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Lena Rehorn, FSV Rot West Gießen.

Gegen jeden Zweifel

Gießen. Lena Rehorn ist das, was man eine Spätstarterin nennen würde - zumindest in Bezug zum Fußball. Während man in der Regel bereits im Kleinkindalter das Fußball-ABC erlernt, hat es bei der heute 26-Jährigen ein wenig länger gedauert - bis zum Frühjahr 2019, um genau zu sein. »Ich habe mich schon immer für den Fußball interessiert, mich aber immer gefragt, wie ich am besten anfange«, verrät Rehorn rückblickend.

Indem man sich einfach an einen Club wendet und sich bei diesem anmeldet, möchte man Lena Rehorn entgegnen. Eintracht Lollar, TSV Klein-Linden, SG Kinzenbach, FC Gießen, SG Reiskirchen/Saasen, oder, oder, oder - die Möglichkeiten, im Frauen-Fußball Fuß zu fassen, sind im Kreis Gießen gegeben. Doch kamen diese Optionen für die Angreiferin nicht infrage. »Um ehrlich zu sein, komme ich mit Männern einfach besser klar«,gesteht sie mit einem Lachen. Und so schrumpften die Möglichkeiten zusammen - insbesondere mit Blick auf eine Teilnahme am Ligabetrieb. Denn: Solange sich Frauen-Teams im näheren Umkreis befinden, darf Rehorn in keiner Herren-Mannschaft an den Start gehen und um Punkte spielen. Eine unerfreuliche Situation für die junge Frau.

Start in der Bunten Liga

Ihre sportliche Heimat findet Rehorn schließlich beim FSV Rot West Gießen. »Über einen Ex-Freund, der damals noch für den Club gespielt hatte, bin ich zu Rot West gekommen«, erinnert sie sich. »Irgendwann hat er mich einfach mitgenommen und ich bin dort hängen geblieben.« In der Weststadt sammelt die angehende Architektin in der sogenannten Bunten Liga ihre ersten fußballerischen Erfahrungen. Gemischte Mannschaften sind dort an der Tagesordnung und bei allen Beteiligten in höchstem Maße akzeptiert. »Und so etwas wie eine Meisterschaft gibt es dort ja auch.«

Mit Beginn der laufenden Saison erfolgt schließlich der Wechsel in die erste Herren-Mannschaft - weil das Bunte-Liga-Team nicht mehr antritt, Rehorn aber den Club nicht verlassen will. Zu sehr ist sie schon in den Verein hineingewachsen. So bleibt sie, um zu trainieren und sich fit zu halten. »Aber Manuel Schmidt, unserer damaliger Trainer, wollte einfach klären, ob auch die Möglichkeit besteht, dass wir regulär im Ligabetrieb mitspielen dürfen.« Wir - damit meint Lena Rehorn auch Stephanie Ott, die ebenfalls für Rot West die Schuhe schnürt.

Der Wechsel von der B-Liga in die Reserve-Runde zu Beginn der laufenden Saison macht das Spielen letzten Endes möglich. Für Rehorn durchaus mit Erfolg. Die Stürmerin spielt sich schnell im Team fest, kommt in den meisten Partien zum Einsatz, wenn auch (noch) nicht zu einem Torerfolg. Der Draht zu den männlichen Kollegen sei dabei sehr gut, wenngleich diese - laut Rehorn - anfangs doch ein wenig zurückhaltend waren. »Auch Gegenspieler wussten zunächst nicht, wie sie auf Stephanie und mich reagieren sollten, fragten sich, was das soll.«

So gibt es immer mal wieder zweifelhafte Sprüche. »Einmal hat mich ein kleinerer Gegenspieler gefragt, wie er mich bei einem Eckball verteidigen soll. Er wüsste nicht, wie er mich als Frau vom Ball fernhalten soll«, blickt Lena Rehorn schulterzuckend zurück, hat die Antwort aber rasch auf den Lippen: »Das muss der dann schon selber wissen.«

Schlimmer seien aber die immer mal vorkommenden, abwertenden Aussagen. »Ach, Schiri, da musst du doch kein Abseits pfeifen. Das ist doch nur eine Frau«, zitiert die 26-Jährige aus dem Gedächtnis heraus. »Ich kann viel wegstecken, aber der Spruch ging gar nicht.« So stoße ihr insbesondere der Teil, »nur eine Frau« übel auf. Zumal es ja auch nur Kreisliga-Fußball sei - eine Klasse, in der man in erster Linie zum antrete, um Spaß zu haben.

Dennoch: Im Großen und Ganzen verfliegen die Zweifel der Gegenspieler sehr schnell, wenn sie merken, dass es Ott und Rehorn durchaus auch ernst meinen. Und dass die beiden Frauen vor allem Spaß haben. »Richtig cool waren die Jungs von Garbenteich/Hausen«, berichtet die 26-Jährige. Gleich neun Gegentreffer müssen die Weststädter Anfang November einstecken. »Und doch gab es viele aufmunternde Worte. Und sie fanden es cool, dass Stephanie und ich mitspielen.«

Aus sportlicher Sicht verläuft die Saison für den FSV allerdings ernüchternd. Nach elf Spielen stehen die Weststädter aktuell auf Rang elf bei fünf Pünktchen. »Wir arbeiten aber daran, dass es besser wird«, verkneift sich Rehorn ein Lächeln und betont, dass man insbesondere den ersten Teil der Hinrunde durchaus ernsthaft angegangen sei. »So richtig mit Taktiktafel und so. Auch der Trainer will eine entsprechende Leistung sehen.« Erst in den vergangenen drei Partien sei ein bisschen der Schlendrian reingekommen, »weil zum Beispiel auch mal der Keeper als Feldspieler auflaufen wollte.« Da ist dann einfach mal der Coach in den Kasten gegangen. Der Leistungsgedanke sei zum Schluss nicht mehr so hoch gewesen, daraus resultierte auch die 1:14-Klatsche gegen den TSV Allendorf/Lahn II. »Das Bier danach schmeckt aber trotzdem gut.«

Eine Zukunft mit Fragezeichen

Nicht nur der Verzehr des Hopfen-Getränks zeigt: Lena Rehorn ist im Männer-Fußball angekommen. Und doch ist ihre Zukunft ungewiss. Denn der FSV Rot West Gießen möchte ab kommender Runde wieder für die B-Liga melden. Das heißt für das Frauenduo, dass es sich nach einer neuen sportlichen Heimat umschauen müsste. Stephanie Ott zieht es voraussichtlich nach Wetzlar zum SV Hermannstein - und Rehorn? »Das weiß ich noch nicht«, ist sich die 26-Jährige unsicher.

Auch eine Zukunft in der Bunten Liga sei möglich. Zurück zu den Wurzeln. Bei Lazio Koma kickt sie ohnehin mit. Dazu würde sie weiterhin das Training bei Rot West besuchen. »Oder ich suche mir eine andere Reserve-Mannschaft. So oder so ist es schade, dass ich vom Verband gezwungen werde, mir einen neuen Verein zu suchen«, legt sie den Finger in die Wunde. Kein Wunder: Hat es doch über 20 Jahre gedauert, sich einem Club anzuschließen. Wobei: Mit dem ersten Wechsel nach zwei Jahren wäre sie in dieser Hinsicht immerhin keine Spätstarterin mehr.

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