuletzt drei Siegen über Zalgiris Kaunas, beim französischen Meister Asvel Villeurbann und gegen Zenit Sankt Petersburg auch unterstrich.

Sportdirektor Himar Ojeda und Geschäftsführer Marco Baldi haben zusammen mit ihrem neuen spanischen Übungsleiter ein Team zusammengestellt, das allerhöchsten Ansprüchen genügt. Mit Leader Luke Sikma, mit Regisseur Maodo Lo sowie mit Johannes Thiemann, US-Center Ben Lammers sowie dem aus Kamerun stammenden 2,21-Meter-Hünen Christ Koumadje, der unter den Körben aufzuräumen weiß.

Alba Berlin zu besiegen wäre für die Gießen 46ers dann kein kleiner Schritt auf dem steinigen Weg zum Verbleib im Oberhaus ...

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